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Kapitel VII. Der Weg zum Abgrund

Full text: Walther Rathenau / Kessler, Harry, Graf (Public Domain)

Denken Sie! Ich habe gestern den Topf gefunden, der für Ihre 
halbrunde Nische vor sechzehn Jahren eigens geschaffen wor- 
den ist, und die Zeichnung, wie er aufgestellt werden muß, 
habe ich hineingepackt, damit er Ihnen zu Weihnachten meine 
Festgrüße bringt. 
Heute schicke ich Ihnen gegen alle Gewohnheit ein Buch, und 
was schlimmer ist, ein trauriges.!) Ich glaube, Sie lesen es 
nicht, und die zweite Hälfte verlohnt vielleicht kaum. Goethe 
hat dies Buch der Stein geschickt und gesagt, es sei wie von 
einem jüngeren Bruder, aber einem unglücklichen, Ich habe 
nicht das Recht, etwas Ähnliches zu sagen; aber das Buch 
würde Ihnen manches erklären können. Sie würden sehen, in 
welcher Gefahr der schwebt, bei dem die Jugend Unter- 
drückung bedeutet, Aus solchem Labyrinth ins Freie zu finden, 
ist schwer, fast übermenschlich. Und wem es gelingt, der hat, 
glaube ich, durch diese Befreiung mehr geleistet als durch alle 
Wirkung nach außen. Dem Verfasser gelang es nicht ganz. Er 
bleibt gebrochen und bleibt Zeit seines Lebens an der Ober- 
fläche schwimmen. Die Kraft zur Liebe ging verloren. Es hätte 
sich auch ein ganz anderes denken lassen, aber er war zäh, 
nicht stark. Das eine aber würden Sie verstehen; was nämlich 
in den Menschen dämonische Wirkungen zuwege bringen. 
Gefallene Engel und befreite Dämone: das läuft auf das gleiche. 
Auch über Erziehung läßt sich hier einzelnes vernehmen. 
Ich habe mich gefreut, Sie endlich wiederzuschen, und in einer 
Welt, der Sie angehören und die Ihnen gerecht wird, 
Ich denke, wie Sie oben auf Ihrer kleinen Treppe standen, so 
hatte ich es gewollt. 
Leben Sie wohl. Ich habe in diesem Winter viel Arbeit und 
will egoistisch und abgeschlossen sein. Leuchten Sie mir ein 
bißchen in meine Einsamkeit, Herzlich Ihr W. 
Sonnabend. 
i) „Anton Reiser“ von Karl Philipp Moritz. 
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