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10. Kapitel

Full text: Mammon / Edel, Edmund (Public Domain)

10. Kapitel 
(Die Liebe ist, wenn auch nicht immer blind, so doch manchmal kurzsichtig) 
Anton Hollmann drehte den grünen Briefumschlag in der 
Hand herum. Es kam im allgemeinen nicht häufig vor, daß 
der Briefträger am Morgen, bevor er die Treppen eilig wie im 
Sturmangriff nahm, beim Portier eine Postsache abgab. Höch⸗ 
stens einmal eine Ansichtspostkarte für Fräulein Hilde. Heute 
war der Briefträger vor der Portierloge stehengeblieben, hatde 
an das kleine Fensterchen geklopft, hinter dem Anton die 
Wache hielt, wie ein treuer Hofhund, und hatte ihm einen 
grünen Brief gegeben, auf dem in Schreibmaschinenschrift 
Name und Adresse: Anton Hollmann, ... straße 185, Ber⸗ 
lin⸗Wilmersdorf, stand. Dann las Vater Anton, vielleicht zum 
zehnten Male, die am Kopf aufgedruckte Zeile: „Einkaufs⸗ 
gesellschaft m. b. H., Berlin, S.W.“ 
Endlich entschloß er sich, diese seltsame Sendung zu öffnen. 
Er stieg gemächlich die Stufen in die Stube hinunter, holte 
seine Brille, mit der er die Zeitung las und die sozusagen die 
Vermittlerin seiner Weltanschauung, die er aus diesen Zei⸗ 
tungen schöpfte, geworden war. Als er den Brief entfaltete, 
weitete sich sein Herz vor erhobenem Stolz. Der Brief war 
an die „Firma“ Anton Hollmann gerichtet. 
„Jawoll“ sagte er vor sich hin, „die Leute wissen, wie 
sie sich zu benehmen haben — —“ 
Es war ein Auftrag auf 1000 Stück Tornister, liefer⸗ 
bar innerhalb 10 Tagen. Weitere Aufträge sollten folgen. 
Mutter Auguste kam ins Zimmer. Anton saß tief über das 
Schreiben gebückt. 
„Nanu?“ fragte Mutter Auguste. 
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