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Kapitel IX. Vereinsamung

Full text: Walther Rathenau / Kessler, Harry, Graf (Public Domain)

Die Nationalversammlung erfüllte so gut wie nichts von seinen 
Forderungen. Er gab sich nicht besiegt; aber seiner Bitterkeit 
und Enttäuschung ließ er freien Lauf in dem Artikel, den er 
für Helmuth von Gerlachs „Welt am Montag‘ zum Jahrestage 
der Revolution, 11. November 1919, schrieb. „Es war keine 
Revolution. Bloß ein Zusammenbruch. Die Türen sprangen auf, 
die Aufseher liefen davon, das gefangene Volk stand im Hof, 
geblendet, seiner Glieder nicht mächtig. Wäre eine Revolution 
gewesen, dann hätten die Kräfte und Ideen, die sie erzeugte, fortgewirkt. 
Jede Bewegung und jede Wesenheit wird nur erhalten durch 
die Kräfte, die sie zeugen. Das Volk wollte nichts als Ruhe... 
Das erste Jahr hat ein Maß von Ordnung gebracht. Das war 
zu erwarten, denn wir sind ein ordentliches Volk. Es hat 
bürgerliche Maßnahmen, eine altmodische Republik-Verfas- 
sung und dergleichen gebracht. Gedanken und Taten hat es 
nicht gebracht... Wir sind, was wir waren, und bleiben, was 
wir sind. Auf immer? Nein. Denn jetzt erst beginnt der Druck, 
der uns flüssig macht und umschmilzt . .. Die nächsten Jahre 
sind da, um die Probleme zu begreifen. Dann wird sich zeigen, ob 
unsere Kraft weiter reicht als zur Kopie der bürgerlichen Demokra- 
Hien und Wirtschaften des vorigen Jahrhunderts. Ich glaube, ja*)‘“. 
Er gab sich nicht besiegt. „Ich gehöre ja nicht mehr mir 
selbst,“ schreibt er in den Tagen, wo dieser Artikel entstand, 
an Lore Karrenbrock, „ich habe mich weggegeben, es bleibt 
mir nichts, kaum eine Stunde der Ruhe, kaum der Schlaf. — 
Ich bin nur noch ein Fremder, der gekommen ist, um sich 
auszugeben, und jch werde nicht länger leben als bis ich mich aus- 
gegeben habe.“ (Brief 577.) Und vier Wochen später an Ernst 
Norlind: „Ich weiß ganz genau, daß in spätestens fünfzig Jahren 
unser Land wieder ganz gesund sein wird. Ich weiß aber auch, daß es 
in den nächsten fünf Jahren noch immer kränker werden muß.“ 
(Brief 593.) Er verlegte seine Arbeit weiter nach links, bean- 
1) „Welt am Montag“ v. 10. November 1919. Nr, 45. 
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