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Kapitel IX. Vereinsamung

Full text: Walther Rathenau / Kessler, Harry, Graf (Public Domain)

daß in ihrem Namen die Welt, friedlich und kriegerisch, sich 
in die ewige Sünde der Feindschaft, des Hasses und Neides, 
der Ungerechtigkeit und Unterdrückung, der staatsmännischen 
Ränke, der Gewalt und des Mordes verstricken dürfe.“ 
(„A D. J.“ S. 35.) Jeder absolute Wert wirkt radikalisierend, 
macht gegen andere Werte skeptisch, frißt an ihnen wie eine 
Säure, so daß nur ein Rest, ein bestenfalls relativ gültiger 
Rückstand, übrigbleibt; so auch in Rathenaus Weltanschau- 
ung der absolute Wert der „Seele“. 
Aber doch darf man diesen Radikalismus Rathenaus nicht 
überschätzen: denn es war ein Radikalismus bloß des nach 
eigenem Gesetze und fast unabhängig in ihm wirkenden Ver- 
standes, dem sein Gefühl widersprach, das eng an Preußen, 
an Deutschland, an die deutsche Wirtschaft, ja selbst an den 
preußischen „blonden“ Junker gebunden blieb; und in allen 
entscheidenden Momenten entsprangen seine Handlungen dem 
Zusammenklang, oft einem Kompromiß zwischen beiden 
Antrieben. Als mit Ludendorffs Waffenstillstandsgesuch der 
Zusammenbruch kam, erkannte er sofort die katastrophale 
Dummheit, „daß man statt der Liquidation den Bankrott 
erklärte‘ („‚die katastrophalste Dummheit aller geschichtlichen 
Zeiten“ sagte er später ohne Übertreibung). Weil ein in jahre- 
langer schwerer Verantwortung verbrauchter General die 
Nerven verloren hatte, steckte Deutschland den Kopf in die 
Schlinge und ruinierte nicht nur sich, sondern nebenbei auch 
Europa, indem es einen vernünftigen Frieden, der die Kriegs- 
wunden geheilt hätte, unmöglich machte, Klugheit und Ge- 
fühl empörten sich gleichmäßig gegen dieses Verbrechen, 
Am 7. Oktober 1918 veröffentlichte Rathenau in der „Vos- 
sichen Zeitung“ einen Artikel „Ein dunkler Tag“, in dem er den 
Schritt als „übereilt‘‘ bezeichnete, eine unbefriedigende Ant- 
Wort (die selbstverständlich war) voraussagte, und die For- 
derung aufstellte: „Kommt die unbefriedigende Antwort, die 
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