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Kapitel IX. Vereinsamung

Full text: Walther Rathenau / Kessler, Harry, Graf (Public Domain)

ich zurück, und als ich die Gartentür öffnete und in die dunkle 
Kühle in den ruhenden Raum unter den schweren Baum- 
kronen trat, da fühlte ich, daß ich nur noch eine Sehnsucht habe, 
Auf meinem Tisch liegen Bücher, kaum geöffnet. Gegen 
Abend gehe ich manchmal auf den kleinen Berg hinter dem 
Hause und bringe ein paar Pilze mit zum Abendessen. Wenig 
Menschen haben mich besucht. Sie finden mich still und gehen 
bald wieder, Es wird Herbst. 
Glauben Sie nicht, daß ich bedrückt oder traurig bin. Seit 
Beginn des Krieges sind die Arbeitstage hier meine beste 
Zeit. 
Seien Sie herzlichst gegrüßt 
Freienwalde, ı2. 8. 18 
Ihr W. 
Als der Zusammenbruch nahte, machte er noch einmal den 
Versuch, die Schranke, die ihn von seiner Umwelt trennte, 
fast gewaltsam zu durchstoßen, Er wandte sich „An Deutsch- 
lands Jugend“: (Es ist die Schrift, von der im obigen Brief die 
Rede ist). „Mit Euch, Deutschlands Jugend, will ich reden. 
Den Genossen meines Alters habe ich nicht mehr viel zu sagen. 
Mein Herz habe ich vor ihnen ausgeschüttet, mein Glauben 
und Schaun, Vertrauen und Sorgen ihnen vor die Seele ge- 
halten. Viele haben meine Schriften gelesen, die Gelehrten, 
um sie zu belächeln, die Praktiker, um sie zu verspotten, die 
Interessenten, um sich zu entrüsten und sich ihrer eigenen 
Güte und Tugend zu erfreuen. Wenn warme Stimmen zu 
mir drangen, so kamen sie von Einsamen, von Jungen und von 
denen, die nicht altern und nicht sterben.“ („„A. D. J.“ S. 6ff.) 
Der Stil des Appells ist schrill, feierlich prophetisch, stellen- 
weise überladen, gleicht oft einer Hand, an deren Fingern zu 
viel Ringe stecken, so daß man die zarten, geschickten Glieder 
darunter vergißt oder übersicht. Der Faltenwurf verdeckt 
Manchmal die Idee mehr als daß er sie schmückt. Man könnte 
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