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Full text: Zugänge für Neuzuwanderer in die (ländliche) Zivilgesellschaft (Rights reserved)

Kurz-Expertise Mitwirkung, Mitgliedschaft, Bindung: Zugänge für Neuzuwanderer in die (ländliche) Zivilgesellschaft Die organisierte Zivilgesellschaft: Akteur der Integrationspolitik in ländlichen Räumen Die Integration von Neuzuwanderern in die deutsche Gesellschaft und die Ermöglichung von Teilhabe ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Dabei liegen die ökonomischen und finanziellen Ressourcen hierfür überwiegend auf Seiten des Staates (Wohnen, Bildung, Spracherwerb, Gesundheit) oder bei der Wirtschaft (Arbeit). Wesentlich ist darüber hinaus die soziale und kulturelle Teilhabe an der deutschen Gesellschaft. Sie ist ein aktivierendes Moment des Integrationsprozesses und kann vor allem in der und durch die Zivilgesellschaft geschehen.1 Staat und Wirtschaft verfügen in der Regel nicht über die Kompetenzen und Ausstattung, diesen wichtigen Teil der Sozialintegration eigenständig zu leisten. In Deutschland spielen für den Zugang zur Gesellschaft nicht zuletzt Vereine und Verbände eine bedeutende Rolle. Sportvereine, Freiwillige Feuerwehren, Wohlfahrtsverbände, Heimat- und Bürgervereine, Bürgerinitiativen, Kleingartenvereine, Kulturvereine, religiös gebundene Vereine oder Chöre sind nach wie vor zentrale Orte sozialen Lebens und Lernens. Hier treffen sich Menschen privat, tauschen sich aus, verbringen ihre Freizeit gemeinsam und begründen Freundschaften. Darüber hinaus sind es auch Orte, an denen im Alltag Demokratie gelebt wird, da hier in der sozialen Gruppe Interessen verhandelt, Konflikte ausgetragen, Kompromisse geschmiedet werden und in kollektiver Verantwortung für einen gemeinsamen Zweck gehandelt wird. 1  uth, Susanne (2007): Bürgerschaftliches Engagement von Migrantinnen H und Migranten. Lernorte und Wege zu sozialer Integration, Partizipation und Kompetenzentwicklung. INBAS Sozialforschung GmbH, Frankfurt am Main. Insgesamt sind von den 82 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern Deutschlands 44 Prozent in den ca. 600.000 Vereinen und Verbänden organisiert.2 Wer also in einem Verein in Deutschland Mitglied und aktiv wird, ist Teil des organisierten sozialen Landes und der organisierten Zivilgesellschaft. Als der organisierte oder institutionalisierte Teil der Zivilgesellschaft werden hier Vereine und Verbände verstanden, also rechtlich verfasste Institutionen, die auf Dauer angelegt sind und über eine formale und anerkannte Organisationsstruktur verfügen. Migrantenorganisationen sind Teil dieser organisierten Zivilgesellschaft. Migrantenorganisationen sind in vielen ländlichen Räumen in Deutschland erst im Entstehen. Sie bilden einen wichtigen Baustein in der Vereinslandschaft in Deutschland für die Selbstorganisation von Einwanderinnen und Einwanderern. Daher brauchen diese Initiativen und Zusammenschlüsse in Deutschland weitere Unterstützung in ihrem Aufbau und der Teilhabe an kommunalen Prozessen. Schwerpunkt dieser Kurz-Expertise ist jedoch die (interkulturelle) Öffnung der bestehenden Zivilgesellschaft in ländlichen Räumen. Dieses Vereinswesen spielt insbesondere in ländlichen Räume eine wesentliche Rolle für das Zusammenleben und den Zusammenhalt vor Ort. Die organisierte Zivilgesellschaft in Deutschland ist mit Blick auf Organisationsformen, Themen etc. vielfältig – allen Voraussagen zum Trotz wächst sie sogar. Ein großes Potenzial besteht jedoch hinsichtlich der Öffnung der Organisationen. Die Mitglieder und freiwillig Engagierten sind nach wie vor kulturell eine eher homogene Gruppe.3 2 Vgl. Stiftung für Zukunftsfragen (2014): Immer mehr Vereine – immer weniger Mitglieder: Das Vereinsleben in Deutschland verändert sich. Forschung aktuell, 254, 35. Jg., https://www.stiftungfuerzukunftsfragen.de/newsletter-forschungaktuell/254 (zuletzt abgerufen am 21.10.2019). 3  riemer, Jana; Krimmer, Holger; Labigne, Anaël (2017): Vielfalt verstehen. P Zusammenhalt stärken. ZiviZ-Survey 2017, Edition Stifterverband, Essen. Kurz-Expertise Mitwirkung, Mitgliedschaft, Bindung Das in Vereinen und Verbänden organisierte soziale Leben ist dabei jedoch einem starken Wandel unterworfen. Die Mitgliedschaft schrumpft und altert, jedoch unterschiedlich je nach Vereinsart und dem sozialen Raum. Sportvereine erfreuen sich nach wie vor großer Beliebtheit und ziehen auch junge Menschen an, zumal sie fast durchgängig explizite Strukturen und Angebote für Kinder- und Jugendarbeit aufweisen.4 Andere Vereine, z. B. Freiwillige Feuerwehren oder Heimat- und Bürgervereine, sind stärker von Nachwuchssorgen betroffen und damit von Alterung und Schrumpfung bedroht. Grund hierfür ist unter anderem, dass diese Vereine überproportional im ländlichen Raum verortet sind, welcher regional unterschiedlich vom demografischen Wandel betroffen ist. Ländliche Räume und deren zivilgesellschaftliche Organisationen sowie deren Vereinswesen stehen damit vor einer nochmals größeren Herausforderung. Wollen sie ihre bisherigen Angebote und Strukturen bewahren oder zumindest angepasst aufrechterhalten, brauchen sie Strategien, um neue Mitglieder zu gewinnen und zu binden. Neuzuwanderer und Geflüchtete, die vor allem seit dem Jahr 2015 verstärkt auch in ländlichen Räumen bzw. in kleineren und mittelgroßen Städten leben, sind eine mögliche Zielgruppe, um neue Mitglieder für Vereine und Akteure für zivilgesellschaftliches Engagement zu gewinnen.5 Die Gewinnung neuer Mitglieder und deren Aktivierung birgt potenziell einen beiderseitigen Nutzen: Sie ermöglicht einerseits den Neuzuwanderern Neues zu lernen, soziale Interaktion und Kontakte zu knüpfen, die Gelegenheit, Deutsch zu sprechen, mögliche Zugänge in Arbeit und das Ankommen in der deutschen Gesellschaft. 