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Veilchen

Full text: Großstadtgeschichten / Baluschek, Hans (Public Domain)

Herr Gräbert klakschte in die Hände und 
machte „Pssst!“ 
Eine Magd zog das Grammophon auf. 
Ein paar blecherne Klaviertakte erklangen — 
und „Stille Nacht, heilige Nacht ...“ quoll es aus 
dem blitzenden Trichter von einer Sopranstimme 
zum Klavier — blechern, guttural und heiser. 
Der erste Vers — der zweite — der drikke. — — 
Blöd verlegen standen die Menschen während 
des Liedes — mit übereinander gelegten oder 
baumelnden Händen; der Schwindsüchtige hatte sie 
falten wollen, doch zog er sie schnell und nervös 
ziktkernd auseinander. 
Das Weib sah finster nach der Decke, den ziem⸗ 
lich edel profilierten Kopf mit dem vollen, fettig 
strähnigen Haar in den Vacken geworfen. 
Das Lied verklang. Der Apparak wurde ab— 
gestellt. 
Herr Pastor Susemühl trak feierlich in die 
Mitte. Die gnädige Frau erhob sich und krat nach 
vorn. 
Das kiefe, mollige Organ des Geistlichen be— 
gann: 
„Ihr lieben Brüder, ihr lieben Schwestern! 
nach altem Brauch in diesem wohllkätigen Hause, 
das von Schicksalsstürmen auch nicht verschont 
geblieben ist, lasset uns uns finden in dem herr— 
lichen Bittgebet, das alles enthält, wonach das 
arme, arme Menschenherz bangt. Es ist das 
Vaterunser! —“ 
Und laut und klar jedes Wort sprechend, betete 
der Pastor mit erhobenen Augen. — 
„Denn dein ist das Reich und die Krafk und 
die Herrlichkeit in Ewigkeit! — Amen!“ schloß 
er liefatmend. 
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