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VI. Die Westdeutsche Zeit

Full text: Dr. Carl Sonnenschein / Thrasolt, Ernst (Public Domain)

Er suchte sie Woche für Woche, bis in die tiefe Nacht 
hinein, in ihren Baracken und Quartieren auf, ein alter 
Mann begleitete ihn dabei mit der Laterne; er wehrte 
dem Eindringen der freien Gewerkschaften, organisierte 
sie zu Tausenden in den christlichen Gewerkschaften, 
veranstaltete im Marienheim Familiennachmittage für 
sie, zu denen sie mit Frau und Kindern und Säuglingen 
kamen, wie später in Berlin. Bezeichnendes Licht auf 
seine Art der Seelsorge, die damals schon mehr soziale 
Fürsorge war, wirft die Tatsache, daß auf die von ilim 
Betreuten zwei Drittel weniger Osterkommunionen kamen 
als auf die, die ein anderer Mitkaplan und Studien- 
genosse aus dem Germanikum betreute. 
Zwei große „Affären‘“ aber hatte er in Elberfeld, die 
Schilleraffäre und die Streikaffäre. 
Zum Schiller-Jubiläum 1905 waren in Elber- 
feld an die „würdigen‘ Schüler und Schülerinnen 
Schillers „Sämtliche Werke‘ verteilt worden; ein katho- 
lischer Rektor aber hatte vorher die „Räuber‘“ heraus- 
geschnitten, und es gab einen großen Spektakel. Sonnen- 
schein setzte sich an die Spitze derer, die diese Säube- 
rung der Klassiker verteidigten; er machte die Sache 
in der Zeitung, dem Wuppertaler Volksblatt, und in 
öffentlichen Versammlungen. Er redete wie ein Demo- 
sthenes (schon damals imponierte es Gymnasiasten, daß 
er kam und fragte: worüber soll ich reden? und dann 
sofort eine vollendete Rede hielt), er kam nicht mehr 
von der Redaktion des Volksblattes ; das Blatt wurde, etwas 
Unerhörtes für damalige Elberfelder Verhältnisse, auf 
der Straße verkauft, bis die Erregung abebbte. Die 
Aktensammlung zu der Affäre mit Eingaben, Zeitungs- 
ausschnitten, Briefen usw. bildet einen starken Band. 
Aber schon damals muß Sonnenschein eine dicke Haut 
gehabt haben, an der er alles gleichmütig herablaufen 
ließ; sonst hätte er sich aus der Fassung bringen lassen 
durch die anonymen Schmähbriefe und Karikaturkarten, 
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