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Kapitel VII. Der Weg zum Abgrund

Full text: Walther Rathenau / Kessler, Harry, Graf (Public Domain)

seinem Werk und seiner Seele zu leben. Will man bei Rathe- 
nau eine tragische Schuld konstruieren, so liegt sie hier; aber 
nicht in dem, was er tat oder unterließ, sondern, wie bei jeder 
echt tragischen Figur, in dem, was er war. Sie folgt mit schick- 
salsschwerer Notwendigkeit aus seiner Kompliziertheit. -— 
Aber auch seine Ideen folgen aus seiner Kompliziertheit, Und 
gerade diese Gegensätzlichkeiten, in denen sie wurzeln, ver- 
leihen ihnen ihren Wert: Denn sie wurzeln in den gleichen 
Widersprüchen wie die Welt des zwanzigsten Jahrhunderts. 
Und für Menschen, die zu dieser Welt gehören, sind nicht die- 
jenigen Ideen wertvoll und erlösend, welche in einfachen 
Seelen gewachsen sind: denn sie können ihnen den Boden, 
in dem sie gedeihen würden, die göttliche Einfalt, nicht 
bieten, —— bestenfalls sie pflegen wie exotische Gewächse, die 
auf fremden Boden vielleicht noch einige kranke Blüten, aber 
keine reife Frucht mehr tragen werden. Sondern nur solche 
Ideen sind für sie befruchtend, die in Menschen mit einer 
Seele wie die ihrige geboren sind; weil nur solche Ideen in 
ihnen ihr gewohntes Klima finden und zur vollen Reife sich 
entfalten können, Daher sagt Rathenau zu wenig, wenn er in 
seiner „Apologie‘“ ‚schreibt: „Was meinem Schreiben Kraft 
gibt, die eine, die es hat, das ist, daß es nicht aus den Fingern 
gesogen und nicht ergrübelt ist. Es ist erlebt und vom Leben 
geschenkt“; er sagt damit zu wenig, weil er gleich hinterher 
einen Teil seines Lebens verleugnet, indem er bestehende 
Widersprüche wegzuretouchieren unternimmt. Die Wahrheit 
ist, daß nur, weil er, wie Conrad Ferdinand Meyers Ulrich von 
Hutten in einer ähnlich durcheinanderwogenden Zeit, „ein 
Mensch mit seinem Widerspruch‘ war, daß nur deshalb seine 
Ideen uns, die wir alle auch „Menschen mit unseren Wider. 
sprüchen“ sind, ernsthaft herausfordern und befruchten kön- 
nen. Hätte Rathenau auf seine Aufsichtsratsposten verzichtet, 
ein Arbeiterquartier bezogen, dort dürftig gelebt und sich ganz 
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