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Full text: Grenzenlos nachhaltig - Kommunale Umsetzung der Agenda 2030 in der Bodenseeregion (Rights reserved)

DIALOG GLOBAL GRENZENLOS NACHHALTIG KOMMUNALE UMSETZUNG DER AGENDA 2030 IN DER BODENSEEREGION | Nr. 62 RUBRIK Servicestelle Kommunen in der Einen Welt (SKEW) Telefon +49 228 20717-2670 info@service-eine-welt.de www.service-eine-welt.de Dialog Global – Schriftenreihe der Servicestelle Kommunen in der Einen Welt (SKEW), Heft 62 Inhaltlich verantwortlich: SKEW, Dr. Stefan Wilhelmy Projektleitung: Annette Turmann Texte: B.A.U.M. Consult GmbH, Liechtenstein Institute for Strategic Development AG Redaktion: B.A.U.M. Consult, SKEW Titelfoto: © M. Kertzscher Gestaltung: designlevel 2, www.designlevel2.de Druck: Bonifatius GmbH Bonn, Oktober 2021 Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit vorheriger Genehmigung des Herausgebers. Die Reihe „Dialog Global“ wird fnanziell gefördert durch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sowie die Bundesländer Baden-Württemberg, Bremen, Hamburg, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Um die Lesbarkeit zu vereinfachen, sind in der vorliegenden Publikation die zur Gleichstellung der Geschlechter gebräuchlichen Schreibweisen nicht durchgängig verwendet worden. Sofern sich aus dem Kontext nicht explizit anderes ergibt, sind bei allen geschlechtsbezogenen Bezeichnungen selbstverständlich immer alle Geschlechter gleichermaßen angesprochen. DIALOG GLOBAL GRENZENLOS NACHHALTIG KOMMUNALE UMSETZUNG DER AGENDA 2030 IN DER BODENSEEREGION | Nr. 62 INHALT 4 1. Vorwort und Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5 2. Die Bodenseeregion – eine Region in transnationaler Tradition 8 3. Die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung 10 4. Die Agenda 2030 im nationalen und regionalen Kontext 11 5. Nachhaltigkeit als Leitprinzip für kommunales Handeln 19 6. Lokale Beiträge zur Agenda 2030 in der Bodenseeregion 21 61 Allensbach – Nachhaltigkeit in einer kleinen Gemeinde 22 6 2 Konstanz – Die Nachhaltigkeitskonferenz 26 6 3 Friedrichshafen – Nachhaltigkeit als Gemeinschaftsaufgabe 31 6 4 Kempten – Die Fairtrade-Stadt 36 6 5 Wildpoldsried – Der Marshallplan mit Afrika 40 6 6 Bregenz – Wir leben 2 000 Watt 44 6 7 Dornbirn – Stadt für alle 48 6 8 Vorarlberger Gemeindeverband – Nachhaltige Beschafung und Umweltwoche 53 6 9 Liechtenstein – Waterfootprint 58 6 10 St Gallen – Sharing is Caring 61 6 11 Zürich – Der Textilrechner für Klimaschutz in der Beschafung 63 7. Regionale Institutionen und Initiativen 66 71 Internationale Bodensee-Konferenz (IBK) 66 72 Bodensee-Stiftung 67 73 Blue Communities 68 74 Klima-Bündnis 69 75 2 000-Watt-Gesellschaft 69 76 European Energy Award und e5 Landesprogramm für energieefziente Gemeinden 70 77 Konvent der Bürgermeister 71 78 Fairtrade-Towns 71 8. Zusammenfassung und Ausblick 72 9. Die Servicestelle Kommunen in der Einen Welt 75 Lokalisierung der SDGs – Unterstützungsangebote des SKEW-Programms Global Nachhaltige Kommune (GNK) 76 Musterresolution für Kommunen zur Agenda 2030 77 Anhang 78 Publikationen der Servicestelle Kommunen in der Einen Welt 80 1. VORWORT UND EINLEITUNG Liebe Leserinnen und Leser, mit der Agenda 2030 für Nachhaltige Entwick­ lung haben sich die Mitgliedsstaaten der Verein­ ten Nationen 17 anspruchsvolle globale Nachhal­ tigkeitsziele für eine gerechte und zukunftsfähige Welt gesetzt. Diese 17 Sustainable Development Goals (SDGs) sind universal und für alle Staaten gleichermaßen gültig. Sie berühren nicht nur das Handeln auf staatlicher Ebene, sondern ebenso nahezu alle Bereiche des lokalen Handelns in unterschiedliche Weise. Daher ist das Potenzial zur Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele auf Ebene der Städte, Gemeinden, Landkreise und kleinen Territorien besonders ausgeprägt. Die globalen Nachhaltigkeitsziele spiegeln sich in nahezu allen Aufgaben der kommunalen Daseinsvorsorge wider und werden auf kommunaler Ebene bereits in großer Vielfalt gelebt. Die Chancen der Agenda 2030 für grenzüber­ schreitende Kooperationen und globale Partner­ schaften sind dabei noch lange nicht ausgeschöpft. Die Bodenseeregion als zentraler europäischer Mehrländerraum ist daher ideal dafür geeignet, die Agenda 2030 als entwicklungsbegleitenden Referenzrahmen anzulegen und anhand beispiel­ hafter Aktivitäten der Städte, Gemeinden und weiterer Gebietskörperschaften in diesem Modell­ raum aufzuzeigen, welche Faktoren und Hand­ lungsrahmen die Umsetzung der globalen Nach­ haltigkeitsziele auf lokaler Ebene fördern. Deut­ lich wird, dass sich die Vision einer nachhaltigen Kommunalentwicklung, bei der Entwicklung und Nachhaltigkeit miteinander verzahnt werden, in den letzten Jahren immer mehr zu einer konkreten kommunalen Managementaufgabe entwickelt hat. Zahlreiche Initiativen und Nachhaltigkeitsaktivi­ täten unterstützen die kommunalen Akteurinnen und Akteure inzwischen im Umsetzungsprozess der Agenda 2030 und ihrer Nachhaltigkeitsziele auf lokaler Ebene. 5 Diese so einzigartige Region rund um den Boden­ see verbindet nationale, regionale und kommu­ nale Ansätze mit ihren Erfolgsgeschichten und Herausforderungen, Vorbildern und Motivationen zu einem Gesamtbild: Grenzenlos Nachhaltig – Lokale Beiträge zur Umsetzung der Agenda 2030 in der Bodenseeregion. Die Kommunen sind als Pioniere des Wandels für die Umsetzung der Agenda 2030 entscheidend. Deshalb fördert die Servicestelle Kommunen in der Einen Welt (SKEW) von Engagement Global im Auftrag des Bundesministeriums für wirt­ schaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und der Bundesländer Städte, Gemeinden, Landkreise und kommunale Spitzenverbände bei der Umsetzung der Agenda 2030. Die SKEW unterstützt Kommunen in Bereichen Fairer Han­ del und Faire Beschaffung, Migration und Ent­ wicklung und gesellschaftlicher Zusammenhalt, bei der Etablierung von Städtepartnerschaften mit Kommunen aus dem Globalen Süden oder in der strategischen Verankerung der globalen Nach­ haltigkeitsziele in dem Handlungsfeld Global Nachhaltige Kommune. „Unsere Beratungsangebote richten sich nicht nur auf die klassischen Themen der Nachhaltigkeit, sondern spiegeln ein umfassendes Verständnis von nachhaltiger Entwicklung wider und beziehen die globale Verantwortung in alle Aspekte des kommunalen Handelns mit ein. Nur so wird es uns langfristig gelingen, dass die globalen Nach­ haltigkeitsziele die Welt bis zum Jahr 2030 zum Besseren verändern.“ Annette Turmann, Abteilungsleiterin Global Nach­ haltige Kommune der SKEW VORWORT UND EINLEITUNG 6 Abteilungsleiterin Global Nachhaltige Kommune der SKEW Annette Turmann © SKEW Geschäftsführer der Internationalen Bodensee-Konferenz Klaus-Dieter Schnell © Internationale Bodensee-Konferenz (IBK) Speziell in der Bodenseeregion machen sich seit vielen Jahren die Internationale Bodensee­Konfe­ renz (IBK) und die Bodensee­Stiftung für eine zukunftsfähige Entwicklung der Region stark. Die internationale Bodensee­Stiftung engagiert sich seit 25 Jahren für mehr Nachhaltigkeit und Naturschutz in der internationalen Bodenseere­ gion durch effektive Kommunikation und part­ nerschaftliche Aktionen in den Bereichen Unter­ nehmen und Biologische Vielfalt, Landwirtschaft und Klima, Energiewende, Natur­ und Gewässer­ schutz sowie Umweltbildung. Sie hat in über 40 Modellprojekten gezeigt, wie und dass nachhaltige Entwicklung konkret umgesetzt werden kann. Die bereits 1972 ins Leben gerufene IBK leistet als kooperativer Zusammenschluss der an den Bodensee angrenzenden Gebietskörperschaften in Deutschland, Österreich, Liechtenstein und der Schweiz durch die politische Abstimmung und gemeinsame Projekte einen nachhaltigen Beitrag zur Überwindung der Grenzen in der Region. „Schon die Gründung der IBK war eine Konse­ quenz einer gesellschaftlichen und ökologischen Herausforderung, die nur gemeinsam zu lösen war. Die IBK sieht die Bodenseeregion in ihrem Leitbild längerfristig als Modellregion für nachhal­ tige Entwicklung an. Dazu gilt es, das innovative Potenzial der Menschen in den Städten und Gemeinden der Region zu aktivieren und zu för­ dern und Kooperation über Fach­ und Landes­ grenzen hinweg als Schlüssel zu nutzen. Mit der vorliegenden Publikation erhalten wir dazu einen hervorragenden Werkstattbericht.“ Klaus­Dieter Schnell, Geschäftsführer Internatio­ nale Bodensee­Konferenz „Wir alle kennen die Lösungen; positive Ergeb­ nisse aus zahlreichen Pilotprojekten liegen auf dem Tisch. Das Defzit liegt darin, diese positiven Ansätze in die Fläche zu bringen – auch in der Bodenseeregion. Wir und die anderen Umweltor­ ganisationen in der Region sind gerne bereit mit­ zuarbeiten, um Lösungsansätze für eine nachhal­ tige Entwicklung über Pilotprojekte hinaus in der Region umzusetzen. Klimaschutz und Stopp des Verlustes der Biologischen Vielfalt müssen 100 Prozent der Aufmerksamkeit erhalten. Wir sind die letzte Generation, die das Ruder bei diesen dramatischen Entwicklungen noch herumreißen kann!“ Marion Hammerl, Geschäftsführerin Bodensee­ Stiftung VORWORT UND EINLEITUNG 7 Geschäftsführerin der Bodensee-Stiftung Marion Hammerl © Bodensee-Stiftung Wir alle sind aufgefordert, die globalen Nachhal­ tigkeitsziele in diesem Jahrzehnt zu erreichen. Mit vereinten Kräften, unterstützt von lokalen bis hin zu internationalen Initiativen und Program­ men und durch das persönliche Engagement von Bürgerinnen und Bürgern als Nutzende, Akteurin­ nen und Akteure, Multiplizierende und Entschei­ dungstragende kommen wir diesen Zielen einen Schritt näher. Die drei genannten Institutionen haben eines gemeinsam: eine nachhaltige Entwicklung der Kommunen im Sinne der globalen Verantwortung voranzutreiben. Denn nur durch einen konse­ quent verfolgten Wandel hin zu zukunftsfähigen und intelligenten Regionen können die Kommu­ nen die Lebensqualität erhalten und verbessern und zugleich die Umwelt und den Lebensraum schützen. Kommunen sind die Pionierinnen und wichtigsten Akteurinnen des Wandels, wenn es um die Umsetzung der globalen Nachhaltigkeitsziele der Agenda 2030 der Vereinten Nationen geht. Von der Notwendigkeit, sich noch stärker für nachhal­ tige Entwicklung einzusetzen, sind die Kommu­ nen heute überzeugter denn je. Jede einzelne Kommune hat sich auf den Weg gemacht, Nach­ haltigkeit zu einer Aufgabe von höchster Wichtig­ keit zu erklären. Die vorliegende Publikation der SKEW nimmt einzelne Kommunen aus der einzigartigen Vier­ länderregion rund um den Bodensee in den Blick und zeigt beispielhaft, welche Anstrengungen die Kommunen für den Umsetzungsprozess der Agenda 2030 und der 17 globalen Nachhaltig­ keitsziele unternehmen und welche Herausforde­ rungen sie dabei meistern müssen. Welche Unter­ stützung erfahren diese Kommunen konkret und was können wir speziell von den lokalen Beiträ­ gen in der Bodenseeregion im nördlichen Alpen­ vorland lernen? Mit der vorliegenden Publikation möchten wir Mut machen, indem wir zeigen, wel­ che Wirkung lokales Engagement entfalten kann. Wir möchten damit andere Städte, Gemeinden und Landkreise motivieren und anspornen, unter dem Dach der globalen Agenda 2030 ihre lokalen Nachhaltigkeitsstrategien zu entwickeln, weiter auszubauen und ihrer globalen Verantwortung gerecht zu werden. Abteilungsleiterin Global Nachhaltige Kommune der SKEW Annette Turmann Geschäftsführer der Internationalen Bodensee­ Konferenz Klaus­Dieter Schnell Geschäftsführerin der Bodensee­Stiftung Marion Hammerl 2. DIE BODENSEEREGION – EINE REGION IN TRANSNATIONALER TRADITION 8 Die Vierländerregion rund um den Bodensee mit Deutschland, Österreich, Liechtenstein und Schweiz liegt im Herzen Europas. Der für die Region namensgebende Bodensee, der dritt­ größte Binnensee Europas, verbindet die Länder räumlich eng miteinander. Auch kulturell vereint die Länder viel: Die Region blickt auf eine lange Geschichte der wirtschaftlichen, ökologischen und wassersichernden Zusammenarbeit zurück. Doch zugleich sind die Länder äußerst divers, etwa hinsichtlich Migration und globaler Vernet­ zung. Die Bodenseeregion umfasst die direkt am Bodensee liegenden Städte und Gemeinden, doch reichen die Verfechtungen bis weit ins Hinter­ land. Eine exakte räumliche Festlegung der Bodenseeregion ist daher nicht einfach. Welche Gebiete zählen zur Bodenseeregion? Der Initiativ­ kreis Metropolitane Grenzregion Bodensee und die Internationale Bodensee­Konferenz defnieren dazu einen nahezu deckungsgleichen Raum: Im Kern sind dies in Deutschland die Landkreise Konstanz, Ravensburg, Sigmaringen und der Bodenseekreis in Baden­Württemberg, die Land­ kreise Lindau und Oberallgäu und die Stadt Kempten im Freistaat Bayern, das Land Vorarl­ berg in Österreich, das Fürstentum Liechtenstein und die Kantone Thurgau, St. Gallen, Schaffhau­ sen, Appenzell Innerhoden, Appenzell Ausserrho­ den und Zürich in der Schweiz. Verortung der ausgewählten Praxisbeispiele innerhalb der Bodenseeregion © B.A.U.M. Consult 2. DIE B ODENSEER EGION – EINE R EGION IN T R A NSN AT ION A L ER T R A DI T ION Die Region um den Binnensee zeichnet sich durch räumliche Vielfalt aus. Ländliche Gebiete, geprägt durch Landwirtschaft, und städtische Gebiete, wie der Agglomerationsraum Zürich, wechseln sich ab. Viele der kleineren und mittle­ ren Zentren sind miteinander verfochten. Die direkte Lage am See und im Alpenvorland bietet einen hohen Freizeitwert und macht die Region zu einer beliebten Tourismusdestination. Auch in anderen wirtschaftlichen Bereichen ist die Region gut aufgestellt. Die verschiedenen Universitäts­ standorte tragen zur Innovationskraft der Region bei. Eine hohe Anzahl von Reisenden, die wachsende Bevölkerung, grenzüberschreitende Pendelver­ kehre und unterschiedliche nationale Interessen führen jedoch auch zu Herausforderungen. Um diesen Herausforderungen zu begegnen und die transnationale Zusammenarbeit zu fördern, wur­ den verschiedene Initiativen und Programme gegründet und umgesetzt. Ausschlaggebend war hier im Jahr 1959 der Bodensee selbst, genauer seine drohende Verunreinigung. Aus diesem Grund gründeten die drei Anrainerstaaten die Internationale Gewässerschutzkommission für den Bodensee. 1972 wurde die Zusammenarbeit durch die Gründung der Bodensee­Konferenz noch einmal verstärkt. Raumordnungs­ und Umweltschutzfragen, insbesondere im Bereich des Gewässerschutzes, standen im Fokus. Im Laufe der Zeit fanden Umstrukturierungen und die Umbenennung der Gewässerschutzkommis­ sion in Internationale Bodensee­Konferenz statt. Der Kanton Zürich und das Fürstentum Liechten­ stein traten 1992 der Bodensee­Konferenz bei, was die regionale Zusammenarbeit weiter aus­ baute. Obgleich der Gewässerschutz den Grund­ stein legte, fanden die Aktivitäten schon früh Ein­ gang in internationale Leitbilder für eine nachhal­ tige Entwicklung, um diese grenzübergreifend zu etablieren. Um die Beschlüsse der UN­Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro 1992 regional umzusetzen, führte die IBK von 1999 bis 2010 das Projekt Bodensee Agenda 21 durch. Mit dem aktuellen Leitbild für die Boden­ seeregion vertritt die IBK das Ziel, die Bodensee­ region als attraktiven Lebens­, Natur­, Kultur­, Wissenschafts­ und Wirtschaftsraum zu erhalten und zu fördern sowie die regionale Zusammenge­ hörigkeit und gesellschaftliche Weiterentwicklung zu stärken. Während die Zusammenarbeit der IBK eher die Länderebene adressiert, unterstützt das Interreg­ Programm Alpenrhein­Bodensee­Hochrhein die Zusammenarbeit in der Region vor allem auf kommunaler Ebene. Das Programm für europäi­ sche territoriale Zusammenarbeit wird aus dem Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung (EFRE) gefördert und bildet seit mehr als 30 Jah­ ren einen Rahmen für grenzüberschreitende, transnationale und interregionale Kooperationen in Europa. Eines der Ziele ist es, die als trennend und erschwerend empfundenen Staatsgrenzen im Programmgebiet zu überwinden. Ungleichheiten zwischen den verschiedenen Regionen sollen abgebaut und der wirtschaftliche, soziale und ter­ ritoriale Zusammenhalt gestärkt werden. Eine Besonderheit des Programmgebiets Alpenrhein­ Bodensee­Hochrhein ist, dass mit der Schweiz und dem Fürstentum Liechtenstein auch Nicht­ EU­Staaten beteiligt sind. Die Bodenseeregion ist auch für die SKEW seit Jahren von großer Bedeutung in der Umsetzung der Agenda 2030. So wird seit 2016 der Fach­ und Erfahrungsaustausch der Kommunen durch die alle zwei Jahre stattfndende Bodenseekonferenz zur Agenda 2030 in Konstanz ermöglicht und die interkommunale Zusammenarbeit in der Region gefördert. 9 3. DIE AGENDA 2030 FÜR NACHHALTIGE ENTWICKLUNG 10 Am 25. September 2015 wurde auf dem Gipfel der Vereinten Nationen in New York die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung verabschiedet. Sie hat den Charakter eines Weltzukunftsvertrags und enthält 17 globale Entwicklungsziele mit ins­ gesamt 169 Zielvorgaben. Die Agenda 2030 ist das erste internationale Abkommen, das Nachhal­ tigkeit mit der Armutsbekämpfung und der öko­ nomischen, ökologischen und sozialen Entwick­ lung verknüpft. Damit bringt die Agenda 2030 als Ergebnis eines intensiven dreijährigen Aushand­ lungsprozesses die wesentlichen weltweiten Dis­ kussionsstränge zu Nachhaltigkeit und Entwick­ lung zusammen: Die Agenda 21 der UN­Konfe­ renz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro 1992 (auch als Erdgipfel bekannt) für eine nachhaltige Entwicklung und die Millenniums­ ziele des so genannten Millenniumgipfels von 2000 zur Bekämpfung der Armut (Millennium Development Goals, MDGs). Nachdem mit der Lokalen Agenda 21 bereits in den neunziger Jah­ ren die lokale Verantwortung für globale Entwick­ lungen in den Mittelpunkt rückte, umfassen die 17 globalen Ziele für nachhaltige Entwicklung der Agenda 2030 weit mehr Themen als nur Umwelt. Ein weiteres entscheidendes Merkmal der Agenda 2030 ist, dass alle Staaten aufgefordert sind, die Ziele zu verwirklichen. Die Agenda gilt also als Referenzrahmen für alle Staaten gleichermaßen, sowohl für die Industrie­ und Schwellenländer als auch die Entwicklungsländer. Die 17 Nachhaltig­ keitsziele sind daher universell gültig, weil sie in allen Ländern umgesetzt werden sollen. Ein wich­ tiges Merkmal ist zudem, dass sie transformativ sind, da sie die Welt grundlegend verändern sol­ len. Ein weiterer Unterschied zur Agenda 21 ist die Anwendung eines etablierten Monitoring­Sys­ tems der Vereinten Nationen. Ein solider und transparenter Überprüfungsmechanismus hilft den Staaten dabei, möglichst große Fortschritte zu erreichen und darüber systematisch Rechen­ schaft abzulegen. Ein solcher Überprüfungsme­ chanismus (auch Review­Mechanismus) wurde unter dem Dach des hochrangigen Politischen Forums für nachhaltige Entwicklung der Verein­ ten Nationen (High Level Political Forum on Sus­ tainable Development, HLPF) geschaffen. Durch regelmäßige Berichterstattung der UN Mitglieds­ staaten fndet eine Überprüfung der Umsetzung der Agenda 2030 auf staatlicher Ebene statt. Deutschland hat bereits beim ersten HLPF 2016, gemeinsam mit 21 weiteren Staaten, über die Umsetzung der Agenda 2030 berichtet. Die nächste Berichterstattung der Bundesregierung folgt in 2021 und 2022. Die 17 Nachhaltigkeitsziele der Agenda 2030 © United Nations 4. DIE AGENDA 2030 IM NATIONALEN UND REGIONALEN KONTEXT Zahlreiche Städte, Kreise und Gemeinden in der Bodenseeregion engagieren sich schon seit vielen Jahren in unterschiedlichsten Bereichen für eine nachhaltige Entwicklung. So tragen sie auf der lokalen Ebene zu vielen der globalen Nachhaltigkeitsziele bei, oft mit speziell auf die Situation vor Ort ausgerichteten Projekten und Initiativen. Den Handlungsrahmen dazu bieten die jeweiligen Strategien auf Landesebene – ihre lokale Umsetzung bildet die Brücke zwischen nationalen und regionalen Aktivitäten. Wie wird die lokale Ebene konkret unterstützt? Welche Strategien und Vorgaben bestehen konkret auf Bundes- und Landesebene? Und welche regionalen Initiativen helfen bei der Vernetzung? Einen Überblick dazu geben die folgenden Kapitel mit Fokus auf die Bodenseeregion. 4.1 Nachhaltigkeitsstrategie der Deutschen Bundesregierung Die Bundesregierung beschloss 2002 die erste nationale Nachhaltigkeits­ strategie Perspektiven für Deutschland. Diese baute auf der 1992 auch von Deutschland unterzeichne­ ten Agenda 21 auf und legte nachhaltige Entwick­ lung als Ziel fest. Im Jahr 2015 zeichnete die Bun­ desregierung mit 198 anderen UN­Mitgliedsstaa­ ten die UN­Agenda 2030 mit – einen Fahrplan für die Zukunft, der ökonomische, ökologische und soziale Entwicklungsaspekte berücksichtigt. Hier­ mit verpfichtete sich die Bundesregierung dazu, Nachhaltigkeit im Sinne der Agenda 2030 und ihrer SDGs umzusetzen. 2018 wurde die Deut­ sche Nachhaltigkeitsstrategie in einem Konsultati­ onsprozess angepasst und als Fortschritt voran­ gegangener Strategien veröffentlicht. Das Statisti­ sche Bundesamt veröffentlicht im Auftrag der Bundesregierung alle zwei Jahre einen Indikato­ renbericht, um den aktuellen Stand darzustellen. Seit 2001 berät und begleitet der Rat für Nachhal­ tige Entwicklung (RNE) die Bundesregierung bei ihren Nachhaltigkeitsprozessen und Entscheidun­ gen. Linktipps  Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie (PDF)  https://www nachhaltigkeitsrat de/ Kommunen werden immer mehr als zentrale Akteurinnen und Akteure zur Erreichung der glo­ balen Nachhaltigkeitsziele anerkannt. Dank der Unterstützung der SKEW und weiterer Institutionen konnte die Rolle der Kommunen in den letzten Jahren gestärkt werden. Der Deutsche Städte­ und Gemeindebund sowie der Deutsche Städtetag vertreten zudem die Interessen der Kommunen und sind in der Erarbeitung der Deutschen Nach­ haltigkeitsstrategie eingebunden. In 2017 initiierte der Deutsche Städtetag mit anderen Partnern wie der Bertelsmann Stiftung, dem Bundesinstitut für Bau­, Stadt­ und Raumforschung, dem Deutschen Landkreistag, dem Deutschen Städte­ und Gemeindebund, dem Deutschen Institut für Urba­ nistik und Engagement Global mit ihrer Service­ stelle Kommunen in der Einen Welt sowie der deutschen Sektion des Rats der Gemeinden und 11 4. DIE A GEND A 2030 IM N AT ION A L EN UND R EGION A L EN KON T E X T Regionen Europas (RGRE) zudem das Vorhaben „SDG­Indikatoren für Kommunen“ mit dem Ziel, Indikatoren zur Abbildung der Sustainable Deve­ lopment Goals (SDGs) der Vereinten Nationen zu identifzieren und bereitzustellen. 