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Viertes Kapitel Das Herz des Berliners

Full text: Meine Fahrt nach Berlin / Ehrler, Hans Heinrich (Public Domain)

durch die Begegnenden mit vielem offenen Willen ge⸗ 
gangen, Aufmerksamkeiten und Freuden zu bereiten. Oft 
hat er sich auf der Straße gebückt, jemandem etwas Ver⸗ 
lorenes aufzuheben, hat alten Leuten eine Treppe hinauf⸗ 
geholfen, Kinder beschenkt. Dies wird nun nicht aus Eitel⸗ 
keit berichtet, sondern zum Dank, daß das graue Berliner 
Pflaster in so seltsamer Weise grünte und blühte. 
Und der Zurücgekehrte wird die Sorgen kennen, die dort 
tags auf den rechnenden, schaffenden Koöpfen lasten, nachts 
in Kammern die Schlaflosen umspuken. Er sieht sie gleich⸗ 
sam als eine das Weichbild der Stadt überhockende Mahr, 
von unten beleuchtet aus den falsch funkelnden Stätten 
der Lust. Schaurig gehen ihm auch die Klüfte der in diesen 
Mauern zusammengeworfenen Sozietät auf. Keines Stan⸗ 
des Mund bleibt unerschlossen. Von selber reden sie. Ge⸗ 
schäftsinhaber, Angestellte, Handwerker, Arbeiter, Arbeits⸗ 
lose, Artisten, Fürsorger, Dirnen haben irgendwann, wenn 
das Ohr da ist, den Drang, sich auszuschütten. Wie aus 
enghalsigen Flaschen kullern die Offenbarungen heraus. 
Jeder entdeckt sich, indem er von sich erzaͤhlen kann; er sieht 
plötzlich, es zeigend auch das Gute, Gottesgründige in 
seinem Wesen. Das Schwere, Trübe schmilzt darin. 
Welch eine Gnade, lieb sein zu dürfen, menschlich einfach 
lieb! Und in der Transparenz schimmert unausgesprochen 
das Gefühl des gemeinsamen Glückes hervor, daß es doch 
das Große, Einigende gibt, welches wir in feierlichen Augen⸗ 
blicken Deutschland nennen. 
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