Path:
Kapitel IX. Vereinsamung

Full text: Walther Rathenau / Kessler, Harry, Graf (Public Domain)

fast von einem modernen Barock reden. Doch das wäre un- 
gerecht; denn unter dem Pathos, das wie aufgelegt wirkt, 
brennt Leidenschaft: nur mehr als nötig bemüht um Ausdruck, 
unsicher wie eine Stimme, die zu lange nur mit sich gesprochen 
hat. Auch war vielleicht die Spanne zwischen Gefühl und 
Wort zu groß geworden und konnte nur künstlich überbrückt 
werden. An Stellen bricht aber doch durch die kunstvolle 
Sprache, unverkennbar im Ton, das wahre Gefühl durch: 
„Derer, die getötet worden sind und getötet werden sollen, 
gedenkt mein Herz in jeder seiner Nächte, und am heißesten 
umfaßt es die, denen es schwer wird, und die sich fürchten. Jeder, der 
mit seiner Seele in den Krieg verstrickt ist, alt oder jung, fürchtet 
sich und zittert und weint Tränen, die nach innen fließen und das 
Herz verbrennen.“ („A.D. J.“ S. 1.) 
Vieles in dieser Schrift erscheint wie eine nur in apokalyp- 
tische Formen gegossene Wiederholung früher entwickelter 
Gedanken; vor allem die erneute Verkündung des „Reiches 
der Seele‘. Aber hier verdichten sich diese Gedanken zu For- 
derungen der Zeit. Denn der Krieg ist kein gewöhnlicher 
Krieg wie die des neunzehnten Jahrhunderts, keine bloße 
Auseinandersetzung zwischen Regierungen mit Waffen- 
gewalt; sondern „die Krise, die wir erleben, ist die soziale Revo- 
Iution ... der Weltbrand des europäischen Soxialgebäudes, das nie 
wieder erstehen wird . ,.“, (a. a. O. S, 10 u, 76) das Ende eines 
untergehenden, der Anfang eines neuen Zeitalters der Mensch- 
heit. „Neu wird unsere Lebensweise, unsere Wirtschaft, unser 
Gesellschaftbau und unsere Staatsform. Neu wird das Verhält- 
nis der Staaten, der Weltverkehr und die Politik. Neu wird 
unsere Wissenschaft, ja selbst unsere Sprache, — Wem von 
Euch ist es nicht in den Sinn gekommen, wenn er einen der 
früheren Schriftsteller der verflossenen Epoche las, etwa 
Stendhal oder Balzac, daß er sich fragte: Wie ist das möglich? 
Dreißig Jahre vor dieser Zeit blühte das spielende Jahrhundert 
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