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Kapitel IX. Vereinsamung

Full text: Walther Rathenau / Kessler, Harry, Graf (Public Domain)

Rathenau nahm die „Heiterkeit“, die sich auch gegen Hinden- 
burg gerichtet hatte, tragischer, als sie es verdiente: Monate 
später in seiner „Apologie‘“ kommt er darauf in einem Ton 
zurück, der zeigt, wie tief sie ihn verletzt hatte. „Am Tage der 
Wahl des Reichspräsidenten war von Auslandsdeutschen ein 
gutgemeintes, doch unbedachtes und höchst abwegiges Tele- 
gramm in Weimar eingelaufen, das mit dem feierlichen Vor- 
gang meinen Namen in ungereimte Verbindung brachte. Es 
wäre leicht gewesen, diese Äußerung, wie es täglich mit vielen 
anderen geschieht, beiseite zu legen. Sie wurde verlesen. Das 
Parlament eines anderen Kulturstaates hätte aus Achtung für 
jeden beliebigen Vertreter geistiger Arbeit es angemessen er- 
achtet, die abgeschmackte Verlesung einer abgeschmackten 
Kundgebung zu überhören oder stillschweigend zu erledigen. 
Das Erste Deutsche Republikanische Parlament, das bestimmt 
war, sein Siegel unter die deutsche Schmach zu setzen, zur 
Sitzung vereint in dunkelster Zeit, in feierlichster Stunde, 
schüttete sichaus vor Lachen. Minutenlange Heiterkeit verzeich- 
nen die Blätter, und Augenzeugen erzählen, daß Männlein und 
Weiblein zum Gruß an einen Deutschen, dessen geistige Ar- 
beit sie kannten oder nicht kannten, sich beseligt auf ihren 
Sitzen kugelten. Als ich es las, war ich erstaunt, doch nicht 
um meinetwillen betrübt. Ich mußte an das sardonische Ge- 
lächter des Unheils in der Burg von Ithaka denken, wie es 
Homer beschreibt.“ (S. 106-107.) 
Durch die Vorgänge in Liegnitz und Weimar kam er zur Na- 
tionalversammlung und zum Parlamentarismus überhaupt in 
einen gefühlsmäßigen Gegensatz, der noch schärfer wurde, 
als der Reichswirtschaftsminister, der Sozialdemokrat Wissell, 
in der großen Debatte über das Sozialisierungsgesetz sehr 
deutlich von ihm abrückte und eine, gewiß gutgläubige, aber 
objektiv falsche Darstellung seiner Ideen gab: er warf ihm 
u.a. vor, er wolle die deutsche Wirtschaft „ZU EINEM NUr WENLL 
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