12 Linktipp SDG­Indikatoren für Kommunen  https://www bertelsmann-stiftung de/index php?id=9792 2018 wählte der Staatssekretärsausschuss für nachhaltige Entwicklung das Projekt Global­Lokal: Agenda 2030 VerOrten der SKEW von Engagement Global zum Leuchtturmprojekt der Umsetzung der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie. Dieses wird im Rahmen des Angebots der SKEW „Global Nachhaltige Entwicklung“ und „Kommunale Part­ nerschaften“ im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwick­ lung (BMZ) umgesetzt und unterstützt Kommunen bei der Umsetzung der Agenda 2030 vor Ort. Linktipp Global­Lokal: Agenda 2030 verorten  https://skew engagement-global de/leuchtturmprojekt-2018 html Neben der nationalen Strategie haben sich auch die Länder auf den Weg gemacht, Nachhaltig­ keitsstrategien im Kontext der Agenda 2030 zu entwickeln. Neben der Bundesregierung verfügt die Mehrzahl der Bundesländer heute über eigene Nachhaltigkeitsstrategien, die sich an den 17 Nachhaltigkeitszielen orientieren. Wie sehen diese für die Bodenseeregion aus? Dazu ein nähe­ rer Blick nach Baden­Württemberg und Bayern. 4.2 Nachhaltigkeitsstrategie des Landes Baden-Württemberg In Baden­Württemberg berät der Beirat der Lan­ desregierung für nachhaltigen Entwicklung (Bei­ rat N!) die Landesregierung. Er ging 2012 aus sei­ nem Vorläufer, dem Nachhaltigkeitsbeirat hervor, mit dem Ziel, abstrakte Leitbilder aus der baden­ württembergischen Nachhaltigkeitsstrategie von 2007 durch Berichte und Indikatoren zu konkreti­ sieren und fest in den Institutionen zu verankern. Der heutige Beirat besteht aus 37 Mitgliedern, die verschiedene Kommunen, Verbände, Fachberei­ che und zivilgesellschaftliche Interessen vertre­ ten. In vier Arbeitsgruppen beschäftigen sich die Mitglieder mit den Themen Bildung für nachhal­ tige Entwicklung, Energie und Klima, Ziele und Indikatoren sowie nachhaltige Mobilität. Die baden­württembergische Nachhaltigkeitsstra­ tegie versteht sich als eine durch den N!­Beirat betriebene Plattform. Sie unterstützt seit 2014 Städte, Gemeinden und Landkreise durch Ange­ bote, Fördermittel und Leitlinien dabei, eigene Ziele zu entwickeln und umzusetzen. Den Rah­ men dafür bietet die Kommunale Initiative Nach­ haltigkeit des Nachhaltigkeitsbüros in der Landes­ anstalt für Umwelt Baden­Württemberg (LUBW). Das Büro berät Kommunen bei Bedarf und begleitet Prozesse (N!­Beratung). Für die Erstel­ lung eines kommunalen Nachhaltigkeitsberichtes stellt es Leitfäden und Vorlagen zur Verfügung (N!­Berichterstattung). Kommunen können außer­ dem die Auswirkungen von geplanten Vorhaben in verschiedenen Handlungsfeldern nachhaltiger Kommunalentwicklung durch Nachhaltigkeits­ checks schnell einschätzen und überprüfen (N!­ Check). In 2021 wird Global Nachhaltige Kommune, das Angebot der SKEW, in Kooperation mit dem Umweltministerium des Landes Baden­Württem­ berg ein landesweites Projekt mit zehn Kommu­ nen zur Umsetzung der Agenda 2030 für zwei Jahre durchführen. 4. DIE A GEND A 2030 IM N AT ION A L EN UND R EGION A L EN KON T E X T Ebenso sei an der Stelle das Stuttgarter Forum für Entwicklung erwähnt, dass jedes Jahr von der Landesstiftung Entwicklungs­Zusammenarbeit (SEZ) mit Unterstützung der SKEW und den Mit­ teln des BMZ in Stuttgart durchgeführt wird. Der Fokus des Stuttgarter Forums für Entwicklung (SFE) ist an alle gerichtet, die sich für die kom­ munale Entwicklungspolitik beziehungsweise die Umsetzung der Agenda 2030 in der Kommune einsetzen. 13 Global Nachhaltige Kommune Baden-Württemberg Ab 2021 berät, begleitet und unterstützt die SKEW in Zusammenarbeit mit dem Ministe­ rium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden­Württemberg zehn Kommunen aus Baden­Württemberg bei der Erstellung integ­ rierter Nachhaltigkeitsstrategien mit SDG­ Handlungsprogrammen. Im Kern des Projektes geht es darum, kommu­ nale Nachhaltigkeitsstrategien im Kontext der Agenda 2030 mit der Verwaltung, Kommunal­ politik und anderen relevanten Interessens­ gruppen zu entwickeln. Die globalen Entwick­ lungsziele werden auf die kommunale Ebene heruntergebrochen und Maßnahmen mit kon­ kreten Zielsetzungen für eine nachhaltige Ent­ wicklung und kommunale Entwicklungspolitik erarbeitet und umgesetzt. Dabei werden die internationalen Auswirkungen des Handelns vor Ort verdeutlicht und die Bedeutung der globalen Verantwortung auf lokaler Ebene her­ vorgehoben. Die Angebote des Landes Baden­ Württemberg werden mit denen der SKEW sinnvoll verbunden, um Nachhaltigkeitsma­ nagementprozesse und ­zyklen mit entwick­ lungspolitischen Aspekten auf kommunaler Ebene in Baden­Württemberg zu etablieren. Dazu wird das Konzept der Global Nachhalti­ gen Kommune (GNK) speziell auf die Gegeben­ heiten in Baden­Württemberg angepasst. Die spezifschen Zielsetzungen der baden­württem­ bergischen Nachhaltigkeitsstrategie sowie die darin enthaltenen entwicklungspolitischen Leitlinien und die globalen Nachhaltigkeitsziele bilden die konzeptionelle Grundlage. Linktipp  https://www nachhaltigkeitsstrategie de/ strategie/beirat/n-beirat 4. DIE A GEND A 2030 IM N AT ION A L EN UND R EGION A L EN KON T E X T 4.3 Nachhaltigkeitsstrategie des Landes Bayern 14 Eine Interministerielle Arbeitsgruppe „Bayerische Nachhaltigkeitsstrategie“ wurde vom Bayerischen Ministerrat mit Beschluss vom 2. März 2010 ein­ gesetzt. Sie setzt sich zusammen aus Vertreterin­ nen und Vertretern aller bayerischen Ministerien sowie der Bayerischen Staatskanzlei. Die erste Strategie wurde im Jahr 2013 nach einem Dialog­ und Konsultationsverfahren entwickelt und baut auf dem Aktionsprogramm Nachhaltige Entwick­ lung Bayern von 2002 und auf der Bayern Agenda 21 aus dem Jahr 1997 auf. Im Rahmen der Bayerischen Nachhaltigkeitsstra­ tegie wurde der Landkreis Passau als erste Kom­ mune in Bayern von Global Nachhaltige Kom­ mune in der Lokalisierung der SDGs beraten. Ebenso hat sich der Landkreis Passau der Agenda 2030 der Vereinten Nationen (UN) angeschlossen und die Musterresolution der Agenda 2030 mitge­ zeichnet. Mit einer Nachhaltigkeitsstrategie hat sich das Passauer Land sechs der insgesamt 17 Ziele aus der Agenda vorgenommen umzusetzen und gilt als Leuchtturmprojekt in der Region. Ab 2017 wurde die Strategie fortgeschrieben. Sie beinhaltet in ihrer neuesten Fassung nun auch das Handlungsfeld globale Verantwortung und Vernetzung neben den bisherigen Themenfeldern Klimawandel, Energie, natürliche Ressourcen, Mobilität, sozialer Zusammenhalt, Bildung und Forschung, nachhaltiges Wirtschaften und Kon­ sum, Ernährung, Gesundheit und Pfege, Staat und Verwaltung und nachhaltige Finanzpolitik. Der Landesregierung war es wichtig, dass sich die Bürgerinnen und Bürger an der Entwicklung der politischen Leitlinien beteiligen können. Die Handlungsempfehlungen des Bürgergutachtens 2030. BAYERN, DEINE ZUKUNFT aus dem Jahr 2018 fießen daher in die neue Strategie mit ein. Die SKEW hat in 2021 begonnen, neun weitere Kommunen aus Bayern im Kontext der Bayeri­ schen Nachhaltigkeitsstrategie bei der Entwick­ lung ihre eigenen kommunalen Nachhaltigkeits­ strategien zu unterstützen. Seit 2016 stärkt das Zentrum für nachhaltige Kommunalentwicklung in Bayern die Rahmenbe­ dingungen der globalen Nachhaltigkeitsziele auf kommunaler Ebene. Es ist eine Weiterführung des Netzwerkes nachhaltige Bürgerkommune (NENA). Außerdem haben das Bayerische Landes­ amt für Umwelt und der Bayerische Industrie­ und Handelskammertag zusammen mit Unter­ nehmen einen SDG­Wegweiser erarbeitet und im Februar 2020 veröffentlicht. Er zeigt, wie die globalen Nachhaltigkeitsziele zukünftig leichter in Unternehmen umzusetzen sind. Linktipp  https://www nachhaltigkeit bayern de/ 4. DIE A GEND A 2030 IM N AT ION A L EN UND R EGION A L EN KON T E X T 4.4 Agenda 2030 in Österreich Im Jahr 2015 hat Österreich, aufbauend auf seinen vorhe­ rigen Nachhaltigkeitsaktivi­ täten, offziell beschlossen, die globalen Nachhaltigkeits­ ziele umzusetzen. Seither arbeitet die Regierung daran, die Ziele in alle Bereiche und Aktivitäten der österreichischen Politik und Verwaltung zu integrieren. Dazu hat sie in einem Ministerrats­ beschluss vom Januar 2016 die interministerielle Arbeitsgruppe Umsetzung der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung (IMAG 30) geschaffen. Diese besteht aus Nachhaltigkeitsverantwortli­ chen aller Bundesministerien und koordiniert sowie kommuniziert die wesentlichen Schritte zur Umsetzung der Ziele. Im Jahr 2017 veröffent­ lichte sie eine erste Darstellung über bereits umgesetzte Maßnahmen zusammen mit einem nationalen Set an Indikatoren. Mittlerweile sind die globalen Nachhaltigkeitsziele auf Bundesebene in der Außenwirtschaftsstrate­ gie, der Energie­ und Klimastrategie, im Dreijah­ resprogramm der Entwicklungspolitik, in den Gesundheitszielen sowie der Jugendstrategie ver­ ankert. Auch Österreichs Bundesländer nehmen in ihren Strategiedokumenten Bezug auf die Ziele. Im Juli 2020 veröffentlichte ein Konsortium aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft den ersten Freiwilligen Nationalen Bericht zur Umsetzung der nachhaltigen Entwicklungsziele/ SDGs (FNU). Im Mittelpunkt stehen die Themen Digitalisierung, Frauen, Jugend mit der Losung „Leaving no one behind“ – niemanden zurücklassen, Klimaschutz sowie Klimawandelanpassung. Der Österreichische Städtebund gibt konkrete Umsetzungshilfe mit einem im November 2019 veröffentlichten Leit­ faden zu den globalen Nachhaltigkeitszielen in Städten. Linktipp Österreich und die Agenda 2030. Freiwilliger Nationaler Bericht zur Umsetzung der Nachhalti­ gen Entwicklungsziele/SDGs  https://www bundeskanzleramt gv at/themen/ nachhaltige-entwicklung-agenda-2030/berichterstattung-agenda-2030 html 15 4. DIE A GEND A 2030 IM N AT ION A L EN UND R EGION A L EN KON T E X T 4.5 Agenda 2030 im österreichischen Bundesland Vorarlberg 16 Mit dem strategischen landesweiten Konzept Raumbild Vorarlberg 2030 – Zukunft Raum geben der Vorarlberger Landesregierung aus dem Jahr 2019 geht das Land einen wichtigen Schritt in Richtung nachhaltige Entwicklung. Unter Beteili­ gung der Bevölkerung wurden Leitlinien in den Bereichen Siedlungsraum, Landschaft, Landwirt­ schaft, Mobilität, Tourismus sowie Natur­ und Freizeiträume erarbeitet. Der Fokus liegt auf der Abstimmung zwischen Raumentwicklung und Mobilität. Weiterhin hat der Vorarlberger Landtag 2019 den Klimanotstand ausgerufen und ein Maßnahmen­ paket beschlossen, um den Klimawandel zu min­ dern. Dieses beinhaltet unter anderem Klima­ checks für Gesetze, Verordnungen und Förderun­ gen. Zudem erarbeitet der Verein KlimaVOR! Maßnahmen im Bereich Mobilität, Gebäudewärme, Ernährung und Energie. Insbesondere junge Erwachsene arbeiten gemein­ sam mit der Caritas auf Landesebene daran, dass die globalen Nachhaltigkeitsziele erreicht werden. Zu ihren Aktivitäten zählen Workshops, Bildungs­ veranstaltungen an Schulen, länderübergreifende Kooperationen mit Projekten, eigenfnanzierte Auslandsprojekte sowie Aktivitäten im Benefzbe­ reich und soziale Aktionen. Die Caritas Vorarlberg unterstützt die Ausbildung von Jugendbotschafte­ rinnen und ­botschaftern, die zukünftig als Multi­ plikatorinnen und Multiplikatoren agieren sollen. Das Bundesland Vorarlberg weist den zweitgröß­ ten Anteil an Schulen in Österreich auf, die vom Bundesministerium mit dem Österreichischen Umweltzeichen für zukunftsorientierte Bildungs­ arbeit ausgezeichnet wurden. Zusammen mit dem hohen Engagement junger Erwachsener weist dies auf das Potenzial der Region hin, in Zukunft einen signifkanten Beitrag zur Agenda 2030 zu leisten. Linktipp Raumbild Vorarlberg 2030  https://vorarlberg at/-/raumbild-vorarlberg2030-neu 4.6 Agenda 2030 in Liechtenstein Das Fürstentum Liechten­ stein beschäftigt sich seit dem Jahr 2012 mit der Agenda 2030. Der konkrete Anlass war die auf der Kon­ ferenz der Vereinten Natio­ nen über nachhaltige Ent­ wicklung durch die UN­Mitgliedsstaaten beschlos­ sene Entwicklung der globalen Nachhaltigkeits­ ziele. Seitdem verfolgt Liechtenstein eine allge­ meine Nachhaltigkeitspolitik und ­strategie. Sie beruht auf verschiedenen thematischen Schwer­ punkten. Die Umsetzung der Nachhaltigkeitsstra­ tegie wird konsistent bewertend verfolgt. Das Amt für Statistik veröffentlicht jährlich einen Indi­ katorenbericht für nachhaltige Entwicklung. 