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Kapitel III. Gesellschaftliches Zwischenspiel

Full text: Walther Rathenau / Kessler, Harry, Graf (Public Domain)

Beamtentum und Militär nur von oben beikommen; von unten 
ließ sie sich nur strategisch umgehen, nicht durchbrechen. 
Rathenau, dem solche bloß auf Anmaßung und Mißbrauch der 
Macht beruhende Überlegenheit besonders zuwider sein 
mußte, umging sie, indem er sich die Türen zu demjenigen 
Teil der Hofgesellschaft, welcher Geist und Eigenart schätzte, 
zu öffnen verstand, Dieser Kreis, durch den etwas frische Luft 
und Kultur in die obersten Regionen des Militär- und Beamten- 
staates eindrang, vereinigte Elemente aus den Umgebungen 
der Kaiserinnen Augusta und Friedrich mit solchen aus der 
Hocharistokratie, die mehr europäisch als bürokratisch ein- 
gestellt waren. Er hatte sich von Salon zu Salon fortgeerbt, 
von den Zeiten, da die Frau des preußischen Hausministers 
von Schleinitz, die spätere Gräfin Wolkenstein, gegen Bis- 
marck frondierte und Richard Wagner protegierte, über die 
Teezirkel der Kaiserin Augusta, die sich den französischen 
Dichter Jules Laforgue als Vorleser hielt, über die Atelier- 
besuche und musikalischen Unterhaltungen der Kaiserin 
Friedrich, bis in eine Anzahl von Salons, die um 1900 in der 
Berliner Hofgesellschaft den Ton angaben: den Salon der 
schönen Palastdame Gräfin Harrach, den der Frau von Hin- 
denburg, Tochter des Fürsten Münster, den der Frau Cornelie 
Richter, Tochter Meyerbeers, den der Fürstin Guido Henckel- 
Donnersmarck, geborenen Murawioff, den der Fürstin Marie 
Radziwill, geborenen Gräfin Castellane, vor allem den der 
Fürstin Bülow, der Frau des Reichskanzlers, der schönen 
italienischen Prinzessin Camporeale, Diese Salons übten durch 
ihre europäischen Beziehungen, ihr Ansehen, ihre Unab- 
hängigkeit selbst gegenüber dem Kaiser, ihre Lebensart und 
gesellschaftliche Klugheit einen Einfluß aus, der bei der Be- 
setzung hoher und höchster Posten, namentlich in der Diplo- 
matie, dem Einfluß der Beamtenkreise die Wage hielt; be- 
sonders‘ gerade unter den Kanzlerschaften von Bülow und 
Fr
	        
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