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Kapitel VI. Das Reich der Seele

Full text: Walther Rathenau / Kessler, Harry, Graf (Public Domain)

nünftigen Wesen ist demnach absolute Einigung, stete Identität, 
völlige Übereinstimmung mit sich selbst.“ (Johann Gottlieb Fichte 
„Über die Bestimmung des Gelehrten“. Jena und Leipzig 
1794 S. 8-12.) Es bedarf kaum eines Hinweises, wie über- 
zeugend für Rathenau diese Sätze klingen mußten; drückten 
sie doch aus, was er als kostbarstes Erlebnis selbst erfahren 
hatte. 
So hat sich durch ein natürliches Wachstum das Erlebnis 
der „Seele“ zu einer breiten philosophischen Grundlage er- 
weitert, an der das Neue Testament, der Chassidismus, 
Spinoza und Fichte, teilhaben, in deren Mittelpunkt als 
festes Kernstück aber immer das ursprüngliche Erlebnis 
Rathenaus steht, Dieses Erlebnis zwingt sogar zu einer wesent- 
lichen Einschränkung gegenüber Fichte und Spinoza; denn 
diese machen keinen Unterschied zwischen verschiedenen 
Seelenzuständen; alle sind für Spinoza gleich vollkommene 
Erscheinungsformen Gottes — und Fichtes „Mensch“ ist der 
Mensch schlechthin. Rathenau dagegen nennt „Seele“ das innere 
Erleben nur in den Augenblicken, in denen es zweckfrei 
seiner eigenen Natur allein gehorcht — ganz nur das von irdi- 
schen Begierden nicht getrübte, reine Spiegelbild Gottes ist. 
Daraus folgt zweierlei: einmal, daß es seelenlose Menschen 
gibt — was nach Spinozas Anschauung unvorstellbar ist, aber 
andererseits der Kabbala geläufig war, die sogar Menschen mit 
zwei oder mehreren Seelen kannte —, daß es also Menschen ohne 
Seele gibt, sei es, daß sie von außen gedrückt oder durch Not 
gehetzt, keine Zeit haben, sich eine Seele zu erwerben, sei es, 
daß sie im Getriebe des Alltags, der Geschäfte, des Vergnügens 
sich selbst keinen zweckfreien Augenblick gönnen. - Und 
ferner, daß in den meisten Menschen die Seele erst ,, ‚geboren‘ 
werden muß, „Vielen ist eine Seele eingeboren,‘ heißt es im 
„Breviarium Mysticum“, „alle können sie erringen.“ Deshalb 
steht die „Geburt der Seele‘ wie ein Mysterium, wie eine Art von 
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