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Berlins Boulevard

Full text: Spazieren in Berlin / Hessel, Franz (Public Domain)

Berlins Boulevard 
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lichen Zacken, Vor- und Überbauten der ‚Geschwürhäuser‘, 
wie wir sie früher zu nennen pflegten, verschwinden hinter 
den Reklamearchitekturen. Den Fassaden der Paläste mit 
den zu hohen Gesellschaftsräumen nach der Straße und den 
dunklen Hinterräumen fürs Privatleben rückt man zunächst 
durch Ladeneinbauten zu Leibe, die das Erdgeschoß großzügig 
vereinfachen. Immer neue Läden entstehn, da die großen 
Geschäftshäuser der City hier ihre bunteren moderneren 
Filialen gründen und die schönsten Detailgeschäfte sich ihnen 
anschließen. Da ergeben sich für Glas, Metall und Holz neue 
Aufgaben und in das frühere Berliner Grau und Fahlgelb 
kommt Farbe. Und sobald eins der Häuser baufällig oder 
wenigstens reparaturbedürftig wird, schneidet ihm die junge 
Architektur den Bubenkopf einer einfachen linienklaren 
Fassade und entfernt alles Gezöpfte. Vor vielen Cafes gehen 
die Terrassen weit auf das Trottoir hinaus und machen Haus 
und Straße zu einer Einheit. Eins hat sogar schon in 
Pariser Art Kohlenbecken für die kalte Jahreszeit hinausge- 
stellt, um diese Einheit auch im Winter nicht zu unter 
brechen. 
In diesem südlicher gewordenen Leben unseres Boulevards 
zeigt sich auch, was Wilhelm Speyer in seinem neuberlinischen 
Roman ‚Charlott etwas verrückt‘ die Ansitze zu einem demo- 
kratischen Großstadtfrohsinn nennt. »In den Gliedern dieser 
einst so ungelenken Stadt,« sagt er, »dieser Stadt voll prote” 
stantischer Staats- und Militärphilosophie, zuckte ein an- 
glimmendes Feuer. Ein Wille zum Leichtsein, zumal in den 
Frühlings- und Sommermonaten, begann dem Leib der
	        
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