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Sie sind der erste

Full text: Ick lach ma'n Ast / Lederer, Franz (Public Domain)

seiner Weste. Ließ er sie zu, dann war das Programm 
tadellos. Aber wehe, wenn sie losgelassen. — — Es 
gab Abende, an deren Schluß er, ohne es zu wissen, mit 
offener Weste dastand. Ein solch kritischer Abend aller⸗ 
erster Ordnung war der erste September irgendeines 
Jahres. Saison-Beginn, ein langes, teures Programm. 
Schon hatten mehrere Nummern versagt — drei 
Westenknöpfe waren bereits abgedreht. Da nahte die 
Hauptnummer, ein Tier-Potpourri — Affe, Hund, 
Schwein, Pony und Elefant — und, selbstverständlich, 
die dazu gehörende Dompteuse. Die Nummer war über 
See gekommen, die Tiere hatten zwei Tage auf dem 
Schiff gestanden, waren dann sofort auf Bahn verladen 
und kamen samt ihrer Herrin gerade noch kurz vor 
dem Termin ihres Auftretens an. Die Dompteuse, 
eine breitausladende, auf sehr massigen Piedestalen 
stehende Erscheinung, hatte, während die Tiere aus— 
geladen wurden, gerade noch Zeit, in die prallen 
Trikots zu steigen und ihren gewaltigen Haarwuschel 
zu befestigen, als auch schon die Glocke zum Beginn der 
Vorführung erklang. Programmäßig wurden die Tiere 
der Reihe nach auf die Bühne gelassen, um dort die 
ihnen vertrauten Plätze einzunehmen. Nun wolle man 
erwägen: die vierbeinigen Künstler standen, mit Futter 
gut versehen, zwei Tage in drangvoll fürchterlicher 
Enge fast regungslos auf dem Schiff, auf der Bahn 
ging es ihnen nicht besser — und nun, nach mancherlei 
drückenden Verdauungsbeschwerden, galt ihr erster 
Schritt — der Bühne. Kann man es ihnen verdenken, 
wenn sie sich nicht gleich gehorsam auf ihren Platz be⸗ 
gaben, sondern sich erst, je nach Temperament und Be⸗ 
dürfnis, mehrmals im Kreise drehten, um ihr Herz zu 
erleichten? Und war es nicht ganz natürlich, daß 
ihnen, den Tieren, dabei etwas — Menschliches 
passierte? Der Affe kam zuerst in wilden Sprüngen 
ängstlich hereingerast, drehte sich achtmal um die eigene 
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