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Kapitel IX. Vereinsamung

Full text: Walther Rathenau / Kessler, Harry, Graf (Public Domain)

sollen, weiß ich nicht. Bisher war ich durch Arbeit Tag und 
Nacht gebunden. Jetzt beginnt der Leerlauf; denn jetzt kann 
mein Denken nichts mehr bewegen. Am besten wäre es viel- 
leicht, ins Feld zu gehen. Lugano ist mir so gleichgültig wie 
die Mendel; wenn ich nicht fürchtete, Menschen zu sehen, 
bliebe ich hier. 
Das Schwingen der Entscheidung lastet wie ein Gewitter, 
Wir werden getrieben in einer Herde, ins Ungewisse, ohne 
Begreifen. 
Musik kann ich nicht ruhig vernehmen. Die H-Moll-Messe 
neulich abend hat mich gequält; es war freilich eine unschöne, 
auf Übertreibung gestellte Aufführung. Aber schon die Gegen- 
wart der Massen ist mir unmöglich. Dank für Ihre liebe 
Absicht! 
Leben Sie wohl. Die Berge mögen Ihnen ein frisches Fest der 
Hoffnung schenken.“ W. 
Sechs Wochen nach seinem Rücktritt: 
6s, Königsallee. .9. V. 15. 
„Verzeihen Sie mir, es ist mir jetzt nicht möglich, anders als 
in flüchtigster Berührung zu reden und zu hören. Im Innern 
ist alles so verletzt und wund, daß jedes tieferdringende Wort 
mir Schmerzen macht. Ich suche mich auf Gedanken eines 
scheinbar fernen Gebietes zu konzentrieren und daneben ein 
paar gleichgültige Tagesaufgaben zu erfüllen. 
Ich hoffe, wir sehen uns, wenn ich draußen bin. Gestern war 
ich dort, Blüten und Blau, und alles tot,“ 
Ihr 
R. 
Zu den Verdächtigungen, denen jeder, der als Außenseiter 
ein Amt übernimmt, ausgesetzt ist, kam bei ihm der An#i- 
semitismus. der ihn zum erstenmal seit seiner Einjährigenzeit 
jetzt, nachdem er sich an weithin sichtbarer Stelle exponiert 
hatte, persönlich aufs Korn nahm. „Daß ich als Privatmann 
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