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Erstes Kapitel Im Schaufalt

Full text: Meine Fahrt nach Berlin / Ehrler, Hans Heinrich (Public Domain)

Meine Augen geraten, umherwandernd an den meilen⸗ 
hin aufgebeugten üppigen Auslagen, in den Bann von 
Verierkünsten, finden nimmer, wo sie sich hintun sollen; es 
gibt keinen Seitenblick mehr von der wechselnden Lockung. 
Mein Gang durch die Straßen vollzieht sich gleich auf flie⸗ 
ßendem Band; ein Schaufalt nimmt mich dem andern ab. 
Wer sagt, der Fremdling müsse ins Warenhaus gehen, um 
Berlin zu sehen? Der Unterschied: die Stadt hat kein Dach 
über sich, sie is das Warenhaus unter offenem Himmel. 
Mir mangelnde kaufmännische Phantasie würde mich zu 
dem Wunsch reizen, daß ich ein Paar solcher Augen haͤtte, 
um einmal in einem Blick Inventur über den Gesamtstapel 
der aus allen Laͤden Berlins angepriesenen Dinge machen 
zu können. 
Wo ist ein Baum in der Welt, der nicht seine Früchte, ein 
Weinberg, der nicht seinen Wein, ein Wald, der nicht sein 
Wild, ein Garten, der nicht sein Gemüse, seine Blumen her⸗ 
geschickt hätte? (In Flugzeugen werden die frischen täglich 
durch die Lüfte gebracht.) Wo eine Werkstatt, ein Atelier, 
eine Fabrik, woraus nicht das Gewoͤhnlichste und Seltenste, 
das Geringste und Kostbarste, bitterer Bedarf und frevent⸗ 
licher Luxus sich hier zusammen preisstellte? 
Das alles brauchen die Menschen! Das alles, wird 
ihnen gesagt, sei unerläßlich ihrer Notdurft und ihrem 
Glück! Nebeneinander, übereinander, endlos nebeneinan⸗ 
der, übereinander bietet jedes sich feil, in die Augen, in die 
Hände fell. 
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