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Zeitungsviertel

Full text: Spazieren in Berlin / Hessel, Franz (Public Domain)

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freunde sind. Sie hätten gern Gäste in ihrem Laden, die 
nicht bloß abgefertigt werden wollen, Sie beneiden ihre 
Pariser Kollegen, die in meist schlechter ausgestatteten 
Räumen sich einer geselligen Atmosphäre erfreuen, ohne 
daß ihr Geschäft darunter leidet: es soll sogar in Amerika, 
dem wir doch sonst die bewußte Sachlichkeit gern nach- 
machen, eine Art Buchladengeselligkeit geben. Nun, wenn 
der Berliner noch mehr Großstädter und dementsprechend 
gelassener geworden sein wird, wenn er sich nicht mehr 
etwas darauf zugute tun wird, daß er ‚zu nichts kommt‘, 
dann wird man auch wieder im Zimmer des Buchhändlers 
richtig zu Gaste sein. Die vielgerühmte Tüchtigkeit des 
Berliner Sortiments wird darunter nicht leiden, die Tüchtig- 
keit, in der ihm weder Paris noch sonst eine Weltstadt den 
Rang abläuft. Der Berliner Buchhändler ist sehr unterrichtet 
und verschafft einem jedes nur irgend erreichbare Buch. 
Darin tun es die Jungen den Alten gleich, sie sind ja auf- 
Bewachsen in der Tradition und studieren jeden Morgen 
eifrig das vaterländische Börsenblatt. Die Tradition knüpft 
sich an die Namen der großen Firmen aus dem achtzehnten 
Jahrhundert, Nicolai und Gsellius, denen in der ersten Hälfte 
des neunzehnten Asher und Spaeth folgen. 
‚Gibt es eigentlich Originale unter den Buchhändlern?‘ fragte 
ich einmal, als mir der Doktor zu gründlich und sachlich 
wurde, Er dachte nach, lächelte etwas verschmitzt, nannte 
aber keinen Namen. »Nein, was man so Originale nennt,« 
sagte er dann, »das gibt es allenfalls unter den Antiquaren. 
Wohl dem, dem es vergönnt ist, eine Plauderstunde, etwa 
Zeitungsviertel
	        
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