Path:
Dritter Teil: Stätten Sechstes Kapitel. Potsdam

Full text: Gestalten rings um Hindenburg / Reibnitz, Kurt von (Public Domain)

nate vor seinem Tode erworbenen mecklenburgischen 
Besitz und wird wohl die neuangekaufte Villa in Nedlitz 
aufgeben. 
Senior der alten Exzellenzen, die ihren Lebensabend 
in Potsdam verbringen, ist der langjährige Kommandant 
des Kaiserlichen Hauptquartiers, Generaloberst von 
Plessen. Beinahe neunzig Jahre, hat er immer noch die 
vielbewunderte schlanke Leutnantstaille und ist von so 
erstaunlicher Frische, daß es eine Freude ist, ihm zu- 
zuhören, wenn er mit seinem fabelhaften Gedächtnis von 
all dem Interessanten erzählt, das er erlebt hat, be- 
sonders von den Zeiten Wilhelm I, dessen letzter leben- 
der Flügeladjutant er ist. Zwölf Jahre jünger als Ex- 
zellenz von Plessen ist der ebenfalls in Potsdam lebende 
Generaloberst Freiherr von Lyncker, der von 1908 bis 
1918 Chef des Militärkabinetts war und diesen Posten 
erst kurz vor Kriegsschluß mit dem eines Präsidenten 
des Reichsmilitärgerichts vertauschte, Der dritte Gene- 
raloberst und Generaladjutant Wilhelms II. dem Pots- 
dam als Ruhesitz diente, war der dreiundachtzigjährige 
Herr von Scholl, bis zur Staatsumwälzung Kommandeur 
der Leibgendarmerie und Generalkapitän der Schloß- 
und Leibgarde, Er starb kürzlich. 
Gesellschaftlicher Mittelpunkt der alten Potsdamer 
Gesellschaft ist das in der Waisenstraße gelegene so- 
genannte Zivilkasino, ein schöner Schinkelbau mit 
großem Saal. Böse Spötter nennen es „die Abwick- 
lungsstelle der Berliner Hofgesellschaft‘, Hier finden 
im Winter zahlreiche Festlichkeiten statt, bei denen 
freilich jeder selbst zahlt, Denn die wenigsten Familien 
der Potsdamer Gesellschaft haben noch das Geld, ein 
Haus zu machen, Bei diesen Festen geht es außerordent- 
lich einfach zu. Es gibt nur einen Gang, etwas Eis und 
Bowle, oder aber man kommt nach dem Abendessen zu- 
sammen. Dann wird nur Tee, Kuchen und Limonade 
15%
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.