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IX. Das Berliner Werk

Full text: Dr. Carl Sonnenschein / Thrasolt, Ernst (Public Domain)

Moralisten, den Beamten und Bürokraten besonders 
überflüssig scheinen, ja bei den Menschen, um die es 
sich handelte, die „nun endlich sparen und verzichten 
lernen sollen“, besonders unangebracht scheinen, daß 
er Zigarren, Wein, Blumen, all diese „unnötigen Sachen“ 
schenkte. „Nicht nur vom unbedingt Notwendigen lebt 
der Mensch, sondern auch ...“ 
Und dann hatte Sonnenschein noch Zeit, zu tausend 
Kranken ins Haus oder in die Krankenhäuser zu gehn, 
ein armes Mädchen, um das sich sonst niemand als eine 
verlassene, weinende Mutter bekümmerte, zu begraben 
und ihm eine Grabrede zu halten, als hielte er sie einer 
Gräfin; und hatte Zeit, nicht nur einen Minister, son- 
dern auch ein verlorenes italienisches Paar zu trauen. 
Auch wer wußte, daß er ein Auto nahm, um von Arbeit 
zu Arbeit zu kommen, und daß er zum Tage noch die 
Nacht hinzunahm,.fragte sich: „Wo nimmt Sonnenschein 
nur die Zeit zu allem her?“ Er war allein eine ganze 
Heilsarmee, er leistete soviel, wie zehn Organisationen mit 
Ortsgruppen, Generalversammlung und Jahresbericht — 
und mächte gar kein Gerede darum, tat alles, 
als sei es selbstverständlich. 
Und trotzdem ist soviel Kritik und Zweifel an seiner 
Licbestätigkeit, soviel Ablehnung derselben. Alle Tricks 
der Kasuistik werden herangeholt, um die Minderwertig- 
keit der Liebestätigkeit Sonnenscheins zu beweisen. Als 
ob es nicht darauf ankäme, Gutes zu tun, ohne viel Re- 
flexion, zu helfen, ohne durch Gedankenblässe alles an- 
zukränkeln und sich durch Philosophieren vor der Tat 
zu drücken. 
Ja, es ist wahr, seine Hilfe war bisweilen unklug 
und nicht angebracht, seine Empfehlungen bisweilen 
nicht zu rechtfertigen, waren so etwas wie Bestechungen. 
(NB.: Was sind Empfehlungen denn meistens anders? 
Was anders als Schädigung des armen Menschen, der 
keine Empfehlungen hat und infolgedessen trotz seiner 
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