4  raun, Sebastian; Nobis, Tina (2011): Migration, Integration und Sport. B Zivilgesellschaft vor Ort. Springer VS, Wiesbaden. 5 Das Engagement der Mehrheitsgesellschaft für Migranten, insbesondere für Geflüchtete, wurde seit 2015 umfangreich analysiert. Siehe dazu u. a. Working Paper des Projekts „Perspektive Teilhabe“ von minor, projektkontor für bildung und forschung, https://minor-kontor.de/perspektive-teilhabe (zuletzt abgerufen am 21.10.2019), sowie Klie, Anna Wiebke (2016): Facettenreich: Zur Rolle zivilgesellschaftlichen Engagements in der Migrationsgesellschaft. In: Kurzdossier Zivilgesellschaftliches Engagement in der Migrationsgesellschaft. Bundeszentrale für politische Bildung, http://www.bpb.de/gesellschaft/ migration/kurzdossiers/227526/engagement-in-der-migrationsgesellschaft?p=all (zuletzt abgerufen am 21.10.2019) und Karakayali, Serhat; Kleist, Olaf (2015): Strukturen und Motive der ehrenamtlichen Flüchtlingsarbeit (EFA) in Deutschland. Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM), Humboldt-Universität zu Berlin. Weniger stark sind dagegen die Strukturbedingungen untersucht worden, die Migranten und Geflüchteten den Zugang in etablierte zivilgesellschaftliche Institutionen ermöglichen. Für den ländlichen Raum fehlen solche Untersuchungen gänzlich. 3 Darüber hinaus verschafft sie Einblicke in die Funktionsweise eines zentralen Teils der deutschen Zivilgesellschaft.6 Andererseits stärkt die Aufnahme dieser Zielgruppe die Mitgliederzahlen und Strukturen sowie die Diversität und Zukunftsfähigkeit bestehender Vereinsorganisationen. Diesen potenziellen und theoretisch beidseitigen Chancen stehen allerdings besonders bei Neuzuwanderern durchaus handfeste Hindernisse und Herausforderungen gegenüber. Vereine sind oft nicht darauf ausgerichtet, neue Mitglieder aufzunehmen, die aus anderen sozialen und kulturellen Kontexten kommen und die Spielregeln der deutschen Gesellschaft und die deutsche Sprache erst erlernen. Daher braucht es dafür meist gezielte Initiativen und auch einen Wandel der Organisation, der die Öffnung für neue Zielgruppen und deren (Ein-)Bindung erlaubt. Doch mit welchen Aktivitäten und Ansätzen kann der Zugang von Migrantinnen und Migranten und Geflüchteten in die Zivilgesellschaft in ländlichen Räumen unterstützt werden? Welche (ausgewählten) Beispiele gibt es in der Praxis? Diese Fragen greift diese Kurz-Expertise auf. Die zugrundeliegenden Erfahrungen gehen zurück auf ein Beratungsprojekt der Robert Bosch Stiftung im Landkreis Prignitz im Rahmen des Programms „Land.Zuhause.Zukunft – Integration und Teilhabe von Neuzuwanderern in ländlichen Räumen“, Initiativen der Freiwilligen Feuerwehr in Hessen sowie neue Ansätze des Westfälischen Heimatbundes.7 6  iese Tatsache ist nicht unwichtig, wenn es zu eigenen Vereinsgründungen D von Migranten kommt. Das Erfahrungswissen aus der Mitarbeit in etablierten Vereinen kann dafür genutzt werden. 7 Weitere Informationen zu den Initiativen der Feuerwehren in Hessen und deren Integrationspreis unter https://www.feuerwehr-hessen.de/gemeinsamueber-das-projekt (zuletzt abgerufen am 21.10.2019), sowie zu den Ansätzen des Westfälischen Heimatbundes „Migration in Westfalen – Heimatvereine als Brückenbauer“ unter http://www.lwl.org/367-download/Heimat Westfalen/2018/HW_3_18_Internet.pdf (zuletzt abgerufen am 21.10.2019). 4 Kurz-Expertise Mitwirkung, Mitgliedschaft, Bindung Zivilgesellschaftliche Vereine, Institutionen und Initiativen in ländlichen Räumen für Geflüchtete und Neuzuwanderer öffnen – wie kann das gelingen? Für die Gewinnung von Neuzuwanderern für zivilgesellschaftliche Organisationen und Aktivitäten in ländlichen Räumen gibt es kein „Rezept“. Aus bisherigen praktischen Erfahrungen lassen sich jedoch Aktivitäten ableiten, die teils allgemeiner Natur sind, teils spezifisch für ländliche Räume. Die Ideen können helfen, Ansätze vor Ort für den jeweiligen Kontext zu gestalten und anzupassen. Bei der Umsetzung sind die Akteure Verwaltung, Vereine / Verbände und die Zielgruppe Neuzuwanderer jeweils unterschiedlich, teils auch kooperativ involviert. Die Aktivitäten lassen sich in vier Kategorien untergliedern: • • • • Allianzen schmieden Zielgruppen vorbereiten Informationen vermitteln Engagement ermöglichen und verstetigen Kurz-Expertise Mitwirkung, Mitgliedschaft, Bindung 5 Allianzen schmieden Zielgruppen vorbereiten Mitspieler lokalisieren und im Sozialraum sichtbar machen Wesentlicher Ausgangspunkt ist ein guter Überblick über die Akteure, die im kommunalen Sozialraum gewonnen und beteiligt werden sollen, können und wollen. Dabei geht es um die Zielgruppe der Zuwanderer, die zivilgesellschaftlichen Institutionen (Netzwerk an Vereinen) bzw. Ehrenamtsinitiativen, aber auch die regulären Angebote von staatlicher Seite, z. B. der Migrationsberatung, Integrationsbeauftragten, um Sprachkursträger, kommunale Sozialbehörden, Jobcenter usw. In der Regel kennen sich viele Akteure auf kommunaler Ebene im ländlichen Raum. Das heißt aber nicht notwendigerweise, dass sie auch kontinuierlich kooperieren, gut vernetzt