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Kapitel VIII. "Von kommenden Dingen"

Full text: Walther Rathenau / Kessler, Harry, Graf (Public Domain)

vor zwei Jahrhunderten der französische Moralist La Bruyere 
gesagt. Die Originalität eines Denkers liegt nicht in dem, was 
er denkt, sondern in der Art, wie er es denkt: in der Form, die 
er einem Gedanken gibt, in der Anwendung, die er für ihn 
findet, in der Verbindung, die er zwischen ihm und anderen 
Gedanken herstellt, vor allem in der Tiefe des Erlebnisses, aus 
dem er ihn in sich neu gebiert. Und gerade dieses ist bei Ra- 
thenau auffallend: die immer wieder bei ihm festzustellende 
Tatsache, daß er nur das verwerten konnte, was durch ein per- 
sönliches Erlebnis sozusagen glühend-flüssig und formbar in 
ihm geworden war. Eine Weltanschauung, ja, sogar eine wirt- 
schaftliche Konstruktion schien ihm dann erst brauchbar, wenn 
sie ihm durch ein persönliches Erlebnis bewiesen war. Er selbst 
betonte das. „Was Menschen sich zu sagen haben, auch wenn 
es die Form von Meinungen annimmt,“ schreibt er an einen 
Bekannten, „sind Erlebnisse. Dialektik ist kindisch und läßt 
kalt.“ (Brief 96.) Die Auslese durch die Wirklichkeit, die in 
seinem Falle eine sehr persönliche und erlebte Wirklichkeit 
sein mußte, siebte für seinen persönlichen Gebrauch und seine 
Gedankenkonstruktionen den unabsehbaren Stoff, den er in 
sich trug. Er las in den letzten Jahren wenig und wartete auf 
das Erlebnis, das wie eine Fliege ins Netz seiner tausend Ge- 
dankenfäden hineinfliegen mußte, um ihm einen Griff zu ge- 
Statten, Oft lag er lange auf der Lauer, dann klagte er über 
Unproduktivität, Hoffnungslosigkeit, Leere, saß müde vor dem 
unfruchtbaren Glitzern seines Innern, Denn er hatte alles in 
allem wenige Erlebnisse, aber hier und da eins, und das schlug 
dann auch so in ihn ein, daß der Gedanke, den es traf, nie 
Wieder verlöschte, „Das Gesetz meiner Existenz“, schreibt er 
an seinen Verleger S, Fischer, „das mir vorschreibt, Gedanken 
Dicht hervorzurufen, sondern ihnen zuzuhören, läßt mich ab- 
Watten,ob überhaupt noch Probleme auftauchen, denen ich mich 
8cwachsen fühle,“ (Brief 5 90.) Einem solchen Manneinen Priori- 
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