Path:
IX. Das Berliner Werk

Full text: Dr. Carl Sonnenschein / Thrasolt, Ernst (Public Domain)

blamiert sich und die Sache kaum einmal mit halbstem 
Halbwissen, er redet faszinierend, Farbe, Duft, Stim- 
mung — und es ist bisweilen unmöglich zu berichten, 
was er geredet hat, auch wenn er (es ist sein Lieblings- 
wort) fabelhaft geredet hat, es ist nicht mit einer Gabel, 
sondern nur mit einem Schaumlöffel zu fassen — und 
doch ist er nie ein Schwadroneur, auch in schwachen 
oder leeren Stunden, die er hatte, nicht. Die Urteile 
weichen oft genug so weit voneinander ab, wie eben die 
der beiden in Münster, wo der Professor der Theologie 
„Wunderbar“ urteilt und der Jurist „Quatsch‘“ taxiert. 
Fast immer aber ist er selbst gepackt und packt er, 
interessiert er, bringt an den Gegenstand heran, stößt 
in den Gegenstand oder wenigstens in seinen Zauber vor, 
weckt er Leben: Ein Mensch, der innerlich Macht hat, 
weil er Gesichte hat, Vision und Intuition dessen hat, 
was er sagt, und weil er sein Leben für das einsetzt 
und opfert, was er sagt — das ist das tiefste Geheimnis 
seiner Rede. 
b) Der Redakteur — Das Kirchenblatt 
Das Weltstadthelfertum durch sein SSS und das Welt- 
stadterweckertum durch seine Predigten und Reden und 
seine schriftstellerische Tätigkeit genügten Sonnenschein 
nicht; um das katholische Berlin zu bauen, brauchte 
er das Kirchenblatt. 
Als Stratege und Taktiker ging er auf das Kirchen- 
blatt los. Wie ein Schachspieler tat er jahrelang Zug um 
Zug; suchte einen seiner Mitarbeiter, der ihm wiederholt 
auf seinem Brett als Bauer oder auch, wo ein Feld oder 
eine Figur übersprungen werden mußten, als Springer 
gedient hatte, zu bewegen, die Schriftleitung des Kirchen- 
blattes zu übernehmen. Der Mitarbeiter, der sich über 
sich klar war und seine Grenzen kannte, der besonders 
wußte, daß seine aggressive und moralisierende, schul- 
meisternde und „antiquiert Jarmoyant“ kritische Art 
20
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.