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Südwesten

Full text: Spazieren in Berlin / Hessel, Franz (Public Domain)

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beiden Bahnhöfen Schöneberg und Großgörschenstraße, die 
nicht miteinander verbunden sind, eiliges armes Volk durch 
den ‚polnischen Korridor‘ laufen sehen. Hinter den traurigen 
Fassaden ahnt man die sonnenlosen Hinterhöfe, die ‚Rasen- 
anlage‘, in der die Kinder nicht graben dürfen, Müllkästen 
und das ungewollte Duett eines Radiolautsprechers im Fenster 
und einer Drehorgel unten, keifende Nachbarinnen und die 
dünne Stimme des Bettelsängers. Das rotverhangene Ge: 
stell dort an der Ecke der absteigenden Nebenstraße, welches 
ein Werbebüro der KPD birgt, kann hier auf guten Zu- 
spruch rechnen . . . Von Tempelhof kommt einen bergigen 
Weg den Bahnübergang her die Tram zwischen Güter 
bahnhof und Müllabfuhrschuppen gefahren. Sie bringt uns 
schnell ans andere Ende von Schöneberg, an die tiefe Mulde 
des Stadtparks. In dem könnte man im Notfall das Lied vom 
verliebten ‚Schöneberg im Monat Mai‘ lokalisieren, was in 
den übrigen Teilen dieses Orts mit dem verheißungsvollen 
Namen kaum möglich ist. 
Nördlich vom Stadtpark liegt das rühmlich bekannte ‚Bay 
rische Viertel‘. Wieviel davon man zu Berlin, zu Schöneber£ 
oder zu Wilmersdorf rechnen soll, weiß ich nicht. Es is 
nicht so rechtwinkelig und geradlinig angelegt wie Berlin W. 
Und statt uns darüber zu freuen, fluchen wir Undankbaren: 
daß wir uns in all diesem Heilbronn, Regensburg, Landshut 
und Aschaffenburg immer wieder verirren. Uns kann man’ 
nie recht machen. Auch die allerlei Brunnen- und Baum: 
Südwesten 
anlagen nehmen wir, ohne sie recht zu beachten, hin. In 
einigen Winkeln stoßen wir auf Versuche, altdeutsche Stadt
	        
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