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Full text: Berlin / Scheffler, Karl (Public Domain)

war, eine Stadt voller Zukunft und weil sie damit alle die ge- 
fangennahm, die selbst mit ihrer Persönlichkeit wuchsen und 
von Zukunftsinstinkten erfüllt waren. Und weil Berlin das, was 
ihm an schöpferischem Vermögen immer noch abging, durch 
Kritik ersetzte. 
Der Berliner Geist hat sich durch Kritik entwickelt, er ist 
dadurch vom Schlechten zum Besseren gelangt. Denn diese 
Kritik war konsequent genug, die Selbstkritik nicht auszu- 
schließen. Es ist einer der größten Vorzüge der Berliner, daß 
Sie imstande sind, sich selber ironisch zu nehmen; denn es be- 
deutet, daß 'sie sich selbst relativ sehen können und sich damit 
in ein Verhältnis zum Ganzen bringen. Das ist aber schon ein 
beinahe schöpferischer Vorgang. Mit dieser Einstellung hing 
von vornherein eine gesunde Abneigung gegen das Pathos 
und gegen alle Art von Feierlichkeit zusammen. Gesund war 
und ist diese Abneigung, weil damit unendlich viele Phrasen 
vermieden werden. Freilich wird auch das Letzte und Höchste 
in der Kunst damit vermieden. Dieses ist aber so selten, daß der 
Gewinn dennoch groß bleibt. Ebenso kam der Kritik dann die 
naiv naturalistische Anlage zugute, weil sie bei allen Gelegen- 
heiten das lebendig Wirkliche betonte, weil ein frischer Natu- 
talismus durch sein bloßes Dasein schon die Überstiegenheiten 
einer haltlos schweifenden Romantik kritisiert. Sieht man ge- 
nauer zu, so wird man finden, daß der kritische berlinische 
Geist von derselben Art ist wie der zweifelnde, im Zweifel aber 
Nie erschlaffende Geist des Alten Fritzen. Und man wird ferner 
finden, daß der so leicht ins Witzige umschlagende Geist der 
Kritik viele Berührungspunkte hat mit dem jüdischen Witz und 
Mit der optimistisch-skeptischen jüdischen Produktivität. Zwei- 
fellos ist, daß der Berliner, wie er sich im neunzehnten Jahrhundert 
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