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Neuntes Kapitel. Von den jungen Berlinerinnen

Full text: Meine Fahrt nach Berlin / Ehrler, Hans Heinrich (Public Domain)

koketten erscheint. Doch nun entscheidet sich vielleicht der 
beobachtende Prinz an der Gebaärde des Verzichts, die über 
die Gesichter derer geht, denen das dürftige Geldtäschlein 
nicht erlaubt, ihren glänzenden Wunsch in den Laden zu 
tragen. Denn — ein Aschenbrödel wird auch unter den 
Berlinerinnen sein. 
Dem Fremdling ist erst auf den Straßen dieser Stadt, 
im Schub der Masse wie im weiträumigen Tiergarten, das 
Merkwürdige aufgegangen, was dieser an den Fersen hoch⸗ 
gesetzte, schmale, kleine Schuh seinen kurzberockten Träge⸗ 
rinnen gibt. Sie kommen in leichtem Ruck, ein wenig ge⸗ 
stoßen, ein wenig gehalten, lieb, hilflos und verlegen da⸗ 
her. Jeder (leis klappende) Auftritt bringt das Muß einer 
reizvollen, rhythmischen Zusammenfassung des Körpers 
und Gesichtes. Sie kommen gleichsam mit kostbaren Hem⸗ 
mungen und Aufsparungen auf mich zu. Der Gang wirkt 
ein wenig wie der eines gratulieren wollenden Kindes, 
naturhaft sittsam und aus artigster Erziehung. 
Die Mode hat die Befreiung des Frauenkörpers ge⸗ 
bracht. Dieser ist kein pomphafter Kleiderstock mehr, son⸗ 
dern ein leicht beweglicher Träger seiner leicht schmiegsamen 
Hülle. Doch indem sie den Bruch jener Tyhrannei nur halb 
vollzog und den entlasteten Leib auf dem gestelzten Absatz 
beließ, band sie ihn wieder spielzeughaft ein, machte ein 
Zwitterding zwischen naiver Unschuld und kundiger Sin⸗ 
nenhaftigkeit daraus. (Bildhaft wird eine ganze Klasse der 
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