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[Viertes Kapitel]

Full text: Mich hungert / Fink, Georg (Public Domain)

Sie sprach nie anders als hochmütig zu mir, über 
mich hinweg, sie suchte nach jeder Möglichkeit, mir 
weh zu tun, mich zu beleidigen, und sie scheute keine 
Öffentlichkeit, suchte sie vielmehr, um mich bloß- 
zustellen oder zu beschämen. 
Ich mußte Sonntags, um zurecht zu meiner Arbeit, 
zu meiner Nummer zu kommen, aufbrechen, wenn 
alle noch da waren, ihre Freundinnen und Freunde, 
Stefans Musikkameraden, Thomas Falks Umgang. 
Und da konnte sie etwa, wenn ich mich vor ihr 
verbeugte — sie gab mir nie die Hand — sagen, 
indem sie mich — ich war kleiner als sie — von 
oben bis unten ansah, und ihr Blick ruhte auf allem, 
was mangelhaft an mir war, am Krawattenmuster, 
an der Schuhform so herausfordernd, daß jedem diese 
Schäden aufgingen — sie konnte mit der Kälte einer 
Königin sagen, als spräche sie zu ihrem Friseur: 
„Sie müssen ja Milch und Honig, Schafe und Ka- 
mele in Fülle haben!‘ 
Und als ich sie verständnislos ansah und einige 
junge Leute schon kicherten, fuhr sie fort: 
„Ja,‘“ und sie betonte es nachlässig, „Sie, Sie 
sollten doch im Alten Testament Bescheid wissen, 
daß Gott der Herr die Gerechten mit Milch und Ho- 
nig belohnt und die Gottesfürchtigen mit Kamelen 
und Schafen. Und Sie pflegen ja immerdar Gerech- 
tigkeit und Gottesfurcht “ 
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