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X. Sonnenschein und die Jugendbewegung

Full text: Dr. Carl Sonnenschein / Thrasolt, Ernst (Public Domain)

Sonnenschein war der moderne Mensch, der das 
letzte und tiefste Verhältnis zur Natur verloren hatte, 
der seine Wurzeln nicht in ihr, sondern in der Zivili- 
sation hatte; Sonnenschein war zivilisationsbesessen. Die 
Jugendbewegung aber sah im Zivilisation, in den Be- 
dürfnissen der Zivilisation, in der Entfernung derselben 
vom Lauf und Atem, der Form und der Einfachheit der 
Natur und dem Gesetz der Scholle den Tod des Lebens 
und der Lebendigkeit, der Persönlichkeit und der Kultur. 
Sonnenschein imponierte die Zivilisation, der Jugend- 
bewegung imponierte ihr Schwindel nicht. Dem impo- 
nierenden Fortschritt, d. i. dem Luziferunterfangen und 
Babelturmbau der Technik und Technisierung der Wirt- 
schaft, setzte sie das Wort entgegen: „Was nützt es dem 
Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber Scha- 
den leidet an seiner Seele“ und an seinem natürlichen 
Wesen, an seiner Natursubstanz?! 
Sonnenschein empfand die neue Art der Jugend- 
bewegung, ihren neuen, naturgemäß gewachsenen und 
beseelten Stil als formlos, als unkultiviert, er hielt ihm 
den „klassisch katholischen Stil“ entgegen und setzte ihm 
wie bei Geselligkeiten den bürgerlichen, auch halb mon- 
dänen Stil entgegen mit Zigaretten und Likören, die er 
selbst den Damen reichte; er empfand die Ablehnung 
der Art seiner Geselligkeit durch die Jugendbewegung 
als Kritik an seiner Person und Methode; den Stil aber, 
den Sonnenschein kultivierte, sah die Jugendbewegung 
als Lebensbelastung, -hemmung und -lähmung an. 
Sonnenschein, dem Leistungstyp, ging dann der Sinn 
ab für die Besinnlichkeit der Jugendbewegung, für ihre 
Besinnung auf die Grundlagen unseres Seins, der Kultur, 
des Staates; er übersah die Notwendigkeit eines SeinstypS®: 
der das eigene und öffentliche Sein vertiefen, säubern 
und gesunden will. 
Sonnenschein, der Diktator und Organisator, 
wollte organisieren und diktieren — die J ugendbewegung 
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