sind und voneinander im Austausch lernen. Insbesondere auf Seiten von Vereinen besteht oft ein Wissensdefizit über die Strukturen und Angebote der regulären Migrations- und Integrationsarbeit. Ein guter erster Schritt ist also, die Strukturen zu analysieren und zu veranschaulichen, z. B. durch ein Mapping und die systematische Beschreibung der Akteure und ihre Aufgaben und Angebote („Steckbriefe“). Eine Landkarte kann der Veranschaulichung dienen. Auf der Basis dieser Informationen können die Aufgaben und Möglichkeiten von Ehrenamt, Zivilgesellschaft und kommunalen Regelangeboten zusammengeführt und im zweiten Schritt koordiniert werden. Interne Öffnungsprozesse gestalten: Leitungsebene und Vereinsmitglieder überzeugen Den Gremien von Vereinen und Verbänden fällt im Rahmen der interkulturellen Öffnung der Institution eine zentrale Rolle zu.8 Ist die Leitung zögerlich oder dem Ansinnen gegenüber negativ eingestellt, ist ein Öffnungsprozess schwierig oder unmöglich. Die Aktivierung eines Vereins für die Aufnahme und Gewinnung migrantischer Zielgruppen muss vom Vorstand gewollt und aktiv kommuniziert werden, nicht zuletzt auch, um mögliche Vorbehalte aus den Reihen der Mitglieder aufzunehmen und sich damit auseinanderzusetzen. Die Praxiserfahrung zeigt, dass auch mit Kritik und Vorbehalten zu rechnen ist, die vielleicht keine rationale Basis haben, aber Ängste, Sorgen oder Vorurteile zum Ausdruck bringen. Dabei ist es wichtig, von Beginn an zu signalisieren, dass es nicht ausschließlich um Maßnahmen für Migrantinnen, Migranten und Geflüchtete geht, sondern der Ansatz auch im Eigeninteresse des Vereins liegt (Mitglieder gewinnen, Vereinsstruktur stabilisieren, die sich ändernde lokale Gesellschaft mitgestalten, Unterstützung mobilisieren), um so für Zustimmung und Mitwirkung von Mitgliedern und Mitarbeitern zu werben. Will man einen nachhaltigen, erfolgreichen Prozess, das heißt ein langfristiges Engagement initiieren, sollte das Anliegen von möglichst vielen Mitgliedern geteilt werden. Konkret kann dies z. B. heißen, die Leitungen einzelner Sparten im Verein für das Vorhaben der interkulturellen Öffnung aktiv einzubeziehen oder Patenschaften für neue Mitglieder zu initiieren. Lokale und überregionale Vernetzung etablieren Bestehende lokale Akteursnetzwerke unter den zivilgesellschaftlichen Institutionen sollten genutzt sowie Dachorganisationen einbezogen werden, etwa im Feld des Sports der lokale Kreissportbund, aber durchaus auch andere Dachverbände wie z. B. Landesverbände von Kleingartenvereinen oder die überregionalen Zusammenschlüsse von Heimat- und Bürgervereinen. Dies ermöglicht den Erfahrungsaustausch, den Transfer guter Ideen und die Nutzung weiterer übergeordneter (Förder-)Strukturen, die schon etabliert sind. Über die Ebene der Dachorganisationen lassen sich auch vereins- und verbandsübergreifende Vernetzungen in andere Kommunen initiieren. Der nachhaltige Aufbau von Vernetzung braucht in zivilgesellschaftlichen Organisationen sowohl nach außen als auch nach innen klare personelle Zuständigkeiten im Vereinsvorstand und damit ein Gesicht als Ansprechpartner und Multiplikator. 8  ür eine umfassende Analyse zur Öffnung von Vereinen siehe: Panesar, F Rita (2017): Wie interkulturelle Öffnung gelingt. Leitfaden für Vereine und gemeinnützige Organisationen, Edition Stifterverband, Essen, http://ziviz.de/download/file/fid/345 (zuletzt abgerufen am 21.10.2019). Vgl. hierzu auch die Informationen des VereinsWiki zur Frage: „Wie gewinne ich Migranten für die Vereinsarbeit?“ unter https://www.vereinswiki.info/ node/36 (zuletzt abgerufen am 21.10.2019) oder von Vereinsmeier – Erfolgreich im Verein „Potenzial: Migranten im Ehrenamt“ unter https:// vereinsmeier.online/potenzial-migranten-im-ehrenamt (zuletzt abgerufen am 21.10.2019). 6 Kurz-Expertise Mitwirkung, Mitgliedschaft, Bindung Zielgruppenspezifische Angebote machen Für die Ausgestaltung der Angebote ist es zunächst insbesondere für die Zielgruppe der Geflüchteten wichtig, rechtliche Fragen wie beispielsweise Versicherungsschutz und Reisemöglichkeiten zu klären, wofür es mittlerweile recht gutes Informationsmaterial gibt.9 Sinnvoll ist auch, die Sozialstruktur der Zielgruppe zu bedenken. Sollen Familien oder Singles erreicht werden? Geht es um Kinder und Jugendliche oder Erwachsene, um Männer oder Frauen? Um Geflüchtete aus Drittstaaten oder Arbeitsmigranten aus der Europäischen Union? Hier braucht es teils nicht nur interessen- und gruppenspezifische, sondern auch kultur- und geschlechtsspezifische Konzepte und Strategien bzw. Übersetzungsarbeit. Dabei ist es wesentlich, die Zielgruppe der Zugewanderten in die Ausgestaltung der Angebote einzubeziehen, ihre Bedürfnisse kennenzulernen bzw. Angebote auch gemeinsam mit ihnen zu entwickeln und damit von Anfang an ein partnerschaftliches Verhältnis auf Augenhöhe herzustellen. Im ländlichen Raum ist es mitunter schwieriger, zielgruppenspezifische Angebote zu machen, da weniger Personen, jedoch sehr diverse Zielgruppen vor Ort leben. 