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Nach dem dreissigsten Jahr Die neue Erfahrung. Julia

Full text: Es sei wie es wolle, es war doch so schön! / Kerr, Alfred (Public Domain)

Die neue Erfahrung 
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lang. Ich kann dir vierzig Stunden lang, zwei Nächte 
lang nicht helfen. Dein Leben ist auf dem Spiel. Der 
Arzt geht in der zweiten Nacht zum Telephon; er 
wünscht einen andren. Ich höre den Satz: „Die 
Herztöne des Kindes sind noch . . . vernehmbar.“ Auf 
die Straße. Droschkenauto. Es ist zwischen drei und 
vier Uhr nachts; zu dem berühmten Helfer Arzt; ich 
klingle, brülle, hetze — schlummrig steigt er ein (Jula 
mit der rosa Kappe!). Der bayrische, herrliche Gigan- 
tenmensch holt im letzten Augenblick mit der „hohen 
Zange“ den Sohn, den Sohn. Gibt mir dann die Hand 
— schweigend, muskelstark, gütig... 
IL 
Auch der Friede, der nun sozusagen plötzlich ein- 
gebrochen ist nach soviel nächtlichen Schrecknissen 
insgesamt, die Uhr zeigt eben erst eine halbe Stunde 
nach fünf in der Früh, alles ist noch dunkel — auch 
dieser jäh angebrochene Friede wird zu einem staunens- 
würdigen Erlebnis ... mit dem man sich herumboxt. 
Luft schöpfen. Die eingetretene Stille wirkt auf- 
regend: wie wenn man stundenlang Berge stürzen ge- 
hört hat, — und mit einem Schlag nur jemand zu 
singen scheint: „Weißt du, wieviel Sternlein stehen . . .“ 
XIII. 
Das Tollste bleibt in jedem Augenblick, jenseits von 
diesen Dingen, die unfaßbare Tatsache, daß jetzt statt 
zwei Menschen drei Menschen im Zimmer sind, 
Wer dies alles nicht erlebt hat, ich weiß es nun, kennt 
die Welt nicht — und hätt’ er sie durchwandert in 
Höhen und Tiefen . . - 
Kant, glaub’ ich, meint: der mit einer blauen Brille 
geborene Mensch würde schwören, daß alles blau sei —
	        
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