Path:
Erster Teil. Fahrten Caput IX. Helvetischer Himmel

Full text: Es sei wie es wolle, es war doch so schön! / Kerr, Alfred (Public Domain)

Gruß an die Schweiz 
225 
Der Zustand seit dem Weltkrieg hat meine Gewißheit 
nicht widerlegt: sondern erhärtet. Er bewies nicht eine 
Unmöglichkeit: vielmehr eine Notwendigkeit. 
Ganze Völker ahnen das heut’. Programme werden 
gemacht, Richtlinien festgelegt. . . 
Aber die Schweiz ist den Zukunftsordnern durch 
ihre Geschichte voraus. Die Schweiz darf zu ihnen, 
wie Schillers Fiesco zu dem Künstler, sprechen: 
„Ich habe getan, was du — nur maltest.“ 
VII. 
* » + 
So das Politische . . . Gern über eigne Begegnungen 
mit dem Schweizerland ein paar Worte zum Schluß, 
Der schweizerische Sprachlaut kam, als ich ein Kind 
war, zuerst an mein Ohr: von den Lippen einer Schnei- 
derin, die wer weiß welcher Wind vom Züricher See 
nach der schlesischen Hauptstadt versetzt hatte. Sie 
hieß Minna K.; war in wohlhabenden Häusern sehr 
gesucht. Dann aber ging das Gerücht, sie sei nicht nur 
in Kleidern tätig — sondern abends außerhalb solcher. 
Das entzog ihr den Boden. 
Bis dahin schollen aus dem elterlichen Schlafzimmer 
bei Anproben seltsame Laute, vom schlesischen Klang- 
fall sehr getrennt. Das prägte sich ein — und erwachte, 
merkwürdig, mit einem Ruck, als, Jahrzehnte danach, 
ein schweizerischer Schutzmann mir den Weg zu einer 
„Kchilche‘“ wies, Auch als Sanktgaller Leute vom 
„Goppfried Kchäller“ sprachen ... 
Nichts, was ein Kind aufnimmt, geht völlig unter. Die 
Gouvernanten, erst Marie Sibille, dann Marie Sap- 
pey, aus Grenoble beide, hatten von der grenznahen 
Schweiz Wunderhaltiges erzählt. Die Eltern schwärm-
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.