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Tempelhof

Full text: Spazieren in Berlin / Hessel, Franz (Public Domain)

Tempelhof 
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Neben dem Operateur steht der Befehlshaber und gibt ein 
Zeichen. Der Mann am Klavier spielt eine Tanzmelodie. Und 
nun fangen dort an der Bar die Grellbestrahlten an, sich zu 
bewegen. Es ist eine Art Karnevalsfeier. Konfettistreifen 
Werden über Fräcke und nackteSchultern geworfen. Lärmende 
Masken bedrängen tanzende Paare auf der Estrade. Einsam 
inmitten der Tobenden sitzt einer bei seinem Glase, den Ell- 
bogen auf den Bartisch gestützt, starrblickend, fern. Man 
Üüstert uns einen berühmten Namen zu. Jetzt hebt er den 
Kopf und sieht zu uns herüber. ‚Er sieht uns an, als wären 
Wir seine Gespenster‘, sage ich Ahnungsloser. ‚Nein,‘ belehrt 
Man mich, ‚er sieht nichts als blendendes Licht!‘ Die Musik 
5etzt aus. Der Regisseur geht zu den Bargästen und macht 
eine Manöverkritik. Und dann müssen die Geduldigen gleich 
Soch einmal übermütig sein und der in ihrer Mitte muß 
Wieder erstarren. ‚Ein anstrengendes Handwerk‘, meint die 
Erfahrene, die uns führt. ‚Und das Schlimmste ist das lange 
Warten und Immer-Paratseinmüssen. Es ist wie beim Mili- 
tär.‘ Wir Laien bekommen natürlich doch große Lust mit- 
“Uspielen und wäre es auch nur als Figuranten. Wir möchten 
Auch einmal vorkommen auf der Leinwand. einmal uns selbst 
Spielen sehn. 
Wir Berliner sind leidenschaftliche Kinobesucher. Die Wo- 
Chenschau ersetzt uns alle nicht erlebte Weltgeschichte. Die 
Schönsten F rauen beider Kontinente gehören uns alltäglich 
Mit ihrem Lachen und Weinen im wandernden Bilde. Wir 
haben unsre großen Filmpaläste rund um die Gedächtnis- 
Kirche, am Kurfürstendamm. in der Nähe des Potsdamer-
	        
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