9  gl. Landessportbund Nordrhein-Westfalen: Flüchtlinge und Sportverein – V häufig gestellte Fragen, https://www.vibss.de/vereinsmanagement/recht/ aktuelles/fluechtlinge-im-sportverein-haeufig-gestellte-fragen (zuletzt abgerufen am 21.10.2019), sowie Diekmann, Maren-Kathrin; Mindach, Caroline (2017): Rechtliche Rahmenbedingungen des ehrenamtlichen Engagements von Geflüchteten. Kurzdossier Ehrenamtliches Engagement von Geflüchteten. Bundeszentrale für politische Bildung, http://www.bpb.de/ gesellschaft/migration/kurzdossiers/250215/ehrenamtliches-engagementvon-gefluechteten (zuletzt abgerufen am 21.10.2019). Migrantische Zielgruppen ansprechen und mobilisieren Die Zielgruppe der Zuwanderer zu erreichen, ist die größte Herausforderung, insbesondere in ländlichen Räumen, wo häufig nicht an eingespielte Strukturen von Selbstorganisationen oder längere Traditionen migrantischer Communities angeknüpft werden kann. Zur Zielgruppenansprache und -erreichung müssen oft unterschiedliche Wege ausprobiert werden. Dennoch gibt es einige systematische Überlegungen, die man berücksichtigen kann. So gilt auch hier, dass ein erfolgreiches Beispiel oft einen hohen Multiplikationseffekt hat. Sind die ersten zwei oder drei migrantischen Personen für die (Mit-)Arbeit in einem Verein oder Verband gewonnen, ist ein „Echoeffekt“ wahrscheinlicher. Gute Vorbilder und Mund-zu-Mund-Werbung helfen dem Erfolg auf den Weg. Insofern ist es durchaus wichtig zu schauen, wer die ersten zwei oder drei Personen sind, die man gewinnen kann. Es sollten möglichst Multiplikatoren sein, die als Sprecher in ihre Community hineinwirken und perspektivisch auch innerhalb der Vereins- oder Verbandsarbeit als Ansprechpartner für die Zielgruppe fungieren können. Die Einbeziehung von Migrantenorganisationen als Multiplikatoren und für die Vertrauensbildung ist ebenfalls wichtig, sofern diese im ländlichen Raum vorhanden sind. Kurz-Expertise Mitwirkung, Mitgliedschaft, Bindung Informationen vermitteln Angebote zum richtigen Zeitpunkt und Schnuppermitgliedschaft oder Engagement auf Probe ermöglichen Wichtig ist, den richtigen Zeitpunkt zu finden, um bedarfsgerechte Angebote bekannt zu machen. So ist die erste Zeit der Ankunft bei Asylsuchenden, wenn sie mit Fragen rund ums Wohnen, Einleben, dem Spracherwerb usw. ausgelastet sind, oft noch kein guter Zeitpunkt, um Angebote zivilgesellschaftlicher Organisationen zu unterbreiten. Folgt auf diese erste Phase die der auf Dauer ausgerichteten Beheimatung, werden solche Angebote eher wahrgenommen. Weiterhin bedeutet aber das Leben in der Migration oft ein Leben im Übergang. Dies gilt insbesondere für Geflüchtete und Asylbewerber, deren Aufenthaltsstatus begrenzt bzw. unsicher ist oder deren Perspektiven im zugewiesenen Wohnort auf dem Land oder in einer kleineren Stadt eventuell nur vorübergehend sind. Diese Rahmenbedingungen können dem dauerhaften Engagement oder der langfristigen Bindung in einem Verein entgegenstehen, zumal wenn auch die wirtschaftlichen Bedingungen (Arbeit, eigenes Einkommen) unsicher sind. Eine Möglichkeit, diese Hürden zu umgehen, sind zeitlich begrenzte Schnuppermitgliedschaften oder ein Engagement auf Probe, wofür in Vereinen ggf. Satzungsbestimmungen getroffen werden müssen. Mitgliedbeiträge stellen gerade für Flüchtlinge, die von Transferleistungen leben, oft eine hohe finanzielle Hürde da. Hier gilt es abzuwägen, ob satzungsmäßig für diese Zielgruppe ein ermäßigter Mitgliedsbeitrag angeboten wird oder dieser für eine Übergangszeit gar entfallen kann. Informationen zielgerichtet vermitteln und neue Informationskanäle nutzen Das deutsche Vereinswesen mit seinen Regeln und Regularien erfordert eine passgenaue Vermittlung und Übersetzung für neu hinzukommende Personen. Was ein Sportverein macht, ist für die meisten unmittelbar ersichtlich. Um aber zu erklären, welche Aufgaben und sozialen Funktionen etwa das Technische Hilfswerk, Freiwillige Feuerwehren oder 7 Heimatvereine haben, braucht es zielgerichtete Informationen. Bestehende Informationsangebote sind meist staatlicher, nur sehr selten zivilgesellschaftlicher Natur. Sie laufen z. B. über die kommunal organisierten Migrationsberatungen, die Jobcenter oder Integrationskurse, in denen Neuzuwanderer Deutsch lernen. Vereine und Verbände sollten diese etablierten Informationskanäle nutzen, um über ihre Organisation und ihre Angebote zu informieren. Dazu können systematische persönliche Kooperationen mit den Anbietern dieser Regelangebote, die Verbreitung von Information (Flyer in relevanten Sprachen, Hinweise auf digitale Informationsangebote) über deren Kanäle oder auch gezielte gemeinsame Informationsveranstaltungen dienen. Im ländlichen Raum sollte auch bedacht werden, dass die Informationsvermittlung in abgelegene Regionen wie weit entfernte Dörfer schwieriger sein kann und zusätzlichen Aufwand erfordert. Ein sehr geeigneter konkreter Ort, um zivilgesellschaftliche Angebote und Arbeit vorzustellen, ist der letzte Teil des Integrationskurses, in dem in hundert Stunden Wissen zum Alltagsleben und zu Politik und Gesellschaft in Deutschland vermittelt wird.10 Hier können Vereine idealerweise ihre Arbeit vorstellen, ggf. verbunden mit einer Exkursion zu einem Vereinsort oder einer Vereinsaktivität. Auch Schulen können ein guter Ort sein, um Informationen zu verbreiten, und zwar nicht nur, um die Schülerschaft zu erreichen, sondern auch über die Schülerinnen und Schüler deren (migrantische) Eltern. Bestehen im lokalen Raum bereits migrantische Organisationen wie Kulturvereine oder Moscheevereine, bieten auch diese gute Möglichkeiten für die Informationsverbreitung. 