2019 brachte die Regierung des Fürstentums Liechten­ stein einen Bericht über die Umsetzung der Agenda 2030 heraus. Dieser beschreibt für alle 17 Nachhaltigkeitsziele die aktuelle Situation im Inland, Herausforderungen und aktuelle sowie zukünftige Maßnahmen und gibt eine Gesamtbe­ urteilung. Linktipp  Report on the implementation of the 2030 Agenda for Sustainable Development (PDF) 4. DIE A GEND A 2030 IM N AT ION A L EN UND R EGION A L EN KON T E X T 4.7 Agenda 2030 in der Schweiz In seiner übergeordneten Strategie nachhaltige Entwicklung (SNE) dokumentiert der Schweizer Bun­ desrat die politischen Schwerpunkte für Nachhaltigkeit in der eidgenössi­ schen Entwicklung mittel­ bis lang­ fristig. Die SNE soll das Instrument zur Umsetzung der Schweizer Agenda 2030 werden. Die SNE 2016­2019 beschreibt unter Punkt 9 die Zusammenarbeit mit Kantonen und Gemeinden. Nachhaltige Ent­ wicklung auf allen Verwaltungsebenen und der Austausch zwischen diesen ist darin ein zentrales Anliegen. Die SNE wird mit der Legislaturplanung in Vierjahreszyklen ausgelegt. Im Zeitraum 2020– 2030 soll die Strategie völlig auf die Agenda 2030 ausgerichtet sein. Schwerpunkte der aktuellen Strategie sind die Themen 1) Konsum und Pro­ duktion, 2) Energie, Klima und Biodiversität und 3) Chancengleichheit. Über die SNE sollen alle Kantone und Gemeinden auf die Agenda 2030 ausgerichtet werden. Weiterhin gibt es das Schweizer Forum nachhal­ tige Entwicklung. Es ist eine Plattform, auf der sich verschiedene Akteurinnen und Akteure ver­ netzen und zu den globalen Nachhaltigkeitszielen austauschen können. Zu diesen gehören unter anderem die Bau­, Planungs­ und Umweltdirekto­ ren­Konferenz (BPUK), der Städteverband SSV und der Gemeindeverband SGV. Zudem fördert und unterstützt der Bund regionale und lokale Prozesse, Projekte und Initiativen, die zur nach­ haltigen Entwicklung beitragen. Er unterhält eine Datenbank mit aktuellen Projek­ ten in der Schweiz und organisiert Veranstaltun­ gen, auf denen Akteurinnen und Akteure Wissen und Erfahrungen zu guten Projektbeispielen aus­ tauschen können. Mit dem Netzwerk Cercle Indicateurs fördert der Bund, dass Kantone, Gemeinden und Städte ihre Fortschritte der Umsetzung der globalen Nachhal­ tigkeitsziele messen können. Die Kantone erhe­ ben ihre Indikatoren alle zwei Jahre, die Gemein­ den und Städte alle vier. Es gibt 30 Indikatoren aus den Bereichen Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft. Die Bundesämter für Raumentwick­ lung (ARE), Statistik (BFS), und Umwelt (BAFU) tragen das Netzwerk gemeinsam mit den Kanto­ nen und Städten. Linktipp Strategie Nachhaltige Entwicklung (SNE)  https://www are admin ch/sne 17 4. DIE A GEND A 2030 IM N AT ION A L EN UND R EGION A L EN KON T E X T 18 4.8 Agenda 2030 in den Schweizer Kantonen 4.9 Agenda 2030 im Kanton St. Gallen Die Schweizer Kantone habe Nachhaltigkeit in ihren kantonalen Verfassungen verankert. Die Verfassung des Zürcher Kantons enthält beispiels­ weise einen Artikel, in dem es um den Erhalt der Lebensgrundlagen und die Verantwortung für zukünftige Generationen geht. Dazu sei eine öko­ logisch, wirtschaftlich und sozial nachhaltige Entwicklung verpfichtend. In St. Gallen sind die globalen Nachhaltigkeits­ ziele in der kantonalen Verfassung verankert. Maßnahmen zum Klimaschutz und für saubere und bezahlbare Energie decken sich mit den Zie­ len 7 Bezahlbare und saubere Energie und 13 Maßnahmen zum Klimaschutz. 2018 erarbeitete die Fachhochschule St. Gallen (FHS) den Bericht Agenda 2030 im Kanton St. Gallen, in dem eine Bestandsaufnahme der nachhaltigen Entwicklung in St. Gallen gemacht wurde. Außerdem fanden thematische Werkstätten im Rahmen des Netz­ werkes Agenda 2030 – Netzwerk St. Gallen statt. Darin trafen sich rund 100 Akteurinnen und Akteure aus Gemeinden, Wirtschaft, Zivilgesell­ schaft, Verwaltung und Wissenschaft. Ergebnisse zeigen, dass sich die Akteurinnen und Akteure insbesondere gern besser vernetzen würden. Zudem sei die Rolle von Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft bei der Umsetzung der nachhalti­ gen Entwicklung zu klären. Es wurde angemerkt, dass Begegnungsräume notwendig seien, um Projekte zu gestalten. Einfuss auf diesen Prozess kann auch die anhaltende Hitze­ und Dürreperiode 2018 gehabt haben, die kantonweit für Probleme sorgte. Den Umsetzungsstand der Agenda 2030 in den Kantonen misst der Cercle Indicateurs. 2019 haben 19 Kantone an der Erhebung der Nachhal­ tigkeitsindikatoren teilgenommen. Es war das erste Mal, dass nachhaltige Entwicklung auf Kantonebene gemessen wurde. Ab 2020 soll der Cercle Indicateurs die globalen Nachhaltigkeits­ ziele noch stärker einbeziehen. Linktipp Netzwerk „Cercle Indicateurs“  https://www bfs admin ch/bfs/de/home/statistiken/nachhaltige-entwicklung/cercle-indicateurs html Linktipp  Bericht Agenda 2030 im Kanton St Gallen (PDF) 5. NACHHALTIGKEIT ALS LEITPRINZIP FÜR KOMMUNALES HANDELN Warum sind die Kommunen so bedeutsam für die Umsetzung der Agenda 2030? Mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt im urbanen Raum, der Trend nimmt weiter zu. Die Nachhaltigkeits­ prozesse und ­strategien der Kommunen sind daher von besonderer Tragweite – viele Akteurin­ nen und Akteure sehen den Erfolg der Agenda 2030 abhängig davon, ob die Umsetzungspro­ zesse auf lokaler Ebene gelingen. Mit dem Ziel 11 Nachhaltige Städte und Gemeinden ist der kom­ munalen Ebene ein eigenständiges Nachhaltig­ keitsziel gewidmet, um Städte inklusiv, sicher, widerstandsfähig und nachhaltig zu gestalten. Daneben spielen Städte, Gemeinden und weitere Gebietskörperschaften auch für die Verwirkli­ chung fast aller anderen Nachhaltigkeitsziele eine Rolle. Herauszustellen sind das Ziel 7 Bezahlbare und saubere Energie, Ziel 12 Nachhaltig produzie­ ren und konsumieren, Ziel 13 Weltweit Klima­ schutz umsetzen und Ziel 17 Globale Partner­ schaft. Aus entwicklungspolitischer Sicht spielt die globale Verantwortung bei allen Nachhaltig­ keitszielen eine bedeutende Rolle und sollte daher systematisch in den Nachhaltigkeitsstrate­ gien und ihren Zielen neben der ökologischen, sozialen und ökonomischen Dimension als vierte Dimension berücksichtigt werden. Für die Kommunen gilt es nun ebenso, die glo­ balen Nachhaltigkeitsziele für die kommunale Ebene aufzuschlüsseln und integrierte Nachhal­ tigkeitsstrategien zu erarbeiten. In vielen Fällen können die Kommunen mit den Prozessen zur Umsetzung der Agenda 2030 an die vor Ort oft schon seit vielen Jahren laufenden und teilweise intensiv betriebenen Nachhaltigkeitsaktivitäten anschließen, können unmittelbar auf bestehen­ den Initiativen und Institutionen aufbauen oder diese neu beleben. Erste Städte, Gemeinden und Landkreise haben bereits begonnen, kommunale Nachhaltigkeits­ strategien zu entwickeln, die sich explizit auf die Agenda 2030 und ihre Ziele beziehen. Dabei haben sie Spielraum, sich auf prioritäre Hand­ lungsfelder zu konzentrieren oder in ihren Ziel­ systemen und Fortschrittsindikatoren über den internationalen Konsens hinauszugehen. Die Kunst dabei liegt in der Übersetzung der glo­ balen Vorgaben unter Berücksichtigung der natio­ nalen Nachhaltigkeitsagenda in das lokale Handeln vor Ort. Ofzielle Überreichung der SDG-Urkunde an den Landrat Franz Meyer des Landkreises Passau durch Minister Müller am 2. Februar 2019 19 5. N A C HH A LT I GK E I T A L S L E I T P R IN Z IP F Ü R KO MMU N A L E S H A ND E L N S Aktiv beraten und begleitet werden die Kommu­ nen dabei von der SKEW im Rahmen des Projek­ tes Global Nachhaltige Kommune. 20 Ein erster Schritt zur kommunalpolitischen Um­ setzung der Agenda 2030 und ihrer Ziele kann darin bestehen, einen entsprechenden Beschluss im Stadt­ oder Gemeinderat zu verabschieden. Der Deutsche Städtetag und die Deutsche Sektion des Rates der Gemeinden und Regionen Europas haben unter Mitwirkung der SKEW dazu eine Musterresolution mit dem Titel 2030­Agenda für Nachhaltige Entwicklung: Nachhaltigkeit auf kommunaler Ebene gestalten entwickelt. Mit der Unterzeichnung der Musterresolution können sich Kommunen zu einer nachhaltigen Entwicklung vor Ort und weltweit bekennen und signalisieren, dass sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten ent­ sprechende Maßnahmen ergreifen. Das können beispielsweise die Entwicklung kommunaler Nachhaltigkeitsstrategien zur Integration der Sustainable Development Goals (SDGs) in den Verwaltungsalltag sein oder Maßnahmen des ent­ wicklungspolitischen Engagements vor Ort und weltweit. Einmal im Jahr wird ein Vernetzungs­ treffen des „Clubs der Agenda 2030 Kommunen“, dem alle Zeichnungskommunen angehören, durchgeführt. Anfang 2021 waren es über 172 Zeichnungskommunen und bis 2030 sollen min­ destens 500 Kommunen die Musterresolution mitgezeichnet haben. Jahrestrefen des Clubs Agenda 2030 Kommunen im Kölner Rathaus am 18. April 2018. Jürgen Schmeier, Stadt Bedburg, zeigt die einzelnen Prozessschritte der Nachhaltigkeitsstrategieentwicklung auf 6. LOKALE BEITRÄGE ZUR AGENDA 2030 IN DER BODENSEEREGION Deutschland, Österreich, die Schweiz und das Fürstentum Liechtenstein haben die von der internationalen Staatengemeinschaft beschlos­ sene Agenda 2030 wie viele andere Länder in nationale Strategien und Handlungsrahmen über­ führt. Gleich an mehreren Stellen wird betont, wie wichtig der Beitrag von Gemeinden, Städten, Landkreisen und Regionen zur Erreichung der Ziele ist. Vielerorts fällt es jedoch noch schwer, die Brücke zwischen den nationalen Rahmenbe­ dingungen und der Umsetzung auf lokaler Ebene zu schlagen. Welche Chance sehen Kommunen rund um den Bodensee in der Agenda 2030 und wie gehen sie gleichzeitig auch mit den Herausforderungen um? Zahlreiche Beispiele zeigen, wie lokales Engage­ ment rund um eine nachhaltige Entwicklung erfolgreich sein kann. Auch wenn es manchen Kommunen nicht bewusst ist, tragen sie mit ihren Aktivitäten schon heute dazu bei, dass wir den Nachhaltigkeitszielen näherkommen. Ande­ ren ist es wiederum gelungen, den Bezug zur Agenda 2030 herzustellen und im Rahmen der globalen Nachhaltigkeitsziele ihre eigenen Ziele zu formulieren. Ein Rundgang um den Bodensee gibt Einblick in die Erfahrungen, Prozesse und konkrete Umset­ zungsbeispiele der Agenda 2030. Von A bis Z, von Allensbach bis Zürich zeigt sich, wie globale Nachhaltigkeitsziele auf lokaler Ebene umgesetzt werden. In Allensbach gibt der Bürgermeister Einblick in die Nachhaltigkeitsaktivitäten der klei­ nen Gemeinde am Westufer des Bodensees. Auf dem Weg geht es weiter nach Konstanz, dem Austragungsort der regelmäßig stattfndenden Bodenseekonferenz „Konstanzer Nachhaltigkeits­ konferenz“. Am Nordufer des Bodensees liegt die Stadt Friedrichshafen, die bei der Umsetzung ihrer Nachhaltigkeitsaktivitäten auf die Einbin­ dung zahlreicher Akteurinnen und Akteure setzt. Die bayerische Stadt Kempten kann auf einen langen Prozess als Fairtrade­Stadt zurückblicken. Der kleine Ort Wildpoldsried ist als Energiedorf weit über seine Grenzen hinaus bekannt. Die österreichische Stadt Bregenz kooperiert mit anderen Städten aus der Region im Bereich Ener­ gie. Unterstützung erhält sie dabei vom Vorarlberger Gemeindeverband. Das Engagement des Fürstentums Liechtenstein wurde bereits mit den Auszeichnungen Solarweltmeister und erstes Energieland gewürdigt. Weiter geht es in die Schweiz in die Energiestadt Gold St. Gallen. Der Rundgang endet in Zürich, das mit seinem eigens entwickelten Textilrechner Nachhaltigkeitsas­ pekte bei der Beschaffung von Textilien berück­ sichtigt. 