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IX. Das Berliner Werk

Full text: Dr. Carl Sonnenschein / Thrasolt, Ernst (Public Domain)

des Index, die Erkenntnis und Ausscheidung der Irr- 
tümer, ermöglicht wird. Alle Forderungen dieser und 
ähnlicher Art tut der Sonnenschein der „Berliner Wende“ 
ab als überholt oder als „westlich“, als „‚spezifisch west- 
liche“ Gedankenblässe, Ankränklung und Zersetzung, als 
Dinge, um die der Katholik Berlins und ‚der Diaspora 
nicht leide, die ihn gar nicht interessierten; derselbe 
finde in der Kirche und in ihrer Verwaltung nichts re- 
formbedürftig, nichts rückständig und unmodern, er 
habe anders zu tun, nämlich den Glaubens- und Besitz- 
stand der Kirche zu verteidigen. Wenn in irgendeiner 
Form Rom oder eine andere amtliche Instanz zu irgend- 
einer Sache sprach, so hatte für den Berliner Sonnen- 
schein, der früher sogar vor Enzykliken nicht Halt 
machte, eben „Rom gesprochen“ und war die Sache 
erledigt — er forderte, wenigstens nach außen hin, 
blinden Gehorsam. Eine im „Katholischen Frauenbund“ 
führende Dame fragte ihn einmal: „Sind Sie so römisch 
Oder tun Sie nur so römisch?“ Er antwortete nicht ja, 
nicht nein, sondern nur: „Wenn man im Schatten des 
Vatikans groß geworden ist . . .“ 
Früher hatte sich Sonnenschein zu dem Wort des 
P, Semeria (auch eines Kopfes aus der Schar des jungen 
italienischen Katholizismus) bekannt: „Wenn wir die 
soziale Frage lösen wollen, müssen wir mit der Reform 
der Bibelexegese anfangen‘ (vergl. dazu Damaschkes 
Bodenreform, diese Grundteilfrage der sozialen Frage, 
die damit beginnt, daß sie die Bodenreform-Kapitel des 
Moses, die Jubeljahr-Kapitel, wieder hervorholt). Die‘ 
durch das Wort Semerias gekennzeichnete Haltung in 
all den zur Rede stehenden und von Murri, Schell, Ehr- 
hard u. a. angeschnittenen Fragen streifte der Berliner 
Sonnenschein so ab, wie man ein Kleid ablegt, oder er 
— verschloß sie. Soweit seine Haltung überkritisch und 
®hrfurchtslos gewesen war, wurde sie begrüßt; soweit 
Se aber Verzicht auf jede kritische Prüfung und blinde 
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