10  er Vogelsbergkreis hat mit Kreisbrandmeister, der kreiseigenen KoordinaD torin und in Absprache mit der Volkshochschule die Idee entwickelt, Zugewanderten die Institution Feuerwehr im Rahmen der Integrations- bzw. Orientierungskurse näherzubringen. Vgl. Alsfelder Allgemeine (2018): Flüchtlingen die Feuerwehr näherbringen, 21.03.2018, https:// www.giessener-allgemeine.de/vogelsbergkreis/fluechtlingen-feuerwehrnaeherbringen-11921621.html (zuletzt abgerufen am 21.10.2019). 8 Kurz-Expertise Mitwirkung, Mitgliedschaft, Bindung Engagement ermöglichen und verstetigen Mobilitätshemmnisse im ländlichen Raum und Zeitmanagement bedenken Erfahrungen in ländlichen Räumen zeigen, dass es strukturelle Herausforderungen gibt, die das Engagement von Zuwanderern und insbesondere Geflüchteten in zivilgesellschaftlichen Organisationen deutlich erschweren. Die eingeschränkte Mobilität bedeutet ein zentrales Hindernis, wenn man auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen ist und die Angebote nicht direkt vor Ort bestehen. Hierfür gibt es keine einfache Lösung. Angebote für Fahrgemeinschaften sind eine mögliche Teillösung, der Erwerb bzw. die Anerkennung von Führerscheinen und eigener Automobilität eine in ländlichen Räumen wohl eher realistische und dauerhafte Lösung. Auf jeden Fall hat der Faktor Mobilität Einfluss auf den zeitlichen Rahmen für zivilgesellschaftliches Engagement. Zusätzlich ist das allgemeine Zeitmanagement oft kulturspezifisch. Erfahrungen aus Vereinen zeigen, dass fünf Uhr nicht immer für alle auch Punkt fünf Uhr bedeutet, was ein Problem sein kann, wenn man, wie z. B. im Mannschaftssport, auf konkrete Anfangszeiten und ein vollständiges Team angewiesen ist. Hier helfen klare Worte, Geduld und das Verständnis, dass neue Regeln zu lernen ein langfristiger Prozess ist. Aktive Mitgliedschaft und Mitwirkung von Neuzuwanderern in Gremien und migrantische Mitglieder verantwortlich einbeziehen Um Geflüchtete und Neuzuwanderer dauerhaft im Engagement zu halten, ist es wichtig, sie zu einer aktiven Mitgliedschaft und Mitwirkung am Vereinsleben zu ermutigen. Längerfristig sollten sie als vollwertige Mitglieder einbezogen und ihnen verantwortungsvolle Aufgaben übertragen werden. Dies sollte sich auch in Ämtern (Übungsleiterin / Trainerin) und Gremien (Vorstand) des Vereins widerspiegeln. Nur auf diese Weise ist der Prozess der interkulturellen Öffnung überzeugend und nachhaltig, was sich auch auf die Gewinnung von neuen migrantischen Mitgliedern auswirkt. Hier nehmen migrantische Mitglieder weiterhin eine wichtige Vermittlungsfunktion ein und wirken als Vorbild in ihre eigenen Communities. Interkulturelle Öffnung durch Dialog und öffentliche Darstellung begleiten Akzeptanz und Anerkennung entstehen durch Kommunikation und Teilhabe vor Ort. Wichtig ist im zivilgesellschaftlichen Bereich dafür die alltägliche Begegnung von Menschen. Allerdings erschöpft sich ein erfolgreicher Prozess nicht in dieser alltäglichen Ebene. Auch seine Begleitung durch übergeordnete öffentliche Information gehört dazu, um das politische und soziale Klima im lokalen Raum mitzugestalten. Vereine und Verbände sollten daher immer auch versuchen, erfolgreiche Öffnungs- und Integrationsprozesse zu kommunizieren und medial zu begleiten, sei es durch eine Imagekampagne, übergeordnete Gesprächsforen, den Austausch untereinander oder mit den kommunalen Integrationsakteuren und der kommunalen Politik. Der Einbezug der Lokalzeitung ist sinnvoll. Bei Festen und Feiern sollten die neuen migrantischen Vereinsmitglieder Aufgaben übertragen bekommen, sichtbar gemacht werden und auch als Ansprech- und Dialogpartner fungieren. Erfolgreiche Ansätze sollten im eigenen Bundesland und in die entsprechenden Dachverbände der Vereine kommuniziert werden. Kurz-Expertise Mitwirkung, Mitgliedschaft, Bindung Resümee: Zugang für Neuzuwanderer als Mittel der Integration und Bindung Die interkulturelle Öffnung von Vereinen und Verbänden für die Migrationsgesellschaft und deren neue Mitglieder ist kein Selbstzweck, sondern ein (möglicher) Weg der Teilhabe und Integration. Sie braucht aktives Engagement und Mitwirkung. Erst so kann dauerhaft Bindung entstehen. Ziel sollte also sein, von der Mitgliedschaft über die Mitwirkung zur Bindung zu gelangen. Bindung gelingt nur, wenn soziale Kontakte und Kommunikation entstehen sowie Akzeptanz und Anerkennung ermöglicht werden. Insbesondere im ländlichen Raum, wo die dauerhafte Bindung von Zuwanderern meist eine größere Herausforderung ist als in Städten, kommt zivilgesellschaftlichen Organisationen somit eine tragende Rolle zu. Wenn sich Neuzuwanderer in Vereinen und zivilgesellschaftlichen Organisationen engagieren, schafft dies nachhaltige Bindung in ländlichen Räumen. 9 10 Kurz-Expertise Mitwirkung, Mitgliedschaft, Bindung Beispiel 1 Das Beispiel der „Bunten Prignitz“: Öffnung mit beratender Unterstützung von außen Von August 2018 bis Juni 2019 wurde im Rahmen des Programms Land.Zuhause.Zukunft der Robert Bosch Stiftung der Beratungs- und Begleitungsprozess „Bunte Prignitz“ durchgeführt. Ziel war die Mobilisierung von Geflüchteten und Neuzuwanderern für Vereine und zivilgesellschaftliche Institutionen im Landkreis Prignitz im Bundesland Brandenburg. Das Beratungs- und Begleitungsprojekt setzte seine Schwerpunkte in den beiden Kleinstädten Perleberg und Wittenberge und wurde von Christian Koch | Strategie & Beratung gemeinsam mit More Than Shelters gestaltet und durchgeführt. Dafür wurden u. a. folgende Methoden und Ansätze gewählt: • • • • Akteursmapping mit Steckbriefen und Bedarfsanalyse Begegnungsformate Durchführung von Mikroaktivitäten