21 6. LOKALE BEITRÄGE ZUR AGENDA 2030 IN DER BODENSEEREGION 22 6.1 Allensbach – Nachhaltigkeit in einer kleinen Gemeinde Die Gemeinde Allensbach im baden­württember­ gischen Landkreis Konstanz umfasst eine Fläche von 26,53 Quadratkilometern. Mit ihren 7.120 Einwohnerinnen und Einwohnern ist sie, vergli­ chen mit den anderen Gemeinden und Gemein­ deverbänden, eine der kleineren Gemeinden direkt am Bodensee. zum Schutz des Bodensees tragen zum Ziel 14 Leben unter Wasser bei. Das Ziel 13 Klimaschutz und Anpassung wird durch Projekte im Bereich Energie und Mobilität angegangen. Das 1­Euro­ Ticket im ÖPNV sorgt zudem für weniger Ungleich­ heiten – gemäß dem zehnten Ziel Ungleichheit in und zwischen Ländern verringern. Allensbach erstellte 2015 einen Nachhaltigkeitsbe­ richt, in dem die Gemeinde zum ersten Mal ihre Aktivitäten systematisch erfasste. Diesem Meilen­ stein ging ein langjähriger Agenda­21­Prozess vor­ aus. Unterstützt wurde die Gemeinde von Verwal­ tungsmitarbeitenden, einzelnen Schlüsselakteu­ rinnen und ­akteuren sowie Fördermittelgebern und Institutionen. Obwohl die Agenda 2030 noch nicht institutionell verankert ist, trägt Allensbach mit unterschiedlichen Aktivitäten bereits zur Umsetzung der globalen Nachhaltigkeitsziele bei. Investitionen in Kindergärten und Schulen tragen zum Ziel 4 Chancengerechte und hochwertige Bildung bei. Photovoltaikanlagen und „saubere“ Heizungen bei Neubauten unterstützen Ziel 7 Bezahlbare und saubere Energie. Das Ziel 11 Nachhaltige Städte und Gemeinden wird unter anderem durch die Gründung einer eigenen Wohnbaugesellschaft gefördert und Maßnahmen Im Jahr 2017 führte die Gemeinde Allensbach eine Nachhaltigkeitswerkstatt zur Weiterentwick­ lung des Nachhaltigkeitsberichts durch. Gefördert wurde diese Veranstaltung durch den Kleinpro­ jektefonds kommunale Entwicklungspolitik der Servicestelle Kommunen in der Einen Welt von Engagement Global. Bürgermeister Stefan Fried­ rich nahm zudem an der 3. Konstanzer Nach­ haltigkeitskonferenz aktiv als Podiumsgast teil. Allensbach gilt vor allem bei den kleinen Kommu­ nen als Vorreiterin in Sachen Nachhaltigkeit. Die Gemeinde Allensbach © M Kertzscher Wie führte der Weg vom Agenda­21­Prozess zum Nachhaltigkeitsbericht und welchen Stellenwert haben heute die globalen Nachhaltigkeitsziele in diesem Prozess? Der Bürgermeister der Gemeinde Allensbach, Stefan Friedrich, gibt im folgenden Interview einen umfassenden Einblick. 6. LOKALE BEITRÄGE ZUR AGENDA 2030 IN DER BODENSEEREGION INTERVIEW mit Stefan Friedrich, Bürgermeister der Gemeinde Allensbach 23 Was ist Ihnen bei Ihren Aktivitäten wichtig? Uns ist wichtig, Bürgerinnen und Bürger an Pro­ zessen zu beteiligen. Um sie mehr mitzunehmen und bei Umgestaltungen einzubinden, hatten wir in den letzten Jahren unter anderem eine große Bürgerversammlung, einen Dorfspaziergang und ein Beteiligungsverfahren für ein Sanierungsge­ biet. Bürgermeister der Gemeinde Allensbach Stefan Friedrich © Gemeinde Allensbach Welche Aktivitäten hat Allensbach in letzter Zeit im Nachhaltigkeitsbereich durchgeführt? Beim jüngsten Neubau eines Kindergartens hal­ ten wir KfW 40­Standards ein. Der Gemeinderat möchte zudem die maximal mögliche Dachfäche der eigenen Gebäude mit Photovoltaik belegen. Diese Punkte weisen wir zwar nicht explizit als Klimaschutzprojekte aus, beachten in unseren Bauvorhaben aber stattdessen eine möglichst ökologische Umsetzung. Außerdem haben wir seit gut drei Jahren ein 1­Euro­Ticket für das Bus­ fahren innerhalb des Ortes. Seither fahren wesentlich mehr Leute mit dem Bus. Es sind eher die kleinen Dinge, die es schaffen, erfolgreich etabliert zu werden. Im Alltag sind diese nachhal­ tiger als ein oder zwei Leuchtturmprojekte, die gut verkauft werden. In einem Bereich wollen wir aber Vorreiter sein: In einem Baugebiet für nach­ haltiges Wohnen wird ein innovatives Energiesys­ tem eingeführt – SoLAR Allensbach. An diesem arbeiten die Agenda­Gruppe, der Bauherr, For­ schungsinstitute und Unternehmen zusammen. Es wird durch das Umweltministerium des Lan­ des gefördert. Dieses Baugebiet wird gerade fertig gestellt, das heißt in wenigen Monaten kann man sehen, wie die wissenschaftlichen Berechnungen aus der Theorie im Realbetrieb funktionieren. Was sind derzeit anstehende Projekte in Allensbach? Im November werden wir einen Klimarat grün­ den. Dieser besteht aus Vertreterinnen und Ver­ tretern des Gemeinderats, unserer schon länger bestehenden lokalen Agenda­Gruppe Energie, Ressourcen und Klimaschutz sowie dem neu gegründeten Jugendbeirat Allensbachs. Dort wer­ den wir viermal im Jahr Nachhaltigkeitsthemen besprechen. Der Vorteil ist, dass alle an einem Tisch sitzen, sich einbringen und auf Augenhöhe diskutieren können. Wir wollen unsere Wert­ schätzung gegenüber dem Jugendbeirat und der Agenda­Gruppe zeigen. Da der Klimarat die Gemeinderäte einschließt, können wir die Ergeb­ nisse anschließend zügig auf den Weg bringen. Das ist deswegen sinnvoll, da der Gemeinderat immer unter Zeitdruck steht. Ökologie und Nach­ haltigkeit sind oft nicht die gefühlt dringendsten Themen und fallen daher öfters hinten runter. Im Klimarat beschäftigen wir uns nur mit diesen Themen, damit kommen wir viel weiter als bis­ her. Welche Rolle nimmt die Gemeinde im AgendaProzess ein? Bei der Gemeindeverwaltung gibt es eine Agenda­ Beauftragte. Sie ist die Schnittstelle zwischen der Agenda­Gruppe, der Verwaltung und dem Gemeinderat. Ihre Arbeit ist in den letzten Jahren noch intensiviert worden, da es in Allensbach viele engagierte Personen gibt. Erst dieses Jahr hat sich wieder eine neue Gruppe gegründet. Die Agenda­Beauftrage hat sie dabei unterstützt, beraten, einen Förderantrag gestellt und mit den 6. LOKALE BEITRÄGE ZUR AGENDA 2030 IN DER BODENSEEREGION 24 Geldern eine erste Veranstaltung ausgerichtet. So etwas ist Aufgabe der Kommune: Wer Engage­ ment in der Bevölkerung hat, sollte es bündeln und strukturieren, um weiterzukommen. Wenn die mal drin sind, dann läuft das praktisch von allein. Das macht bei Agenda­Gruppen aber nur Sinn, wenn die Leute sich langfristig beteiligen wollen, ansonsten sollte man andere Wege auf­ zeigen. Aber im Moment ist durchaus sehr viel Interesse in der Bevölkerung da, sich konstruktiv einzubringen. Was hat die Gemeinde 2015 bewegt, einen Nachhaltigkeitsbericht zu verabschieden? Was waren die entscheidenden Prozesse? Einzelbausteine hatten wir auch früher schon, aber nie einen richtigen roten Faden, um bei einem Prozess dauerhaft mitzuwirken oder ein Oberziel zu setzen. Der Nachhaltigkeitsbericht war da, um zu sehen, wo wir stehen und um zu testen, wo wir hinwollen. Eigentlich müsste der Welche Rolle nehmen Sie als Bürgermeister oder der Gemeinderat im Agenda-21-Prozess ein? Als Gemeinde richten wir einmal im Jahr einen Dankesabend aus, wo wir alle Agenda­Gruppen zusammenzubringen. Da sie sich mit verschiede­ nen Themen beschäftigen, fehlt oft die Schnitt­ menge. Sie haben aber eins gemeinsam: Sie sind ehrenamtlich in der Agenda engagiert. Bei den Abenden informiere ich die Gruppen über anste­ hende Projekte und Unterstützungsbedarf. Es geht aber auch darum, sich ganz niederschwellig bei Essen und Trinken auszutauschen. Ich als Bürgermeister gehe zudem mindestens einmal im Jahr in jede der Gruppen, wenn der Arbeitskreis daran Interesse hat. Manche nehmen davon gern Gebrauch, um mit mir zu diskutieren, andere haben nicht so viele Themen, wofür man den Bürgermeister braucht. Jede Agenda­Gruppe darf auch mindestens einmal im Jahr mit ihren The­ men direkt beim Gemeinderat vorsprechen. alle paar Jahre erneuert werden – wir haben aber bisher noch keinen Nachfolger. Mir ist es lieber, ihn alle fünf Jahre rauszubringen und was Neues zu berichten, als nur das Alte wieder aufzuwärmen. Wir haben gerade in den letzten zwölf Monaten wesentliche Richtungsänderungen erlebt, so viele wie in den letzten fünf Jahren nicht. Woran liegt es, dass gerade in letzter Zeit so viel passiert? Im Moment ist zu spüren, dass das Engagement nach oben gegangen ist. Ich glaube, das Verständ­ nis in der Bevölkerung hat sich ein Stück weit verändert. Während früher Nachhaltigkeit und Ökologie nicht so wichtig waren, obwohl man wusste, man müsste eigentlich mehr machen, haben sich viele mit ihren Entscheidungen dann doch „wie immer“ verhalten. Ich glaube schon, dass in den letzten ein bis zwei Jahren in Teilen ein gesellschaftliches Umdenken stattgefunden hat. Welchen Vorteil hat Allensbach als kleine Kommune? Bürgermeister Friedrich auf der Bürgerversammlung der lokalen Agenda © Gemeinde Allensbach Das Gute an einer so kleinen Kommune ist, dass ich eigentlich erstmal keinen Nachhaltigkeitsbe­ richt brauche. Das Wichtige ist, konkrete Projekte anzugehen. Der Bericht dokumentiert diese dann. Aber er ist keine starre Vorgabe, bei der man vor­ 6. LOKALE BEITRÄGE ZUR AGENDA 2030 IN DER BODENSEEREGION her ganz genau festlegt, was man machen will. Er ist eher eine Art Richtschnur, man kann auch spontan sein und sagen: In die Richtung geht es weiter. Inwieweit spielen die Agenda 2030 und die globalen Nachhaltigkeitsziele eine Rolle in Allensbach? Man muss da unterscheiden. Bei uns wird viel für die Agenda 2030 und die Nachhaltigkeit unter­ nommen. Die Agenda­Gruppen kennen die Ziele und arbeiten darauf hin. Das heißt bei uns nur anders. Beim Thema Energieversorgung für unse­ ren Ortsteil weiß jede und jeder, was gemeint ist, bei „SDG 7“ nicht. Am Ende ist es aber das Glei­ che. In der direkten Gemeindearbeit spielen die globalen Nachhaltigkeitsziele aber keine wirkliche Rolle. Ich sehe mich und die Verwaltung aber in der Pficht, dass wir bei unseren Vorschlägen immer schauen: Arbeiten wir für oder gegen die globalen Nachhaltigkeitsziele? Wenn wir fort­ schrittlich sind, können wir das in den nächsten Jahren natürlich mit auswerten. So etwas kann man in Entscheidungen einfießen lassen. Aber wir müssen ein Stück weit noch transformieren. Das, was wir in der Diskussion mit der Bevölkerung erarbeiten, und die Maßnahmen müssen wir in der Verwaltung den Nachhaltigkeitszielen zuord­ nen. Der Kindergartenneubau kann zum Ziel 4 Hochwertige Bildung gerechnet werden. Auch in den Themen Energie, Klimaschutz, Leben unter Wasser und im Naturschutz sind wir natürlich aktiv. Viele unserer laufenden Maßnahmen können den Zielen zugeordnet werden. Das könnten wir im Nachhaltigkeitsbericht tun, aber Automatismus besteht nicht. Wir haben niemanden, der oder die das für uns macht oder bereits gemacht hat. Was müsste denn passieren, dass die globalen Nachhaltigkeitsziele kommunal verankert werden und wo sehen Sie gerade noch Herausforderungen? Hürden sehe ich vor allem im bürokratischen Aufwand der Genehmigungsprozesse und teil­ weise bei den Vorbehalten einiger Personen. Aber auch die Kosten sind ein Punkt. Ich brauche im Grunde Personen in der Verwaltung, die feder­ führend mitarbeiten. Bei uns scheitert es nicht am Willen, sondern an der personellen Kapazität. Neben den vielen Punkten, die ich umsetzen will, habe ich keine Zeit für den Nachhaltigkeitsbericht. Wo würden Sie sich Unterstützung im Bereich Nachhaltigkeit, aber auch vor allem in Bezug auf die Agenda 2030 