Path:
Kapitel II. Der Weg des Geistes

Full text: Walther Rathenau / Kessler, Harry, Graf (Public Domain)

schrieb, anonym drucken ließ, dem Theater einreichte und, 
nachdem es unverdientermaßen zur Aufführung nicht ange- 
nommen war, bis auf ein Exemplar, wie es scheint, vernichtete 
und sogar seiner Mutter verheimlichte: das bisher unveröffent- 
lichte Schauspiel „BLANCHE TROCARD“, In einer Zeit 
trostloser Öde des deutschen Theaters geschrieben: ein Jahr vor 
Sudermanns „Ehre“, zwei vor Gerhart Hauptmanns Erst- 
lingsstück „Vor Sonnenaufgang“, zu einer Zeit, als Ibsen in 
Deutschland kaum bekannt war, und Oscar Wilde nur für einen 
exklusivsten Kreis englischer Ästhetiker mit der Bühne zu spie- 
len gerade anfing. Dieses Werk eines eben erst von der Schule 
gekommenen Studenten ist alles andere als das übliche Primaner- 
drama, weder konventionell noch revolutionär, sondern ganz 
eingestellt und aufgebaut auf die Beobachtung und Gestaltung 
allerfeinster, kaum faßbarer Zwischentöne in Gedanken und 
Gefühlen, zartester gesellschaftlicher Spannungen. In seinem 
völligen Verzicht auf jede Theaterkonvention, Phrase, Rhe- 
torik zugunsten schmiegsamer Einfühlung in leiseste Regun- 
gen der Zuneigung oder Ablehnung zwischen Menschen, in 
flüchtigste Schwankungen der gesellschaftlichen Temperatur 
steht es den jüngsten Franzosen, Charles Vildrac oder Porto- 
Riche, oder allenfalls den kleinen poetischen „Proverbes‘“ von 
Musset viel näher als den Vorbildern, die damals das Theater 
Rathenau bot: den Pariser Kassenstücken von Alexandre 
Dumas dem Jüngeren oder des Verfassers der „Welt, in der 
man sich langweilt“‘. 
Es lohnt sich, zur Beleuchtung von Rathenaus frühreifer Ein- 
fühlung in Menschen und Beziehungen „Blanche Trocard“ 
näher anzusehen. Es ist ein kleines Ehedrama, in dem das 
Tragische fast nur zwischen den Zeilen steht, Spannungen und 
Leidenschaften, die zwei Menschenleben zu vernichten drohen, 
hinter den einfachen, alltäglichen Worten, die gesprochen 
werden, nur wie eine von gesellschaftlicher Konvention ver- 
25
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.