Path:
Kapitel VII. Der Weg zum Abgrund

Full text: Walther Rathenau / Kessler, Harry, Graf (Public Domain)

Harden Woche für Woche in der „Zukunft“ an der kaiser- 
lichen Politik übte, Rathenaus Methoden und Gesichtspunkte 
sind von vornherein die des 20. Jahrhunderts, Hardens wie die 
der damaligen deutschen Regierung noch immer die des 19. 
Das ist vielleicht der sachliche Grund, der neben vielen per- 
sönlichen, Hardens Endurteil über Rathenau als Außenminister 
bestimmte: daß dieses Amt „fast das einzige‘ gewesen sei, „für 
das ihm alle Vorbedinge, Wissen, gradlinig schlichte Sachlich- 
keit, Psychologie, Staatsmannsvoraussicht, mitleidende, bang 
und froh mitatmende Liebe zum Volk, fehlten.“ (Nachruf 
in der „Zukunft“ vom 8/z2. Juli 1922.) Wahrscheinlich auch 
einer von. den Gründen, die Rathenau, nachdem er zur Macht 
gelangt war, hinderten, Harden einen Posten anzuvertrauen. 
Von den bürgerlichen Parteien aber hat damals keine sich 
grundsätzlich von diesen veralteten und irreführenden Me- 
thoden und Urteilen befreit. Wie fern Rathenaus Anschau- 
ungen, die aus seiner präzisen Kenntnis des internationalen 
Kräftespiels stammten, allen damals maßgebenden deutschen 
Politikern lagen, zeigt, daß trotz ungeheurer Aufwendungen 
für Heer und Marine, nicht die geringsten Vorbereitungen 
wirtschaftlicher Art für den Krieg getroffen wurden, so daß 
erst Rathenau selbst nach Kriegsausbruch eingreifen mußte, 
um die wirtschaftliche Rüstung nachzuholen. 
Aber die erste politische Kundgebung Rathenaus ist auch noch 
sonst bemerkenswert. Denn ihre eigentliche Spitze richtet sich 
gegen das halb-absolutistische kaiserliche System und die Bevor- 
zugung des Adels, fordert Zulassung Bürgerlicher zu den ein- 
flußreichen Staatsstellungen, Bildung einer großen bürger- 
lichen liberalen Partei, Konstitutionalismus. Die erste russische 
Revolution hat soeben mit einer Kapitulation des Zarentums 
geendet, die Republik in Frankreich ist durch die Niederlage 
der klerikalen Reaktion im Dreyfuß-Prozeß auf linksradikaler 
Basis gefestigt. „Das politische Klima Europas‘, schreibt Rathe- 
A 
\Zu
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.