wünschen, um diese weiter voranzubringen? Wir haben Ideen, wir haben Projekte und ich habe Rückhalt aus der Bevölkerung und dem Gemeinderat, der mich unterstützen wird. Die einzige Engstelle ist Personal in der Verwaltung, die das alles abarbeitet. Und ich bin mir sicher, wir könnten wesentlich mehr in wesentlich kürze­ ren Zeitabständen machen, wenn wir Personal hätten. Ich weiß, Bürgermeister wollen immer Geld haben – aber wenn jetzt jemand sagt, da ist eine Person, die bringt die Agenda­Arbeit voran und es gibt Förderung für die Personaleinsätze, dann nehme ich das gern an! Für den Nachhaltig­ keitsbericht werden wir unterstützt und bekom­ men Förderung. Das ist aber auch notwendig. Was sind denn weitere wichtige Themen für die Zukunft im Bereich Nachhaltigkeit für Allensbach? Gesellschaft und Wohnen sind wichtige Themen. Armut wäre übertrieben, aber wenn es um bezahlbaren Wohnraum geht, haben wir ein rich­ tiges Problem. Für nachhaltige Städte würde ich Wohnraum als zukünftiges Thema sehen. Und wir wollen natürlich auch unseren Nachhaltig­ keitsbericht erneuern. Da habe ich auch von die­ sem Interview proftiert und kann daraus Stich­ worte für das Update der Agenda­Beauftragten übernehmen. Weitere Informationen zu Allensbach  https://www gemeinde-allensbach de/ Unterstützungsangebot SEKW  Beratungsleistung durch Global Nachhaltige Kommune in der Erstellung von Nachhaltigkeitsberichten https://skew engagement-global de/global-nachhaltigekommune html  Kleinprojektefonds Kommunale Entwicklungspolitik – Einstiegshilfen für Maßnahmen und kommunale Partnerschaften der Entwicklungszusammenarbeit https://skew engagement-global de/kleinprojektefonds html 25 6. LOKALE BEITRÄGE ZUR AGENDA 2030 IN DER BODENSEEREGION 26 6.2 Konstanz – Die Nachhaltigkeitskonferenz Die baden­württembergische Kreisstadt Konstanz ist mit ihren rund 86.300 Einwohnerinnen und Einwohnern die größte Stadt am Bodensee. Ihrer globalen Verantwortung kommt die Stadt durch ihre Mitwirkung bei Veranstaltungen des Vereins ProAmazonia Konstanz nach. Dieser för­ dert Klimaschutz und die Einhaltung von Men­ schenrechten unter Teilhabe der lokalen Bevölke­ rung im Amazonas­Regenwald. Dabei begleitet ProAmazonia Partnerschaften zwischen indige­ nen Völkern und Institutionen oder Unternehmen und führt Projekte zum Schutz indigener Lebens­ räume sowie der Artenvielfalt in Naturräumen durch. Beispielsweise hat der Verein eine Klima­ partnerschaft zwischen der Stadt Konstanz und dem Volk der Borari in Brasilien ins Leben gerufen. Im November 2019 veranstaltete ProAmazonia gemeinsam mit der Stadt Konstanz den Konstan­ zer Tag des Amazonas. Ein weiterer lokaler Akteur, der zur globalen Nach­ haltigkeit in und über Konstanz hinaus beiträgt, ist der Konstanzer Weltladen. Er wird getragen vom Aktionskreis „Dritte Welt e. V.“ und besteht in Konstanz seit Anfang der achtziger Jahre. Er unterstützt Projekte und Kampagnen in Ländern des Globalen Südens und informiert über Welt­ handelsstrukturen und politische Zusammenhänge. Die Verkaufsprodukte werden von selbstverwalte­ ten Betrieben hergestellt, in denen gerechte und menschenwürdige Arbeitsbedingungen umgesetzt werden. Mit dem Ziel, in ganz Deutschland 100 Prozent Ökostrom anzubieten, treiben die Stadtwerke Konstanz seit 2012 mit der Marke Enspire Ener­ gie die umweltfreundliche und nachhaltige Ener­ gieerzeugung, beispielsweise in Form von Photo­ voltaikanlagen und Blockheizkraftwerken, voran. Um einen Beitrag zum weltweiten Klima­ und Umweltschutz im Sinne der globalen Verantwor­ tung zu leisten, wurde 2014 der Enspire Award ins Leben gerufen, der seitdem jährlich ein ausge­ wähltes Energieprojekt im Globalen Süden mit 5.000 Euro unterstützt. Voraussetzung hierfür ist, dass es sich um Projekte im Globalen Süden handelt, die durch die Etablierung erneuerbarer Energien die Rahmenbedingungen für eine kons­ tante und ökologische Stromversorgung schaffen. Eines dieser geförderten Projekte ist das 2018 ausgezeichnete Vorhaben des Vereins YOOW e.V. Im Rahmen dieses Projekts realisierte der Verein zusammen mit der Partnerorganisation Chiuno­ CBO das Chiuno Cultural Center in der malawi­ schen Gemeinde Chiuno Village. Dieses wird über eine örtliche Solaranlage mit dazugehörigen Solarspeichern betrieben. Außerdem sollen auch einzelne Haushalte der Gemeinde mit kleinen Modulen für Lichtstrom ausgestattet werden, um den Kindern auch zu Hause eine Lernmöglichkeit zu bieten. Die Stadtwerke Konstanz tragen somit nicht nur zu Ziel 7 Bezahlbare und saubere Ener­ gie und 13 Maßnahmen zum Klimaschutz bei, sondern explizit auch zu Ziel 17 Umsetzungsmit­ tel stärken und die Globale Partnerschaft für nachhaltige Entwicklung mit neuem Leben erfül­ len. Darüber hinaus stellte in 2019 Konstanz einen Integrationsbeauftragten für den Schwer­ punkt Gefüchtete ein. Ein neues Integrationskon­ zept „Internationale Stadt Konstanz“ ist in Planung. 6. LOKALE BEITRÄGE ZUR AGENDA 2030 IN DER BODENSEEREGION Klassische Nachhaltigkeitsaktivitäten fnden in Konstanz in vielen verschiedenen Bereichen statt. Insbesondere dem Klimaschutz widmet die Stadt seit Jahren besondere Aufmerksamkeit. Bereits 1992 trat sie dem Klimabündnis bei, in dem sich Städte verpfichten, ihre Emissionen zu mindern. Zudem schloss sie sich im Rahmen eines Interreg­ Projektes den Zielen der 2.000­Watt­Gesellschaft an und startete gemeinsam mit weiteren Boden­ seekommunen 2.000­Watt­Kampagnen. Im Rah­ men der nationalen Klimaschutzinitiative erarbei­ tete das Konstanzer Amt für Stadtplanung und Umwelt 2016 ein Integriertes Klimaschutzkonzept (IKSK). Weiterhin nimmt Konstanz bereits seit 2008 am European Energy Award (eea) teil und trägt mit Aktivitäten zum Nachhaltigkeitsziel 7 Bezahlbare und saubere Energie bei. Außerdem verabschiedete die Stadt im Herbst 2018 ihren Energienutzungsplan (ENP), dessen Umsetzung zu den globalen Nachhaltigkeitszielen 7 Bezahl­ bare und saubere Energie als auch 13 Maßnah­ men zum Klimaschutz beiträgt. Das 2010 erstellte Stadtentwicklungsprogramm Zukunft Konstanz 2020 (STEP) kommt dem Ziel 11 Nachhaltige Städte und Gemeinden zu Gute. Unter Beteiligung der Konstanzerinnen und Kons­ tanzer entstanden Leitlinien für die Bereiche des städtischen Lebens. Zudem veröffentlichte die Stadtverwaltung 2020 das Handlungsprogramm Wohnen sowie einen Masterplan Mobilität 2020+. Ersteres enthält Maßnahmen für eine ausgewo­ gene Wohnungsentwicklung, letzteres Ziele und Maßnahmen für die zukünftige verkehrliche Ent­ wicklung der Stadt. Konstanz ist außerdem Teil des Nachhaltigkeitsprojektes Zukunftsstadt mit dem Modellquartier Christiania­Wiesen. Im Rah­ men von „Wir im Quartier – gemeinsam für mehr Klimaschutz in Konstanz“ veranstaltet die Stadt Workshops, in denen Bürgerinnen und Bür­ ger sowie Expertinnen und Experten über Nach­ haltigkeit in den Bereichen Ernährung, Konsum, Mobilität, Energieverbrauch und Abfall diskutieren konnten. Zudem ist die Stadtverwaltung dabei, ihre Kapazi­ täten im Bereich Integration auszuweiten, womit sie zum Nachhaltigkeitsziel 10 Weniger Ungleich­ heiten beiträgt. Im Mai rief der Oberbürgermeister im Mai 2019 für Konstanz als erste deutsche Stadt den Klima­ notstand aus. Mehr als 60 Städte sind seither gefolgt. Der Notstand verpfichtet Gemeinderat und Verwaltung dazu, die Auswirkungen auf den Klimaschutz zukünftig bei allen Entscheidungen zu berücksichtigen. Seither berichtet die Stadtver­ waltung der Öffentlichkeit halbjährlich über den Das Stadtwandel-Mobil wird als mobiles Begegnungszentrum künftig Raum für Klimaschutzaktionen und städtische Meetings bieten. Es wurde mit den Aktionstagen Stadtwandel am 03./04. Juli 2021 geöfnet © Stadt Konstanz 27 6. LOKALE BEITRÄGE ZUR AGENDA 2030 IN DER BODENSEEREGION 28 Stand zur Umsetzung entsprechender Maßnah­ men. Bürgerschaftliches Engagement im Klima­ schutz fördert die Stadt mit dem Klima­Budget oder Aktionen, wie Klimabäume für Konstanz. Mit der intensiven Arbeit an der Umsetzung von Klimaschutzmaßnahmen unterstützt Konstanz das globale Nachhaltigkeitsziel 13 Maßnahmen zum Klimaschutz. Weitere Informationen zu Konstanz  https://www konstanz de/leben+in+konstanz/ umwelt Auch der Landkreis Konstanz übernimmt durch seine Aktivitäten in der kommunalen Entwick­ lungspolitik globale Verantwortung für eine zukunftsfähige Entwicklung der Menschen und des Planeten. Durch die Förderung der fairen und nachhaltigen Beschaffung bezieht der Landkreis explizit Nachhaltigkeitskriterien beim Bezug kom­ munaler Produkte ein, um so zukunftsfähige Wirtschaftsstrukturen zu unterstützen. Zur geziel­ ten Verankerung dieser Beschaffungspraktiken wurde 2018 in Zusammenarbeit mit dem Land­ kreis Lindau, dem Ökobeschaffungsservice Vor­ arlberg sowie den Schweizer Kantonen St. Gallen und Thurgau die erste Bodenseetagung zum Thema nachhaltige Beschaffung durchgeführt. Um dieses Engagement zu stärken und zu institu­ tionalisieren, möchte sich der Landkreis um den Titel Fairtrade­Landkreis bewerben. Durch diese Maßnahmen trägt der Landkreis Konstanz zu einem nachhaltigeren Konsum und Produktions­ muster durch Partnerschaften im Sinne der Ziele 12 Nachhaltige/r Konsum und Produktion und 17 Globale Partnerschaft bei. Die „Internationale Konstanzer Nachhaltigkeitskonferenz“ Seit 2016 fndet alle zwei Jahre die Internationale Nachhaltigkeitskonferenz statt, als Angebot der SKEW im Rahmen von Global Nachhaltige Kom­ mune. In Vorträgen und Diskussionen themati­ siert die Veranstaltungsreihe Erfolge und Heraus­ forderungen in der Umsetzung der Agenda 2030. Die globalen Herausforderungen als auch die lokale Umsetzung in der Bodenseeregion und ihre Verbindung zueinander sind zentrale The­ men im Programm. Hauptanliegen der Konfe­ renzreihe ist weiterhin, Akteurinnen und Akteure des Vierländerecks für einen kontinuierlichen Erfahrungsaustausch zusammenzubringen. Mit dem Titel „Grenzenlos nachhaltig – Europäi­ sche Kommunen im Vergleich“ waren die globalen Nachhaltigkeitsziele Thema der Internationalen Konferenz in 2015, zu der die Stadt Konstanz und die Servicestelle Kommunen in der Einen Welt in Kooperation mit der Organisation Translake ein­ geladen hatten. Neben Repräsentantinnen und Repräsentanten der Landes­ und Staatsebene sowie aus Wirtschaft und Wissenschaft nahmen rund 120 Kommunalvertreterinnen und ­vertreter aus Deutschland, der Schweiz und Österreich teil. Zum wiederholten Mal lud die SKEW in Koopera­ tion mit der Stadt Konstanz zu einer Internatio­ nalen Nachhaltigkeitskonferenz mit dem Titel „KOMMUNEN GESTALTEN MIT – Stand der Umsetzung der Agenda 2030 auf kommunaler Ebene“ über den Stand der Umsetzung der Agenda 2030 auf lokaler Ebene vom 17. bis 18. Mai 2018 nach Konstanz ins Bodenseeforum ein. Ein Methodenmix aus Fachvorträgen, spannende Ple­ numsdiskussionen, Interviews sowie Gruppenar­ beit brachten die über 80 Teilnehmenden wieder ein Stück nach vorne in ihren Bemühungen der Verwirklichung der SDGs vor Ort. „Wir haben es uns mit der Nachhaltigkeitskonferenz zum Ziel gesetzt, über den Tellerrand hinauszublicken. Wir wollen Themen aufgreifen, die für die Zukunft aller Städte, Gemeinden und Landkreise von besonderer Bedeutung sind“, betonte Dr. Stefan Wilhelmy, Leiter der Servicestelle Kommunen in der Einen Welt, bei seiner Eröffnungsrede. Bei­ spiele von Kommunen aus Österreich, Schweiz, Ghana, Bosnien, Bayern und Baden­Württemberg zeigten wie die Umsetzung der Agenda 2030 funktionieren kann. Die Teilnahme internationaler 6. LOKALE BEITRÄGE ZUR AGENDA 