Path:
VI. Die Westdeutsche Zeit

Full text: Dr. Carl Sonnenschein / Thrasolt, Ernst (Public Domain)

auf der Höhe des Studententums steht. Die Menschen 
von heute fragen, Naumann hat das ähnlich so einmal 
ausgedrückt, warum der Student sieben Tage Sonntag 
haben dürfe und sie selber nur einen, und warum der 
Referendar kaum zwei Stunden auf dem Amtsgericht 
arbeite, sie selber aber zehn oder elf. Der schreiende 
Widerspruch zwischen derartigem Studententum und 
heutiger Umgebung wird plastisch klar, wenn wir dieses 
Studententum einmal äußerlich in das Industrie-Milieu 
von heute setzen wollten. Denken wir uns einmal die 
Universitätsstadt ins Ruhrgebiet verlegt und den Cou- 
leurbummel auf die rauchgeschwärzten Straßen von 
Essen oder Ruhrort und die Studenten mitten unter die 
Arbeiterscharen gestellt, die aus den großen Fabriken 
und Werken herausströmen! Wer empfände da nicht 
die Pflicht, Rücksicht zu nehmen, wer würde da nicht 
heutiges Studententum in seiner Sorglosigkeit und in 
seinem Übermut mit brennendem Eisen beschneiden !‘““* 
3. Diese Neugestaltung der Zeit räumte zugleich mit 
der landläufigen Auffassung auf, als ob es genüge, auf 
den Bänken der Universität gesessen zu haben, um später 
in leitender Stellung an den Geschicken einer Nation 
mitzuarbeiten. „Wir wiegen uns so gerne in dem Ge- 
danken, die Führer der Nation zu sein.‘ Es ist uns 
nichts geläufiger, als von den Gebildeten als der herr- 
schenden Klasse zu reden. An diese Führung glaubt aber 
das handarbeitende Volk seit langem nicht mehr, weil 
es das Vertrauen zu den Gebildeten verloren hat. Es 
glaubt vielfach an die Ehrlichkeit dieser Kreise nicht 
mehr, sieht jedenfalls längst nicht den Wert der gei- 
stigen Arbeit für das Gesamtwohl ein. Nur so erklärt 
sich die rasche Verbreitung, die der marxistische Ge- 
danke von der Erzeugung eines jeden Wertes lediglich 
* Artikel „Warum“ in den „Sozialen Studentenblättern‘ Nr. 2 
S. am. 
111
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.