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Kapitel VI. Das Reich der Seele

Full text: Walther Rathenau / Kessler, Harry, Graf (Public Domain)

dem Zweckmenschen fremd und feindlich sind, für alle Kräfte, 
die Rathenau in seinem Innern gegen den verhaßten Verstand 
auf bietet: eine Losung, unter der diese plötzlichals geschlossene 
Phalanx auftreten. 
Aber „Seele“ ist mehr als ein bloßes Wort: den Zuständen, 
die es zusammenfaßt, ist etwas Wirkliches gemeinsam, etwas, 
das sie von allen anderen Augenblicken inneren Erlebens 
unterscheidet und über sie hinaushebt: nämlich, daß zur in 
ihnen der Mensch ganz er selbst, also wirklich frei ist. Daß es 
solche Augenblicke innerer Freiheit geben kann, daß sie beglückend, 
ja, die einzigen voll beglückenden und wertvollen im menschlichen 
Leben sind, hat Rathenau von der griechischen Reise als Erfahrung, 
als unerschütterliche Tatsache seines eigenen inneren Erlebens zu- 
rückgebracht. 
Als das typische und alle anderen verdunkelnde Beispiel sol- 
cher Erfahrung verweist er, wie gesagt, auf die wunschlose, Fran- 
szendente Liebe. Warum gerade diese, nicht irdische Liebe, der 
alles zusammenfassende und bewegende Mittelpunkt seiner 
Weltanschauung werden mußte, nämlich weil der durch tau- 
send Hemmungen erzwungene Verzicht auf diesseitige Er- 
füllung seine tiefste Not war, ergibt sich aus dem vorigen 
Kapitel. Daß trotzdem gerade durch die eine wirkliche, wenn 
doch schließlich auch erfüllungslose Leidenschaft seines Le- 
bens die „Seele“ ihm zum Erlebnis ward, hat er selbst an- 
gedeutet in dem Briefe, mit dem er viele Jahre später die 
„Mechanik des Geistes“ der Freundin zuschickte. „Sie glau- 
ben, daß von diesem Buch Ihnen Nichts gehört? Wenn Sie es 
ganz besitzen — und Sie werden es besitzen, — so werden Sie füh- 
len, daß es nicht nur ein Bekenntnis, sondern auch ein umgeschaffenes 
Erlebnis ist.“ 
Er war nach Griechenland abgereist mit der Einsicht, daß die 
Erfüllung seiner Leidenschaft nicht bloß aus äußeren, sondern 
auch, und ganz besonders, aus inneren, in ihm selbst liegenden 
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