zur Aktivierung der Zivilgesellschaft im Landkreis Aktionsplan „Bunte Prignitz“ mit dem Schlüsselakteur Kreissportbund Akteursmapping mit Steckbriefen und Bedarfsanalyse Um einen Überblick über die Integrationslandschaft und die Schlüsselakteure zu gewinnen, wurde ein Akteursmapping durch Erstellung von „Steckbriefen“ und einer Akteurslandkarte vorgenommen. Die Auswahl der aufgenommenen Vereine und Institutionen erfolgte systematisch durch Auswertung eines lokalen Vereinsverzeichnisses, Informationen der Landkreisverwaltung und der AG Migration, aber auch auf dem Weg des Schneeballverfahrens.11 Die bei den Akteuren abgefragten Informationen wurden kartographiert und für eine Netzwerkanalyse genutzt. Auf diese Weise konnten einerseits die Bedarfe der Vereine, andererseits auch „Gute Praktiken“ und Erfolgsbeispiele erhoben werden. Der Zugang zur Zielgruppe der Migranten und Geflüchteten wurde mittelbar über Migrationsberatungsstellen und Integrationskursanbieter gefunden und ihre Bedürfnisse konnten über Interviews ermittelt werden. Beide Zielgruppen wurden also partizipativ in den Prozess eingebunden. Vier Schlüsselakteuren wurden die Akteurslandkarten als „physische Produkte“ überreicht, so dass sie in der Beratungsarbeit genutzt werden können. 10 Für die „Steckbriefe“ wurden folgende Informationen erhoben: Profil des Akteurs, Ansprechpartner, Angebotsspektrum im Themenfeld Integration, Erfolge aus Sicht der Akteure und Erfolgswege, Erkenntnisse der letzten Monate, Trends und Änderungen, Informationen für andere Engagierte, Informationen zu laufenden und gewünschten Kooperationen, Geschichten und Anekdoten aus der integrationsrelevanten Arbeit. Kurz-Expertise Mitwirkung, Mitgliedschaft, Bindung Begegnungsformate Die Feldanalyse ergab, dass es an gemeinsamen zivilgesellschaftlichen Räumen und Begegnungsorten für Migranten und Geflüchtete mit Einheimischen fehlte. Daher wurde angeregt, bestehende Veranstaltungsformate besser für Begegnungen zu nutzen und Zugewanderte explizit einzubeziehen. Erfahrungen damit lagen schon im Vorfeld vor, nämlich bei der Durchführung des Brandenburg-Tages in Wittenberge im August 2018, der explizit unter Einbeziehung von Migrantinnen und Migranten veranstaltet worden war. Als neues Format wurde die Vernetzungsveranstaltung „Marktplatz Bunte Prignitz“ entwickelt, in dem Vereine und Neuzuwanderer mit Unterstützung des Beratungsteams aktuelle Herausforderungen der Flüchtlingsintegration in ihrem Landkreis diskutierten und gemeinsam konkrete nächste Schritte planten. Durchführung von Mikroaktivitäten zur Aktivierung der Zivilgesellschaft im Landkreis Im Rahmen des Beratungsprozesses und des Förderprogramms Land.Zuhause.Zukunft wurde die Möglichkeit geschaffen, durch Mikroaktivitäten Kooperationen von zivilgesellschaftlichen bzw. integrationspolitischen Akteuren mit Neuzuwanderern umzusetzen. Insgesamt standen hierfür 10.000 Euro zur Verfügung, jede Mikroaktivität konnte mit maximal 1.000 Euro unterstützt werden. Diese themenzentrierten Mikroaktivitäten zielten darauf, praktische, kleinteilige Formate und „Schnupperprojekte“ durchzuführen. So setzte beispielsweise der DRK-Kreisverband ein 48-Stunden-Schwimmen mit Zugewanderten um. Der Fußballverein FSV Veritas Wittenberge organisierte ein Fußballturnier. Weiterhin begleitet die Meyenburger Willkommensinitiative Flüchtlingsfamilien vor Ort und hilft bei Alltagsfragen und Problemen. Aktionsplan „Bunte Prignitz“ mit dem Schlüsselakteur Kreissportbund Aus dem Beratungsprozess ging der Aktionsplan „Bunte Prignitz“ hervor. Er umfasst konkrete Schritte für die Zukunft, um den Zugang von Neuzuwanderern zu Vereinen zu verbessern. Als Schlüsselakteur agiert der Kreissportbund innerhalb dieses Plans. Als konkrete Maßnahmen werden für Vereine Workshopund Fortbildungsmodule zum Thema Integration und interkulturelle Öffnung angeboten. Außerdem wird eine Sportgruppe für zugewanderte Frauen eingerichtet. 11 Beispiel 2 Freiwillige Feuerwehren im ländlichen Raum (Bad Nauheim, Bad Hersfeld, Raunheim): Brandschützer und Integrationsakteure Welche Rolle Freiwillige Feuerwehren bei der Integrationsarbeit vor Ort in kleineren Städten und Gemeinden spielen können, zeigen Beispiele aus verschiedenen Kommunen in Hessen. Drei Initiativen und Modellprojekte aus Bad Nauheim, Bad Hersfeld und Raunheim wurden im Jahr 2018 durch das Hessische Ministerium des Innern und für Sport und den Landesfeuerwehrverband Hessen für ihre innovative integrationspolitische Arbeit mit dem Integrationspreis im Rahmen der gemeinsamen „Integrationskampagne Brandschutz“ ausgezeichnet. Im Rahmen dieser Kampagne werden Modelle guter Praxis für den Bereich der Integrationsarbeit geschaffen. Ziel ist es, Menschen mit Migrationshintergrund für das Engagement in den Feuerwehren zu gewinnen. Die drei Preisträger des Jahres 2018 stehen für Ansätze der interkulturellen Öffnung im ländlichen und kleinstädtischen Raum. Hier zeigte sich wie schon im Vorjahr12, dass die dortigen Freiwilligen Feuerwehren eine besondere Rolle für den Zugang von Migranten und Geflüchteten in zivilgesellschaftliche Organisationen spielen können. Die Freiwillige Feuerwehr Bad Nauheim engagiert sich bereits seit den 1980er Jahren für die Eingliederung von Migranten und Geflüchteten in die eigene Institution. Der erste erfolgreiche Fall wurde zum Anstoß, diese Zielgruppe systematisch anzusprechen und einzubeziehen. Die frühen