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Rundfahrt

Full text: Spazieren in Berlin / Hessel, Franz (Public Domain)

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Rundfahrt 
entdeckt hat, mit der es bilderfeindliche Zeiten verbargen. 
Vor blauem Himmel und grünem Anger bewegen sich 
zwischen den tanzführenden Toden geistliche und weltliche 
Gestalten. Neben der Kanzel des braunbekutteten Franzis- 
kaners, zu dessen Füßen teuflische Fratzenungeheuer den 
Tanz lauernd und musizierend verfolgen, beginnt den Rei- 
gen der Küster im Chorhemd, von einem Tode angefaßt, der 
seine Linke dem nächsten Geistlichen reicht, den verbindet 
der grausige Nachbar mit dem grauen Augustiner, den wieder 
einer mit dem Kirchherrn in rotem Gewand, und so geht es 
weiter über den Kartäuser, den Doktor — den zählte das 
Mittelalter auch zu der Geistlichkeit und ließ ihn mit from- 
mem Schauer die Flüssigkeit in seinem Glase beschauen —. 
den zierlichen Domherrn, den feisten Abt, den prunkenden 
Bischof, den roten Hut des Kardinals bis zu des Papstes drei- 
facher Tiara. Hinter dem Papste bildet die Wand eine Ecke, 
und da ist der Tanz durch das Bildnis des Gekreuzigten unter- 
brochen, zu dem die Mutter und der Lieblingsjünger betende 
Hände erheben. Dann kommen die Weltlichen. Zunächst 
wird hier der Kaiser mit Zepter und Krone und blau-golden 
gekleidet vom Tode zur Kaiserin hingetanzt, die ihr Schlepp- 
gewand rafft. Sehr jung in seinen hellen Tuchschuhen ist 
der König. Im Harnisch muß der Ritter, in pelzverbrämter 
Schaube der Bürgermeister sich zum Tanze bequemen und 
sich’s gefallen lassen, daß, nur eine Todesbreite von ihm ent- 
fernt, der Wucherer, nicht minder vornehm und verbrämt 
angetan, denselben Reigen tritt. Der Junker in Joppe und 
nrallem Beinkleid, der Handwerksmann im Kittel und ein
	        
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