2030 IN DER BODENSEEREGION Vertreterinnen und ­vertreter wie die Bürgermeis­ terin der ghanaischen Hauptstadt Accra, Jennifer Dede Afagbedzi, ermöglichte immer wieder den Austausch wichtiger Erkenntnisse. Beim Besuch der Insel Mainau konnte eine gelebte Nachhaltig­ keitspraxis vor Ort veranschaulicht werden. Im Jahr 2020 fand die Konferenz bereits zum dritten Mal statt. Während sich 2018 noch rund 120 Kommunalvertreterinnen und ­vertreter überwiegend aus der Schweiz, Österreich und Deutschland trafen, nahmen 2020 insgesamt rund 285 Personen teil. Bedingt durch die Corona­ Pandemie waren davon lediglich 30 Teilnehmende vor Ort, jedoch verfolgten 255 Teilnehmende die Konferenz im Livestream. Auf dieser Konferenz im Jahr 2020 thematisiert Dr. Dorothea Schostok, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Wuppertal Institut, in einem Vortrag die Frage, wie sich die Corona­Krise auf die globalen Nachhaltigkeitsziele auswirke. Akteurinnen und Akteure diskutierten in Gruppen die Themen Gemeinwohlökonomie, kommunales Nachhaltigkeitsmanagement und Umsetzung der Agenda 2030 in der Bodenseere­ gion. Prof. Peter Droege, Direktor des Liechten­ stein Institute for Sustainable Development, stellte erste Ergebnisse der Studie „Kommunale Beiträge zur Umsetzung der Agenda 2030 in der Bodenseeregion“ vor. Teilnehmende der Konstanzer Nachhaltigkeitskonferenz © SKEW Uli Burchardt, Oberbürgermeister der Stadt Kons­ tanz, nutzte das Forum und kündigte ein Vorha­ ben an, das Kommunen bei der Umsetzung des Ziels 13 Maßnahmen zum Klimaschutz voran­ bringt: Mit dem Konstanzer Klimaausgleichsfonds soll ein Fonds geschaffen werden, durch den die Konstanzer Bürgerinnen und Bürger klimaschäd­ liches Verhalten durch eine fnanzielle Abgabe kompensieren können. Das Geld soll in die Finan­ zierung von Klimaschutzprojekten fießen. In Diskussionsrunden mit Vertretenden des Landes Lichtenstein, der Bodensee­Stiftung und der Schweizer Stadt Winterthur wurde deutlich, dass Herausforderungen nicht vor Landesgrenzen Halt machen. So seien beim Thema Pendelverkehr in Grenzregionen dringend gemeinsame Konzepte nötig. Zugleich haben Grenzregionen, wie die in der Bodenseeregion liegende, hohes Potenzial für neue Impulse und Innovationen. In den Arbeitsgruppen, aber auch auf der Veran­ staltung insgesamt, kam deutlich heraus: Kom­ munen, besonders auch in der Bodenseeregion, benötigen mehr interkommunale Zusammenar­ beit, um die Umsetzung der Agenda 2030 voran­ zutreiben. Um dies möglich zu machen, kam die Idee eines jährlichen Arbeitstreffens von Kommu­ nalvertretenden in der Bodenseeregion auf. Die SKEW unterstützt die Beteiligten bei diesem Vor­ haben. 29 6. LOKALE BEITRÄGE ZUR AGENDA 2030 IN DER BODENSEEREGION Angebote der SKEW 30 Um Kommunen bei der Umsetzung der Agenda 2030 national wie international bestmöglich zu unterstützen, bietet die SKEW Fachveranstaltungen und ­konferenzen an. Hier haben die teilneh­ menden Kommunen Gelegenheit, sich untereinander auszutauschen. In einem Dialogprozess mit Kommunalverwaltung und ­politik sowie anderen relevanten Akteurinnen und Akteuren wie Wirt­ schaft, Zivilgesellschaft und Wissenschaft werden Vorschläge und Erfahrungen geteilt und in den weiteren Nachhaltigkeitsprozessen berücksichtigt. Die Konstanzer Nachhaltigkeitskonferenz ist eine dieser Dialogplattformen.  Global Nachhaltige Kommune – Förderung des interkommunalen Fachaustausches zur Lokalisierung der Agenda 2030 durch Dialogplattformen, Vernetzung, Konferenzen, Tagungen https://skew engagement-global de/agenda-2030-fachveranstaltungen html  SDG-Partnerschaftskonferenzen mit Partnerkommunen aus aller Welt – Stärkung einer partnerschaftlichen Umsetzung der SDGs https://skew engagement-global de/sdg-partnerschaftskonferenz html  Runde Tische und Regionalkonferenzen – Veranstaltungsreihen, um den Dialog und Erfahrungsaustausch zwischen Kommunen mit Partnerschaften in bestimmten Ländern und Regionen des Globalen Südens anzuregen und zu fördern https://skew engagement-global de/runde-tische-und-regionalkonferenzen html 6. LOKALE BEITRÄGE ZUR AGENDA 2030 IN DER BODENSEEREGION 31 6.3 Friedrichshafen – Nachhaltigkeit als Gemeinschaftsaufgabe Die am Nordufer des Bodensees liegende baden­ württembergische Mittelstadt mit 62.000 Einwoh­ nerinnen und Einwohnern beschäftigt sich seit vielen Jahren mit unterschiedlichen Nachhaltig­ keitsthemen. Ihre Strategie beruht auf einem langjährigen Agenda­21­Prozess, einem thema­ tisch fokussierten Nachhaltigkeitsmanagement und einem integrierten Stadtentwicklungskon­ zept. Seit 2003 veröffentlicht Friedrichshafen kontinuierlich einen Umwelt­ und Nachhaltigkeits­ bericht, basierend auf den Indikatoren für die Lokale Agenda 21 und der Landesanstalt für Luftbild von Friedrichshafen © Michael Häfner Umwelt. Mit diesen Aktivitäten trägt Friedrichshafen zum Ziel 11 Nachhaltige Städte und Gemeinden bei. Die vier Säulen der nachhaltigen Kommunal­ entwicklung in Friedrichshafen sind Umwelt und Natur, Wirtschaft und Arbeit, Gesellschaft und Soziales sowie Bürgerbeteiligung und Demokratie. Insgesamt 44 Indikatoren innerhalb der vier Be­ reiche tragen zur Erfolgskontrolle bei. Eine Nach­ haltigkeitsüberprüfung fndet ebenfalls statt. Dieser so genannte N!­Check beruht auf einer Muster­ vorlage, die die Stadt Friedrichshafen gemeinsam mit mehreren Städten in Baden­Württemberg 6. LOKALE BEITRÄGE ZUR AGENDA 2030 IN DER BODENSEEREGION 32 erarbeitet hat. Anhand von Leitfragen wird geprüft, inwiefern einzelne Maßnahmen beste­ hender Konzepte hemmende oder fördernde Aus­ wirkungen für die unterschiedlichen Nachhaltig­ keitsbereiche haben. Der N!­Check kann auf der Seite der LUBW heruntergeladen werden und steht allen Kommunen als kostenloses Arbeitspa­ pier zur Verfügung. Auch im Bereich Energie geht die Stadt vorbild­ haft voran. Friedrichshafen ist seit 2012 zweimal mit dem European Energy Award in Gold ausge­ zeichnet worden. Mit dieser höchsten Auszeich­ nung im Bereich Energie trägt Friedrichshafen zum Ziel 7 Bezahlbare und saubere Energie bei. Im November 2020 beschloss der Gemeinderat als jüngste Aktivität einstimmig ein Klimaanpas­ sungs­ sowie Energie­ und Klimaschutzkonzept und damit einhergehend drei neue Stellen für den Klimaschutz. Den Handlungsrahmen dafür bietet die Agenda 2030. Friedrichshafen und die Agenda 2030 Nachhaltigkeit ist schon seit langem in der Fried­ richshafener Politik, Verwaltung und Bürgerschaft Thema. Die explizite Auseinandersetzung mit der Agenda 2030 auf kommunaler Ebene hat jedoch erst seit kurzem an Bedeutung gewonnen. 2019 gab die Initiative der Gemeinwohlökonomie Bodensee den entscheidenden Anstoß, diese The­ matik weiter voranzubringen. Engagement Global und lokalpolitische Vertreterinnen und Vertreter unterstützen hierbei. Die Vorteile der Agenda 2030 sieht die Stadt in der Transparenz durch einfache, vergleichbare Berichterstattung, einer Stärkung der Region und einer besseren Kommu­ nikation nach außen. Insbesondere mit der Agenda 21, dem European Energy Award, dem Konzept der Fairtrade­Stadt und den Feldern des Nachhaltigkeitsmanagements fnden sich viele Verbindungen zu den globalen Nachhaltigkeitszie­ len. Die am stärksten treibenden Kräfte, um die globalen Nachhaltigkeitsziele zu erreichen, sind die Stadtverwaltung, insbesondere das Amt für Stadtplanung und Umwelt, Vereine, Bürgerinnen und Bürger, Gemeinderäte sowie Bundes­, Lan­ des­ und regionale Initiativen. Die große Heraus­ forderung bezogen auf die Agenda 2030 besteht in der Verwaltung der Stadt Friedrichshafen ins­ besondere darin, dass die globalen Nachhaltig­ keitsziele recht abstrakt sind. Sie bedürften eines großen Sets an Indikatoren, um fassbarer gemacht zu werden. Oberbürgermeister Andreas Brand (dritter von links) im Kreis von Mitgliedern des Stadtrats und Akteurinnen und Akteuren der EineWelt-Arbeit in Friedrichshafen anlässlich der Erstzertifzierungsfeier als Fairtrade Town (September 2016) © Stadt Friedrichshafen 6. LOKALE BEITRÄGE ZUR AGENDA 2030 IN DER BODENSEEREGION Globale Verantwortung Friedrichshafen wird seiner globalen Verantwor­ tung durch entwicklungspolitisches Engagement, faire Beschaffung und fairen Handel sowie Aktivi­ täten im Bereich Migration und Entwicklung gerecht. Städtepartnerschaften bestehen unter anderem mit Sarajevo in Bosnien und Herzego­ wina sowie Polozk in Weißrussland. In Friedrichs­ hafen fndet ein breit angelegter Integrationspro­ zess für Gefüchtete und Migrantinnen und Mig­ ranten statt. Die Abteilung Integration der Stadt­ verwaltung ist Ansprechpartnerin für Zugewan­ derte und Gefüchtete, Institutionen, Ämter, Ver­ eine, Verbände und Initiativen zu allen Fragen im Bereich Migration und Integration. Für diese Auf­ gabe richtete die Stadtverwaltung zwei Stellen ein. Die Integrationsbeauftragte und der Flücht­ lingsbeauftragte unterstützen Migrantenvereine und die Integration gefüchteter Menschen, bera­ ten Institutionen und stärken das bürgerschaftli­ che Engagement in der Flüchtlingsarbeit. Zusam­ men mit dem Verein Eine Welt Friedrichshafen e. V. stellt die Stadt mit dem Globalen Klassenzim­ mer ein kostenloses Bildungsprojekt für die Fried­ richshafener Schulen zur Verfügung. aber weitere verwaltungsübergreifende Kriterien und Maßnahmen. Bei der SKEW fnden enga­ gierte Mitarbeitende unter anderem durch Schu­ lungen eine Hilfestellung. Ausblick Die Stadt Friedrichshafen möchte sich zukünftig verstärkt mit der Agenda 2030 auseinanderset­ zen. Dazu schrieb sie zusammen mit dem Verein zur Förderung der Gemeinwohlökonomie eine Bachelorarbeit an ausgewählten Hochschulen der Region aus. Die Arbeit soll am Beispiel der Stadt Friedrichshafen untersuchen, wie eine Integration der globalen Nachhaltigkeitsziele in die Nachhal­ tigkeitsberichterstattung von Kommunen ausse­ hen kann. Hierzu soll die bereits vorhandene Berichterstattung der Stadt Friedrichshafen in Bezug auf die globalen Nachhaltigkeitsziele ausge­ wertet werden. Verschiedene Berichtsformate sol­ len auf ihre Eignung für Kommunen geprüft, eine Auswahl für die Stadt getroffen werden und im Anschluss daran eine aktualisierte Darstellung auf dem SDG­Portal der Bertelsmann Stiftung erfolgen. Bei der konkreten Umsetzung dieses Projektes erhält Friedrichshafen Unterstützung durch Global Nachhaltige Kommune der SKEW. Fair Trade und Nachhaltige Beschafung Seit 2015 ist Friedrichhafen offziell Fairtrade­ Stadt. Aktivitäten im Bereich des fairen Handels gehen jedoch deutlich weiter zurück. Bereits 1999 führten der Verein Eine Welt Friedrichshafen e. V. und der dwp eG dritte­welt­partner Ravensburg mit dem Café Friederico den ersten Agenda­Kaf­ fee in Weltläden Baden­Württembergs ein. Der Arbeitskreis der Eine­Welt­Initiative im Rahmen der Lokalen Agenda 21 Friedrichshafen besteht seit 2003. Der Verein Eine Welt Friedrichshafen e. V. betreibt unter anderem den Weltladen und engagiert sich regelmäßig in der fairen Woche. Der Verein ist selbstständig, die Stadt Friedrichs­ hafen unterstützt ihn jedoch bei Projekten fnan­ ziell und stellt eine Kontaktperson in der Verwal­ tung zur Verfügung, die auch bei Knüpfen von Netzwerken hilft. Seit 1999 schenkt die Stadt Friedrichshafen bei der Bewirtung den Agenda­Kaffee aus fairem Handel aus. Der Ratsbeschluss gegen Produkte aus ausbeuterischer Kinderarbeit besteht seit 2008. Weitere Anstrengungen für eine nachhal­ tige Beschaffung wurden seitdem zwar unter­ nommen, die dezentrale Beschaffung erschwert Praxisbeispiel: Nachhaltigkeit als