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Rundfahrt

Full text: Spazieren in Berlin / Hessel, Franz (Public Domain)

Rundfahrt 
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werden wird, um den Ansprüchen größerer Schiffe zu ge- 
nügen, wird unter anderm auch dies Gebäude fallen, und 
dann gibt es schöne Aufgaben für unsere Stadtbaumeister 
und Architekten. 
Wir halten auf dem Molkenmarkt. Da fällt uns ein schönes 
Haus aus friderizianischer Zeit auf, das Palais Ephraim, das 
des großen Königs berüchtigter ‚Münzjude‘ erbauen ließ, der 
Verfertiger der minderwertigen Friedrichdors, der sogenann- 
ten ‚Grünjacken‘, von denen man reimte : 
Von außen schön, von innen schlimm, 
Von außen Friederich, von innen Ephraim. 
Innen kann man das schöne Haus nicht besehen, da sitzen 
Behörden. Außen bildet es als Eckhaus mit seinen auf tos- 
kanischen Säulen ruhenden Balkonen, den korinthischen 
Wandpfeilern, den zierlichen Putten überm Gitterwerk ein 
wunderbares Halbrund. Um den Molkenmarkt herum lag die 
älteste Ansiedlung auf der berlinischen Seite der Spree, und 
hier finden wir auch die einzige ganz erhaltene mittelalter- 
liche Gasse, den oft beschriebenen und oft abgebildeten Krö- 
gel, der so berühmt ist, daß unser Wagen vor seiner Einfahrt 
hält und die Insassen aussteigen und den schmalen Gassen- 
gang nach dem Wasser zu gehn. Ursprünglich soll hier ein 
schon in alter Zeit zugeschütteter Kanal oder Spreearm ge- 
wesen sein, der dem Verkehr vom Markte und Packhof zum 
Flusse diente. Ein Torweg führt in den inneren Hof der 
Gasse. Hier war im Mittelalter das einzige Badehaus von 
Berlin. Da bedienten den Badenden die Töchter der Stadt, 
von denen man sagte, daß sie ‚an der Unehre saßen‘. Sie
	        
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