Path:
Friedrichstadt

Full text: Spazieren in Berlin / Hessel, Franz (Public Domain)

Friedrichstadt 
261 
War ‚kolossal‘, was hier geboten wurde. Und heute ist es, dem 
aktuellen Superlativ entsprechend, ‚zauberhaft‘. 
Friedrichstraße. Das war einmal das Zentrum der berlinischen 
Sündhaftigkeit. Das schmale Trottoir war mit einem Teppich 
aus Licht belegt, auf dem sich die gefährlichen Mädchen 
wie auf Seide bewegten. Der Mode gemäß hatte ihr auf- 
rechter Gang etwas Feierliches, das grausam persifliert wurde, 
wenn sie den Mund aufmachten, um sich im städtischen 
Idiom zu äußern. Ihre kastenhafte Abgetrenntheit von der 
Gesellschaft, der sündhafte Glanz ihres falschen Schmucks 
und echten Elends, all die naheliegenden Kontraste, mit 
denen damals junge Phantasie arbeiten konnte beim Anblick 
dieser schlimmen Feen im Federhut der Fürstin, die sie im 
hohen Rat ihrer bornierten Seelsorger aus den heimlichen 
Häusern auf die Straße verbannt hatte, — Bild und Begriff 
von all dem ist nun längst historisch geworden. Und in der 
heutigen Friedrichstraße gespenstert wenig von dieser Ver- 
Sangenheit. Ihr Nachtleben ist ja längst von dem westlichen 
Boulevard überboten. Und was davon ‚noch vorhanden ist, 
reizt mehr den Provinzler als den Berliner Bummler. In 
einigen Nachtlokalen kann die heutige Jugend vielleicht 
üoch ironisch studieren, was früheren Generationen Spaß 
Machte, Am Nachmittag aber, wenn erst einige der Vergnü- 
Sungsfassaden erleuchtet sind wie jetzt, werden manche Tore 
und Fenster reizvoll wie Theaterkulissen, die hinter der 
Szene angelehnt stehn. Eine besondre Art Reklameliteratur
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.