positiven, anfänglich durchaus mit Skepsis betrachteten Erfahrungen bewirkten einen Echoeffekt. Die Zahl der Vereinsmitglieder und Aktiven mit Migrationshintergrund wuchs stetig. Die Mitglieder der lokalen Freiwilligen Feuerwehr sind heute kulturell, sprachlich und bezüglich ihrer Herkunft gemischt. Insbesondere die Jugendfeuerwehr spiegelt die Vielfalt der lokalen Bevölkerung wider. In Bad Hersfeld initiierte die Freiwillige Feuerwehr im Jahr 2016 das Projekt „Dialog mit anderen Kulturen“. Ziel war es, das ehrenamtliche Engagement und die Tätigkeit der Freiwilligen Feuerwehr durch Mitglieder an Migranten und Geflüchtete zu vermitteln. Dies geschah im Rahmen von Begegnungsformaten, die gegenseitiges Kennenlernen und den Austausch ermöglichten, um so Brücken für den Zugang, die Mitarbeit und letztlich auch die Mitgliedschaft zu bauen. Die Freiwillige Feuerwehr Raunheim führte im Rahmen der Kampagne „Deine Stadt – Deine Feuerwehr – Sei dabei!“ einen Aktions- und Mitmachtag durch. Es wurden alle Bürger angesprochen, gezielt aber auch Migranten. Das Interesse war groß, so dass neue Mitglieder mit Migrationshintergrund für das Engagement bei der Freiwilligen Feuerwehr Raunheim gewonnen werden konnten. Das lokale Engagement dieser drei Freiwilligen Feuerwehren in Hessen ist in eine größere, übergeordnete Integrationskampagne des Hessischen Ministeriums des Innern und für Sport und des Landesfeuerwehrverbandes in Hessen eingebettet. Auszeichnungen beispielhafter Initiativen und Preisverleihungen sind dabei nur eine, stark öffentlichkeitswirksame Säule. Um nachhaltige Wissens- und Personalstrukturen zu schaffen, werden auch Schulungs- und Ausbildungsformate angeboten. Angehörige der Feuerwehren werden in speziellen Seminaren in interkultureller Kompetenz geschult.13 Außerdem werden „Interkulturelle Berater“ ausgebildet, die vor Ort als Ansprechpartner und Koordinatoren für Fragen der Migration, Vielfalt, Integration und Teilhabe dienen. Mittlerweile gibt es in Hessen vierzig solcher interkulturellen Berater. Die Integrationskampagne wird durch eine Reihe von Organisationen unterstützt. Neben dem Hessischen Ministerium des Innern und für Sport, dem Hessischen Ministerium für Soziales und Integration und der Landesfeuerwehrschule gehören dazu die kommunalen Spitzenverbände, der hessische Landesausländerbeirat und die Unfallkasse Hessen. 12 I ntegrationspreisträger 2017: Freiwillige Feuerwehren Alheim-Niederellenbach und Alheim-Heinebach, Schlüchtern-Innenstadt, Waldems-Reichenbach sowie Bruchköbe. 13 Die Freiwillige Feuerwehr Rüsselsheim-Stadt hat das Konzept „Integration 2.0“ entwickelt. Mit dem Konzept soll einerseits innerhalb der Feuerwehr für das Thema Integration sensibilisiert und dafür das entsprechende Schulungsmaterial beschafft werden. Andererseits wollen die beiden interkulturellen Berater der Freiwilligen Feuerwehr Rüsselsheim-Stadt Migrantinnen und Migranten durch gezielte Öffentlichkeitsarbeit ansprechen und so für eine Mitarbeit in der Feuerwehr gewinnen. In einem zweiten Schritt ist geplant, die neu gewonnenen Feuerwehrangehörigen mit Migrationshintergrund in die Brandschutzaufklärung in Flüchtlingsunterkünften miteinzubeziehen, um so eine erhöhte Akzeptanz in den Unterkünften zu erfahren und gleichzeitig für die Feuerwehr zu werben. Siehe hierzu Hessisches Ministerium des Innern und für Sport (2018): Auszeichnung des Integrationspreises Brandschutz, https://innen.hessen.de/pressearchiv/pressemitteilung/auszeichnung-des-integrationspreises-brandschutz (zuletzt abgerufen am 21.10.2019). Beispiel 3 Heimat- und Bürgervereine als Orte der Integration und Teilhabe: Das Beispiel des Westfälischen Heimatbundes Der Westfälische Heimatbund e. V. (WHB) ist der Dachverband der Heimat- und Bürgervereine in Westfalen und gleichzeitig der mitgliederstärkste unter den 18 bundesdeutschen Landesverbänden. In ihm sind 565 Heimatvereine und rund 700 ehrenamtliche Heimatpflegerinnen und -pfleger organisiert. Viele von ihnen sind im ländlichen und kleinstädtischen Raum aktiv. Der WHB vertritt ca. 130.000 Personen, die sich für die Belange von regionaler Kultur und Natur in der Region engagieren. Seit einigen Jahren hat der WHB einen Prozess der interkulturellen Öffnung angestoßen, um das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit in der Region Westfalen sowie das friedliche und respektvolle Miteinander zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft zu fördern und zu stärken. Mit dem Projekt „Heimat für alle – Heimatvereine als Brückenbauer für Integration“ werden bereits vorhandene Angebote, aber auch der Bedarf neuer Formate auf lokaler Ebene ermittelt, um gezielt Strukturen für eine gelingende Integration vor Ort zu schaffen. Die Geschäftsführerin des WHB, Dr. Silke Eilers, skizziert hier mit Antworten auf drei Fragen kurz den Projektansatz der Dachorganisation: 1. W  ie unterstützt der Westfälische Heimatbund seine Mitglieder bei ihrem Engagement für Integration und als Ansprechpartner für Neuankommende? Der WHB entwickelt im genannten Pilotprojekt im fachlichen Dialog mit geeigneten Partnern eine Integrationsstrategie für Heimatakteure, die Eingang findet in eine praktische Handlungsempfehlung (Handreichung / Toolbox). Hier fließen die Ergebnisse einer überregionalen Tagung ein, auf welcher neben der Vorstellung bereits erfolgreicher Best-Practice-Projekte von Heimatakteuren die transdisziplinäre Expertise anderer Verbände und Institutionen und die Perspektive von Neubürgern Berücksichtigung finden. In einem zweiten Schritt sollen Modellprojekte auf lokaler Ebene initiiert und erprobt werden, die Strahlkraft für andere Akteure entwickeln können. 