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[Zweites Kapitel]

Full text: Mich hungert / Fink, Georg (Public Domain)

dem gespannten Stoff, er ging immer grade, stolz, 
sein Haar glänzte. Alle hatten Angst vor ihm. Ich ging 
dann stets sofort mit ihm. Ich hätte nie gewagt, mich 
zu entziehen. Nicht aus F eigheit, ich fürchtete ihn 
nicht. Aber ich wußte, er würde auf offener Straße 
losbrechen, wenn ich widerstrebte, Skandal machen. 
Und davor schämte ich mich. Die Schule sollte nicht 
sehen, daß ich Schläge bekam. 
Er führte mich betteln... Immer noch. Bis zu 
meinem neunten Jahr. Bis das große Wunder geschah. 
Ich war mit neun noch immer klein und so komisch 
mager, ich sah gewiß erst aus wie sieben. Und jetzt, 
mit sieben, hielt man mich wohl kaum für schul- 
Pflichtig. Man konnte schon Mitleid mit mir haben. 
Er ging hinter mir her. Ich wandte mich um und 
wagte zu sagen: 
„Aber ich müßte ja nach Haus! Henny und Mark 
haben nichts zu essen — 
„Ich habe ihnen gegeben,‘ knurrte er. 
Ich wußte — aus Erfahrung: er log. Aber konnte 
ich ihm das sagen? Er ging drei Schritte hinter mir, 
ich spürte dennoch seine stoßende Faust im Genick. 
Er stieß mich die Brunnenstraße hinunter, die Rosen- 
taler- und Weinmeister- und Münzstraße. Das war 
gute Gegend zum Schnorren. Wenn einer, wie ich, 
wie ein kleiner Jud aussah. Ich mußte durch die Gre- 
hadierstraße — ach, da kam aus jüdischen Speise- 
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