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Kapitel XI. Es gibt keinen Tod!

Full text: Walther Rathenau / Kessler, Harry, Graf (Public Domain)

sozusagen als einzigen Trost dem Saarland die Hoffnung auf 
eine bessere Einsicht des Völkerbundsrats zeigte, muß da an- 
gesichts der Erfahrungen mit Oberschlesien die Saarbevölke- 
rung nicht geradezu verzweifeln? Muß da nicht die ganze Welt, 
auch über das Saarland hinaus das Gefühl haben: hier steht eine 
Regierung, der der Völkerbundsrat alles und jedes bieten kann? — Die 
Politik der Erfüllung hat uns, das will ich einmal kurz zusammen- 
fassen, die furchtbare Entwertung des deutschen Geldes gebracht, hat 
unsern Mittelstand zermalmt, hat zahllose Menschen und Familien 
in Not und Elend gebracht, hat zahllose Menschen in Verzweiflung 
und Selbstmord getrieben, sie hat große, wertvolle Teile unseres natio- 
nalen Produktionskapitals dem Auslande ausgeliefert, sie hat unsere 
wirtschaftliche und soziale Ordnung in ihren Grundfesten erschüttert I“ 
(Verhandlungen des Reichstags. Stenographischer Bericht, 
Berlin 1922. S. 1988 ff.) Die gleichen Argumente. gebrauchte 
Kern-einige Stunden später Techow gegenüber als entschei- 
dend für die Beseitigung Rathenaus. 
Am Abend war Rathenay der Gast des amerikanischen Bot- 
schafters Mr. Houghton in der amerikanischen Botschaft bei 
einem Diner, das zu Ehren des Obersten Logan stattfand, der 
den offiziösen Beobachter der Amerikaner in der Reparations- 
Kommission vertrat. Rathenau verspätete sich und war sichtbar 
durch den Angriff von Helfferich erregt. Während des Essens 
drehte sich das Gespräch um gewisse Lieferungen von Repa- 
rationskohlen; Rathenau regte mit einem etwas ironischen 
Lächeln beim amerikanischen Botschafter an, daß er Hugo 
Stinnes einladen solle, damit er an dem Gespräch teilnehme. 
Der Botschafter stimmte zu, und Rathenau schickte ein Tele- 
phonat an Stinnes, der sofort antwortete, er werde kommen, so- 
bald er selbst mit seinem Essen fertig sei. Er kam gegen 10 Uhr, 
und nach einem rein technischen Gespräch über die Kohlen- 
frage fing Stinnes an, Rathenaus Politik anzugreifen; von 
da an bis lange nach Mitternacht führten die beiden eine leb- 
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