Path:
Kapitel VI. Das Reich der Seele

Full text: Walther Rathenau / Kessler, Harry, Graf (Public Domain)

bedarf und die berufen sind, dereinst zur Vollendung der Seele 
den Weg zu weisen.“ (Mechanik des Geistes 8. 332.) 
Gleichzeitig werden die vom Verstande geleiteten Triebe, die 
bisher die Hauptmotoren der Mechanisierung gewesen sind, 
Besitzfreude, Ehrgeiz, Streben nach äußerlichem Glanz an 
Bedeutung verlieren, „Wir alle wissen, daß schon heute, in 
dieser Zeit des Begehrens, die erleuchtetsten und geistigsten 
Geister den Lebensweg wählen, der sie am weitesten vom 
Besitz hinwegführt , .. Wir wissen, daß alle Besitzselig- 
keit, Genußsucht und Verschwendung die Sache mißratener 
Söhne, zufälliger oder diebischer Emporkömmlinge ist, daß 
schöpferische Menschen von ihrer Lebensführung unabhängig 
sind, Wir wissen, daß die Reichsten unserer Zeit im Besitz eine 
Verantwortung zu sehen beginnen, daß sie mehr und mehr es 
würdig finden, sich dieser Bürde bei Lebzeiten zu entledigen, 
anstatt sie der Willkür des Erbganges zu überantworten. Es 
gehört wenig Voraussicht dazu, zu erkennen, daß die Zeit naht, 
die, sofern sie die Institution des Privateigentums beibehält, 
das Erbrecht aufs engste beschränkt und den überwiegenden 
Teil des persönlichen Einkommens der Gemeinschaft zu- 
führt .. . Die denkbar schlechteste Arbeit ist es, die aus Not 
oder bloß um des Lohnes willen geleistet wird. Wenn es noch 
irgendwo ein Paar gutgenähte Stiefel gibt, so stammen sie von 
einem Schuster, der an seinem Handwerk Freude hat. — So 
sehen wir denn bei kühler, ja geschäftsmäßiger Betrachtung 
den Boden auch des materiellen Lebens für das Kommende 
bereitet.‘ (Mechanik des Geistes S, 298 ff.) 
Ja, die Schwächung dieser Triebe, die die mechanisierte 
Welt gebaut haben, legt die Frage nah, ob nicht die Gefahr 
besteht, „daß die individualen Motoren, welche den soziolo- 
gischen Weltmechanismus treiben, geschwächt, ja vernichtet 
werden? ... Wird nicht dieser ungeheure Mechanismus vom 
Begehren und vom Kampf, vom Denken und vom Zweck ge- 
120
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.