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Der Kreuzberg

Full text: Spazieren in Berlin / Hessel, Franz (Public Domain)

Der Kreuzberg 
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Aus dem ich doch meine Sommerfrische machen könnte. 
Nein, statt mich zu erholen, steige ich neben künstlichem 
Fels die Granitstufen hinauf, sechzig Stufen der oberen 
Terrasse bis zum großen Denkmal. 
Neben mir erklärt ein Familienvater Frau und Kindern, 
Was es da unten ringsum an Türmen und Dächern zu sehen 
gibt, er zeigt ihnen die Hallen des Anhalter Bahnhofs, 
Reichstagskuppel und Siegessäule, nahe Gnadenkirche und 
ferne Lutherkirche. Als er dann zu den grünspanigen Kup- 
Peln am Gendarmenmarkt, zu Hedwigskirche, Dom und 
Schloß kommt, wird die kleine Tochter ungeduldig und 
fragt: »Wollen wir nicht bei den kleinen Fluß gehn?« Da- 
Mit meint sie den Wasserfall. Der Vater aber gelangt er- 
Klärend weiter zu den Kirchen der Altstadt. Ich denke 
bei den Namen nach, wer wohl in vergangenen Zeit- 
äuften von dieser Höhe auf die alten Türme hinunterge- 
sehen haben mag. Da fällt mir die Anekdote von dem Kur- 
fürsten Joachim ein. der hier oben ein paar Stunden selt- 
‘mer Angst und Spannung verbracht hat, Dem hatte näm- 
lich sein gelehrter Sterndeuter Carion, dem er eine Stern- 
arte in seinem festen Schloß zu Cölln an der Spree ’einge- 
tichter hatte, prophezeit, es werde am 15. Juli 1525 ein 
STausames Wetter die Städte Berlin und Cölln ersäufen. Der 
Tag brach, wie die Chronisten erzählen, wolkenlos an, mit- 
'ags herrschte glühende Hitze, der Himmel bekam ein fahles 
Gelbgrau und am Horizont erschien eine schwarze Wolke, 
Da gab es Unruhe im Schloß, die Hofwagen wurden eilig 
ANgeschirrt, und der Kurfürst lief mit verstörter Miene durch
	        
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