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Kapitel I. Vater und Sohn

Full text: Walther Rathenau / Kessler, Harry, Graf (Public Domain)

Freund, der Bankier Carl Fürstenberg, hat einmal gesagt: 
„‚Rathenau begreift und billigt alles bis zum Betrage von drei- 
hundert Mark, dann kommt eine große Lücke, innerhalb deren 
er finanzblind ist, Erst bei drei Millionen fängt das Verständnis 
wieder an.“ Diese „treffende Kennzeichnung“, bemerkt hierzu 
Riedler, „ist aber dahin zu ergänzen, daß die kleinen Ausgaben 
vereinzelt bleiben mußten, sich nicht summieren oder multi- 
Plizieren durften, sonst war er auch bis zum Bereich von drei- 
hundert Mark unerbittlich... Die Geldausgaben für den 
bloßen Verbrauch vertrug er nicht , .,“ Man versteht daher, 
was Walther Rathenau andeutet, wenn er in seiner „Apologie“ 
sagt: „In Not bin ich nicht aufgewachsen, aber in Sorgen“, und 
fühlt den tieferen, etwas schmerzlichen Sinn in dem drolligen 
Gratulationsschreiben des Dreizehnjährigen an die Mutter, in 
dem er unter einen Ge/dsack in zierlicher Kinderhandschrift 
die Unterschrift gesetzt hat: 
„Stirb, Ungeheuer! 
Du aller Sorgen, 
Du alles Kummers 
Drückende Last.“ 
Der in jähem Wechsel stürmisch vertrauensselige und dann 
unvermittelt mißmutige und verschlossene Vater scheint das 
Kind hauptsächlich abgestoßen zu haben, Denn ganz im 
Gegensatz zu seinem Vater war Walther Rathenau schon als 
Kind von einer nie versagenden Gleichmäßigkeit des Tem- 
peraments, von einer unerschütterlich heiteren Verschlossen- 
heit und Kühle. Nichts lag ihm bereits damals weniger als 
Gefühlsausbrüche oder Aufregung. Wie Etta Federn-Kohlhaas 
in ihrem hübschen Buch über ihn berichtet, hat ihr die Mutter 
erzählt, daß er den kleinen Strafen, die sie wegen gelegentlicher 
Unarten über ihn verhängte, eine lächelnde Gelassenheit ent- 
ECgensetzte, die die Strafe in sich aufhob. „Die Mutter stellte
	        
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