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Sozialfaschismus oder Faschismus?

Full text: Die Maitage in Berlin 1929 / Gusev, Sergej Ivanovič (Public Domain)

jederzeit, sobald ihnen der Zeitpunkt günstig erscheint, bereit sein, mit den 
Kommunisten zusammenzugehen.“ 
Danach soll man‘ den Trustmagnaten dienen! Man setzt 
gegen die Kommunisten Maschinengewehre ein, und am nächsten 
Tag wird man beschuldigt, man schmiede mit den Kommunisten 
Komplotte gegen die eigenen Auftraggeber. Welch schwarze 
Undankbarkeit! 
„Es’ist unerträglich‘ — schließt die „Berliner Börsenzeitung“ ihren Ar- 
tikel —, „daß die Sozialdemokratische Partei länger die Macht im Staate und 
seinen wichtigsten inneren Funktionen behält.“ 
Der wichtigste Vorwurf, der gegen die Sozialdemokratische 
Partei erhoben wird, besagt also, daß sie den Kampf gegen die 
Kommunistische Partei nicht scharf und energisch genug führe. 
Derselben Meinung ist auch die „Rheinisch-Westfälische Zeitung“, 
die von der Sozialdemokratie unumwunden fordert, die Kommu- 
nistische Partei und alle ihr angeschlossenen Massenorganisatio- 
nen sollen unverzüglich aufgelöst werden. Das sei das Minimum 
der „unverzüglich zu treffenden Maßnahmen‘. Die Sozialdemo- 
kraten sollen mit der Durchführung dieses Minimums beweisen, 
daß sie in der Lage sind, den Staat zu regieren, und daß sie den 
Mut dazu haben. Mit diesen Worten schließt die Zeitung ihren 
Artikel. 
Aber auch die Hnksbürgerliche Presse ist mit Zörgiebel und 
mit der Sozialdemokratie unzufrieden. „In solchen Angelegen- 
heiten — schreibt die „Frankfurter Zeitung“ -— gibt es nur ein 
Entweder-Oder‘“. Entweder verbietet man die Demonstration, 
dann hätte man vier Wochen vor dem 1. Mai die kommunistische 
Presse verbieten müssen, oder man verbietet die Demonstration 
nicht. Sonst ergeben sich Halbheiten, ergibt sich ein Kerenski- 
System, das letzten Endes den Faschisten bzw. den Halbfaschisten 
zugute kommt. Besonders wenig steht eine solche Inkonsequenz 
einer Partei zu, die auf eine solche Vergangenheit zurückblicken 
kann wie die Sozialdemokratie. 
Und die Zeitung führt folgendes Zitat aus dem Organ der 
christlichen Gewerkschaften, „Der Deutsche‘, an: 
„Aus den Proletarierquartieren strömten die Massen zusammen... Nur 
wo die Polizei nervös wurde, kam es zu aufgeregten Szenen. An manchen 
Stellen hieb der Polizeisäbel rücksichtslos drein. Trotz alledem: Das Pro- 
letariat hat sich die Straße erobert, und es wird sich dieses Recht nicht 
wieder nehmen lassen.“ 
Das steht nicht in der „Roten Fahne‘ von 1929, sondern im 
„Vorwärts“ von 1908. Und die „Frankfurter Zeitung“ hält der 
Sozialdemokratie ihre Vergangenheit vor: 
„Eine. Partei mit dieser Vergangenheit muß in der Lage sein, andere 
Methoden aufzubringen als bloß Verbot, Abriegelung und Schüsse. Wir be- 
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