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XI. Rund um Sonnenscheins Person

Full text: Dr. Carl Sonnenschein / Thrasolt, Ernst (Public Domain)

kulturellen Gesamtüberblick; dann gibt es im Tages- 
raum des Hortes einen Kaffee mit Kuchen; es wird 
auf dem Harmonium Beethoven und anderes gespielt, 
der Tanz fällt in zarter Rücksicht auf das fromme Haus 
aus, ich lese sämtliche Legenden aus meinen „Mönchen 
und Nonnen“ vor — und in all der Zeit ist Sonnen- 
Schein nicht da: er schläft vor. Als um 10 Uhr alles 
nach Hause geht, geht er mit mir in meine Wohnung, 
gibt mir auf dem Wege Geld, daß ich ihm in einer 
Kneipe zwei Zigarren kaufe, oben koche ich ihm Birken- 
blättertee, den einzigen Tee, den ich führe (eine ab- 
Scheuliche Brühe, schlimmer selbst als Wermut, aber auch 
gesünder!), er trinkt tapfer eine halbe Tasse. und um 
3 Uhr nachts geht er, den stundenweiten Weg vom Nord- 
Osten durch das schlafende Berlin, und lauscht auf die 
Stimmen der Nacht. 
Sonnenschein und die Juden 
Viele hielten Sonnenschein für einen konvertierten 
Juden. Und für viele wies seine Art jüdische Züge auf, 
SO die Art seiner Intelligenz, seiner Findigkeit, seiner 
Zudringlichkeit und Rücksichtslosigkeit. Er selbst ließ 
auf die Juden nichts kommen; vor einer Gesellschaft 
warnte er bisweilen: „Nun seien Sie vorsichtig; heute 
Abend sind vier getaufte Juden da.‘“ Oder er äußerte 
Sich fürchterlich scharf über ein Blatt, das einige Be- 
Merkungen gegen die Juden gebracht hatte; die jüdi- 
Sche Geistigkeit hielt er für notwendig als Zusatz zu der 
deutschen Schwerfälligkeit, die glaubt, Gründlichkeit 
und Gediegenheit zu sein. Seine Vorliebe für die Juden 
Fiel geradezu auf. Deshalb ist es unverständlich, wie er 
das völkische Prinzip der Studentenkorporationen, die- 
ses ausgesprochen antisemitische Prinzip, in einem an- 
Besehensten Gremium verteidigen konnte.* 
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d Da um Sonnenscheins „Judentum“‘ so viel Rede war und ist, 
& man in seiner Art wie in seinen Gesichtszügen wie in 
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