2. W  as erhofft man sich von dieser neuen Zielgruppe? Westfalen ist wie auch NRW insgesamt nicht nur in seiner Geschichte durch Migration geprägt. Zuzug und Wegzug sind gesellschaftliche Realität. Neuankommende tragen zur kulturellen und gesellschaftlichen Vielfalt Westfalens bei. Integration ist eine Leistung vieler, hier ist zivilgesellschaftliches Engagement unverzichtbar. Der WHB steht für einen weltoffenen Heimatbegriff. Heimatvereine sind als Plattform für das lokale Leben, Kultur und Natur als Ansprechpartner für Neuankommende im Grunde sehr gut positioniert. Angebote der Akteure können Zugezogenen ihr nahes Umfeld vermitteln und das Interesse wecken, selbst an der Gestaltung der neuen Heimat mitzuwirken und ihren eigenen kulturellen Hintergrund einzubringen. So können Austausch und gegenseitiges Verständnis gefördert werden. Idealerweise werden neue Heimatakteure gewonnen, so dass sich die Diversität der Gesellschaft noch stärker in den Vereinsstrukturen widerspiegelt. Wir sehen eine große Chance und wichtige Zukunftsaufgabe darin, dass die Heimatbewegung interkulturelle Begegnung aktiv gestaltet. 3. W  elche Angebote braucht es, um diese Zielgruppe zu erreichen? Es braucht qualifizierte, kultursensible und regelmäßige Angebote, die dazu einladen, sich mit der neuen Heimat, mit ihrer Kultur, Natur und Geschichte sowie mit ihren Menschen vertraut zu machen und auseinanderzusetzen. Diese Angebote sollen auf Austausch und Teilhabe angelegt sowie zielgruppenspezifisch, etwa in Bezug auf das Alter, ausgerichtet sein. Heimatvereine können Brückenbauer für Neuankommende sein. Sie können sie bei ihren ersten Schritten in der neuen Umgebung begleiten und bei ihrer Integration unterstützen, also zu ihrer Beheimatung beitragen. Dafür sind geeignete Hilfestellungen und Qualifizierungsangebote für Heimatakteure erforderlich, welche Neuankommende in ihre Aktivitäten einbeziehen möchten. Wir sehen unseren Auftrag als Dachverband darin, mit Partnern gemeinsam an Strukturverbesserungen zu arbeiten und unsere Mitglieder fit zu machen für die Zukunft. 14 Kurz-Expertise Mitwirkung, Mitgliedschaft, Bindung Impressum Herausgegeben von der Robert Bosch Stiftung GmbH Heidehofstraße 31, 70184 Stuttgart www.bosch-stiftung.de Autor / Autorin14 Rainer Ohliger, Netzwerk Migration in Europa, Berlin Lisa Veyhl, Robert Bosch Stiftung GmbH, Stuttgart Dank Unser Dank gilt Christian Koch | Strategie & Beratung und More Than Shelters für die Entwicklung und Umsetzung konzeptioneller Ideen im Themenfeld und die gute Zusammenarbeit im Programm „Land.Zuhause.Zukunft – Integration und Teilhabe von Neuzuwanderern in ländlichen Räumen“ der Robert Bosch Stiftung. Ebenso danken wir unseren Kooperationspartnern im Landkreis Prignitz für die gute Zusammenarbeit vor Ort: Angelika Hahn und Heimo Grahl aus der Landkreisverwaltung sowie Britta Eschrich und Christian Kube vom Kreissportbund Prignitz. Zudem bedanken wir uns bei allen Interview- und Gesprächspartnern, insbesondere Dr. Silke Eilers, Geschäftsführerin des Westfälischen Heimatbundes, die mit wertvollen Erkenntnissen aus der Praxis zu dieser Kurz-Expertise beigetragen haben. Lektorat Sybil Volks, Text + Stil, Berlin Layout siegel konzeption | gestaltung, www.jochen-siegel.de Druck LogoPrint, Metzingen Copyright Robert Bosch Stiftung GmbH, Stuttgart Alle Rechte vorbehalten 2019 14 Die in dieser Publikation geäußerten Meinungen unterliegen der Verantwortung des Autors / der Autorin und spiegeln nicht unbedingt die Standpunkte der Robert Bosch Stiftung wider. Kurz-Expertise Mitwirkung, Mitgliedschaft, Bindung Ländliche Räume als Zuhause für Zuwanderer: Das Programm Land.Zuhause.Zukunft Bindung an einen Ort entsteht, wenn Menschen am Geschehen einer Gemeinde beteiligt sind. Dieser Gedanke steht hinter dem Programm „Land.Zuhause.Zukunft – Integration und Teilhabe von Neuzuwanderern in ländlichen Räumen“ der Robert Bosch Stiftung. Es fördert innovative Ansätze für die Integration und Teilhabe von Neuzuwanderern in ländlichen Räumen und unterstützt dazu ausgewählte Landkreise. Während der Pilotphase bis Mitte 2019 erarbeiteten sechs Landkreise unterschiedliche Konzepte in verschiedenen Themenfeldern. Auch Wissensaustausch bei regelmäßigen Vernetzungstreffen sowie die Entwicklung von Handlungsempfehlungen für Politik und Praxis sind Teil des Programms. Im Jahr 2020 nimmt die Robert Bosch Stiftung weitere Landkreise in das Programm Land. Zuhause.Zukunft auf. www.land-zuhause-zukunft.de Über die Robert Bosch Stiftung Die Robert Bosch Stiftung GmbH gehört zu den großen, unternehmensverbundenen Stiftungen in Europa. In ihrer gemeinnützigen Arbeit greift sie gesellschaftliche Themen frühzeitig auf und erarbeitet exemplarische Lösungen. Dazu entwickelt sie eigene Projekte und führt sie durch. Außerdem fördert sie Initiativen Dritter, die zu ihren Zielen passen. Die Robert Bosch Stiftung ist auf den Gebieten Gesundheit, Wissenschaft, Gesellschaft, Bildung und Völkerverständigung tätig. Seit ihrer Gründung 1964 hat die Robert Bosch Stiftung rund 1,8 Milliarden Euro für ihre gemeinnützige Arbeit ausgegeben. www.bosch-stiftung.de 15 www.bosch-stiftung.de
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