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Der Mann, der Käse und der Tod

Full text: Das Sling-Buch / Sling (Public Domain)

Das Sling-Buch 
gefunden haben, worüber er sich in seiner Todesstunde hätte 
ärgern können, als ein Stück Käse. Vielleicht aber hätte er 
sich im Bewußtsein des nahen Endes überhaupt nicht ärgern 
wollen. Das ist eigentlich das, was man aus diesem Fall 
lernen kann, namentlich wenn man zum Querulanten veran⸗ 
lagt ist. Viel nützt diese Erkenntnis übrigens nicht. Man stirbt 
dennoch, irgendwann, an irgendwas. 
Sehr zu bedenken bleibt der Ausspruch des anderen Kas⸗ 
sierers: es käme von der Unterernährung. Wie, wenn der Mann 
das Stück Käse — anstatt es nachzuwiegen und mit ihm den 
weiten Weg von der Wohnung bis zu dem Laden zurückzulegen 
— einfach gegessen hätte? Es war immerhin zumindest beinahe 
ein achtel Pfund Käse, dazu noch Brot und vielleicht ein Stück⸗ 
chen Butter. Er wäre davon nicht ganz satt geworden, aber 
er wäre wohl auch nicht so hungrig gewesen, wie er im Augen⸗ 
blick des Todes möglicherweise war. Seine Nerven hätten sich 
beruhigt, er wäre seiner Arbeit nachgegangen, vielleicht seinem 
Schicksal noch einmal ausgewichen? 
Ich weiß es nicht. Dennoch erwächst aus diesen Gedanken 
die Achtung vor diesem Querulanten, vor seinem Charakter. 
Er hungerte lieber, als daß er auf sein Recht verzichtete. Er 
war ein Esel, aber ein Esel mit einem Zuge von Größe. Und 
jedes Zeichen von Größe ist wert, geachtet und gegrüßt zu 
werden. Oder nein, man soll ihn nicht beschimpfen, seine see⸗ 
lische Erregung war mächtiger als sein animalischer Trieb 
nach Sättigung und Genuß. Darin unterscheidet sich der 
Mensch vom Tiere. Hier starb ein Mensch, sein Tod war nur 
dazu da, das zu erweisen. Und auch, daß sehr wenig dabei 
herauskommt, wenn man ein Wensch ist. 
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