Gemeinschaftsaufgabe – Zusammen geht’s besser als allein Eine nachhaltige Stadtentwicklung braucht vielfäl­ tige Ansätze. Die Stelle des Umwelt­ und Nachhal­ tigkeitsbeauftragten ist in Friedrichshafen im Amt für Stadtplanung und Umwelt angesiedelt. Hier ist man sich jedoch dessen bewusst, dass Nachhal­ tigkeit ein Thema ist, bei dem man nur zusam­ men erfolgreich sein kann – sei es in der regiona­ len Zusammenarbeit mit anderen Kommunen, mit Vereinen und nicht zuletzt mit den Bürgerin­ nen und Bürgern der Stadt. Bürgerinnen und Bürgern werden über verschie­ dene Wege eingebunden. Eine innovative Form der Bürgerbeteiligung bietet die Online­Plattform sag´s doch. Auf dieser lädt die Stadt Friedrichsha­ fen zur aktiven Partizipation ein, um gemeinsam realistische Lösungen zu kommunalpolitischen Themen zu entwickeln. Bürgerinnen und Bürger können Anregungen und Hinweise für den öffent­ lichen Raum online eintragen. Diese werden an das jeweilige Fachamt weitergeleitet. Unter dem Punkt mach mit! hat die Stadtbevölkerung die 33 6. LOKALE BEITRÄGE ZUR AGENDA 2030 IN DER BODENSEEREGION 34 Möglichkeit, Projekte zu diskutieren, mitzugestal­ ten und zu bewerten. Mit diesen beiden Plattfor­ men gibt die Stadt Friedrichshafen allen Bürgerin­ nen und Bürgern die Möglichkeit, sich orts­ und zeitunabhängig zu beteiligen. Das Modell ist so erfolgreich, dass weitere Kommunen in der Bodenseeregion die Idee mittlerweile übernom­ men haben. Die Zusammenarbeit mit der Bevölkerung zeigt sich aber auch in der Kooperation mit Vereinen, wie der Gemeinwohlökonomie Bodensee, den Arbeitskreisen der lokalen Agenda oder ehren­ amtlich tätigen Personen. Vor allem mit dem Ver­ ein Eine Welt Friedrichshafen e. V. besteht seit langem eine gute Zusammenarbeit. Ein beson­ ders erfolgreiches Beispiel ist das Bildungspro­ gramm Globales Klassenzimmer. Das Projekt ver­ mittelt seit 2007 Schülerinnen und Schülern die Zusammenhänge zwischen wirtschaftlichen, sozi­ alen und ökologischen Entwicklungen in der glo­ balisierten Welt. Das Projekt trägt damit einer­ seits zur Bewusstseinsbildung bei, andererseits zeigt es den Schülerinnen und Schülern konkrete Handlungsmöglichkeiten für globale Gerechtig­ keit, Klimaschutz und fairen Konsum auf. Die Themenbereiche der einzelnen Unterrichtsmo­ dule reichen von Umwelt­ und Klimaschutz bis hin zu nachhaltigem Wirtschaften, nachhaltigem Konsum, fairem Handel, Menschen­ und Kinder­ rechten und indigenen Völkern. Nicht nur Schulen können von dem Angebot proftieren, es richtet sich auch an Bildungseinrichtungen, Vereine, Jugendgruppen und Kirchen. Der Verein Eine Welt Friedrichshafen organisiert das Projekt, die Stadt Friedrichshafen unterstützt fnanziell. So kann das Projekt gratis für alle Bildungseinrich­ tungen in Friedrichshafen zur Verfügung gestellt werden. In den Schulen selber wird das Projekt von außerschulischen Referentinnen und Referen­ ten aus verschiedenen Initiativen und Vereinen aus Friedrichshafen und Umgebung durchgeführt. Die ausgewählten Themen werden mit einer ziel­ gruppengerechten Ansprache in ein­ bis zweistün­ digen Modulen insbesondere an die Klassen drei bis 11 vermittelt. Die Nachhaltigkeitsbemühungen Friedrichshafens gehen auch über die Stadtgrenzen hinaus. In der Region wird auf unterschiedlichen Ebenen zusammengearbeitet. Eine besonders gute Ver­ bindung besteht zur Stadt Ravensburg. Den Grundstein legte die Teilnahme am Bundeswett­ bewerb Regionen der Zukunft. Der Kooperations­ raum Bodensee­Oberschwaben erarbeitete von 1998 bis 2000 ein Programm für die Umsetzung regionaler Agenden für eine nachhaltige Raum und Siedlungsentwicklung. Der Fokus lag insbe­ sondere auf dem Verdichtungsraum Friedrichsha­ fen/ Ravensburg. Die Erarbeitung und erste Umsetzungen waren so erfolgreich, dass sie auf der Weltkonferenz URBAN21 mit einem der ers­ ten Preise ausgezeichnet wurden. Diese Zusam­ menarbeit hatte durch einen Entscheid der Bür­ germeister und Gemeinderäte einen offziellen politischen Rahmen. Daran schloss sich eine lange Phase der Zusammenarbeit auf fachlicher Ebene der Verwaltung an, unter anderem in Zusammenarbeit mit den lokalen Agenden. Das Handeln auf Fachebene ist vor allem in dem Bewusstsein möglich, dass gesellschaftliche und politische Erwartungshaltung vorhanden ist. So ist auch Ravensburg mit dem European Energy Award Gold zertifziert und hat gleichwertige Nachhaltigkeitsindikatoren wie Friedrichshafen etabliert. Zudem war Friedrichshafen unter ande­ rem beim entwicklungspolitischen Dialog der Landesregierung Baden­Württembergs vertreten, die 2019 in Ravensburg stattfand. Auf der Konfe­ renz wurden Aktivitäten aus Friedrichshafen, wie das Globale Klassenzimmer und die Nachhaltig­ keitsberichterstattung, vorgestellt. 6. LOKALE BEITRÄGE ZUR AGENDA 2030 IN DER BODENSEEREGION Angebot der SKEW: Global Nachhaltige Kommune Kommunale Nachhaltigkeitsstrategien und ­berichte sind sehr nützliche Instrumente, um Maßnah­ men verschiedener Fachbereiche sowie den aktuellen Entwicklungsstand einer Kommune zu steu­ ern und nachzuhalten. Mit Global Nachhaltige Kommune unterstützt die SKEW Kommunen bei der Erarbeitung eines Leitbilds für die nachhaltige und zukunftsfähige Entwicklung im Einklang mit der Agenda 2030 und den 17 Nachhaltigkeitszielen.  https://skew engagement-global de/kommunale-nachhaltigkeitsstrategien html In Zukunft soll die Zusammenarbeit mit der SKEW noch weiter vertieft und institutionalisiert werden. Eine Möglichkeit dafür bietet das Projekt des Landesansatzes Global Nachhaltige Kom­ mune in Baden­Württemberg, das Anfang 2021 an den Start geht. Die Stadt Friedrichshafen und Ravensburg möchten sich gemeinsam darauf bewerben, um eine Nachhaltigkeitsstrategie zu entwickeln. Zusammen mit lokalen Nachhaltig­ keitsinitiativen insbesondere der regionalen Gemeinwohlökonomie und Eine Welt Initiativen und Umweltverbänden soll die Agenda 2030 dann verstärkt auf kommunaler Ebene umgesetzt werden. Weitere Informationen zu Friedrichshafen  https://www friedrichshafen de/buerger-stadt/ planen-bauen-umwelt/umwelt-klimaschutz/ nachhaltigkeit/ Linktipp Online Plattform sag´s doch  www friedrichshafen sags-doch de Das Globale Klassenzimmer des Vereins Eine Welt Friedrichshafen e.V. © Verein Eine Welt Friedrichshafen e.V. 35 6. LOKALE BEITRÄGE ZUR AGENDA 2030 IN DER BODENSEEREGION 36 6.4 Kempten – Die Fairtrade-Stadt Als eine der ältesten schriftlich genannten Städte Deutschlands macht sich das bayerische Kemp­ ten im Allgäu für eine nachhaltige Zukunft stark. In Sachen Nachhaltigkeit geht Kempten seit vie­ len Jahren mit gutem Beispiel voran: Vor über einem Jahrzehnt beschloss der Stadtrat strategi­ sche Ziele und entwickelte diese kontinuierlich weiter. Mit fünf Zielen hat die Stadt die politi­ schen Leitlinien vorgegeben, um die globale Agenda 2030 auf kommunaler Ebene umzuset­ zen: Wirtschaftsstandort stärken, Stärkung der Finanzkraft, das Zusammenleben aktiv gestalten, Kultur und Tourismus fördern sowie Klima, Umwelt und Mobilität nachhaltig planen und handeln. Das Engagement fand bereits 2012 Beachtung: Kempten kam beim Deutschen Nachhaltigkeits­ preis 2013 in der in der Kategorie Governance und Verwaltung in die Top 3. Getreu der Leitlinie „Die Stadt Kempten ist Vor­ zeigestadt im Klimaschutz“ hat sich Kempten weitere ehrgeizige Ziele gesetzt und nimmt ihre Verantwortung bei den Nachhaltigkeitszielen 11 Nachhaltige Städte und Gemeinden und 13 Maß­ nahmen zum Klimaschutz wahr. Ein städtisches Klimaschutzmanagement koordiniert und verant­ wortet die Umsetzung der Ziele. Unterstützung bekommt Kempten dabei unter anderem vom Energie­ und Umweltzentrum Allgäu (eza!). In vielen der Maßnahmen und Aktivitäten, mit denen die Stadt ihre strategischen Ziele umsetzt, sind Bürgerinnen und Bürger unmittelbar einge­ bunden. Nicht ohne Grund lautet eines der fünf Ziele „Zusammenleben aktiv gestalten“. So ist beispielsweise das Moko 2030 – Mobilitätskonzept für Kempten unter intensiver Bürgerbeteiligung entstanden. Zudem ist Kempten Bayerische Bildungsregion und engagiert sich im Projekt „Zukunft bringt’s“ für eine zukunftsorientierte und chancenreiche Bildung und Erziehung. Aktuell steuert die Abtei­ lung für kommunale Integrationsarbeit den Pro­ zess zur Erarbeitung des ersten kommunalen Integrationskonzeptes der Stadt Kempten. Dieses Engagement zeigt, wie beispielsweise das Nach­ haltigkeitsziel 10 Weniger Ungleichheiten in einer Kommune in Deutschland umgesetzt werden kann. Im Engagement zur nachhaltigen Wasserversor­ gung fndet das Nachhaltigkeitsziel 6 Sauberes Wasser und Sanitäreinrichtungen unmittelbar Anwendung: Als eine der jüngsten Aktivitäten entwickelt die Stadt ihr bisheriges Engagement im Bereich nachhaltige Wasserversorgung weiter. Im Herbst 2019 trat Kempten der Blue Commu­ nity Initiative bei. Die Mitgliedskommunen erken­ nen Wasser als öffentliches Gut an, das nachhal­ tig genutzt wird. Damit möchten sie sich vor allem dafür einsetzen, dass die Wasserversor­ gung auch zukünftig in öffentlicher Hand bleibt. Insbesondere die Pfege von Partnerschaften mit internationalen Partnern zur weiteren Verbrei­ tung der genannten Ziele schließt den Kreis zur globalen nachhaltigen Entwicklung: Der Zweck­ verband Fernwasserversorgung Oberes Allgäu (FWOA) engagiert sich seit 15 Jahren im Verein Wasser für Senegal. 6. LOKALE BEITRÄGE ZUR AGENDA 2030 IN DER BODENSEEREGION Übergabe des Blue Community Zertifkats von Christa Hecht, Koordinatorin Blue Community Deutschland, an Oberbürgermeister Thomas Kiechle für die Stadt Kempten © Kempten Seiner globalen Verantwortung wird Kempten unter anderem auch durch die Förderung des Vereins Haus International e. V. gerecht. Der Verein ist unabhängig, wird aber von der Stadt bezuschusst. Bereits 1983 eröffnete der Verein das Haus International. Während seines über 30jährigen Bestehens hat es sich kontinuierlich weiterentwickelt. 2012 erhielt der Verein den schwäbischen Integrationspreis für vorbildliches Engagement zur Förderung der Integration von Migrantinnen und Migranten. Damit trägt er ins­ besondere zum Ziel 4 Chancengerechte und hochwertige Bildung sowie 10 Weniger Ungleich­ heiten bei. Die vielschichtige Einbindung der Bürgerschaft Kemptens durch Information, konzeptionelle Mit­ gestaltung der Prozesse und direkte Partizipation trugen das Leitbild mit ihren Handlungsfeldern und spezifschen Maßnahmen in die Bevölkerung. Ein Berichtswesen und Monitoringsystem sichert die Dokumentation und Analyse der Maßnahmen und Ziele, so dass Transparenz gegeben ist und die Zielerreichung sichergestellt werden kann. Große Bedeutung misst die Stadt der Zusammen­ arbeit zwischen Verwaltung, Wirtschaft, Politik und Bürgerschaft sowie den fachübergreifenden Kooperationen innerhalb der Verwaltung zu. Zudem fördert sie intensiv die lokale Netzwerkar­ beit. Die strategische Modernisierung der Verwal­ tung, ausgerichtet an zukunftsweisenden Zielen einer ganzheitlichen Stadtpolitik, ist vorbildhaft. Auch im Kemptener Umland wird der Globalen Verantwortung Rechnung getragen, und das nicht allein auf Ebene der Kommunen. Durch den Ver­ kauf der Rallyefahrzeuge der Allgäu­Orient­Rallye konnte beispielsweise der Bau und Betrieb einer circa 100 Quadratmeter großen Dorf­Käserei mit Reifekeller und einer Pasteurisier­Anlage in Elra­ bia, ein durch ein Ansiedlungsprogramm entstan­ denes Dorf in Jordanien, realisiert werden. Zur Umsetzung des Projekts wurde der Käsermeister Bernd Baur aus Stiefenhofen­Rutzhofen beauf­ tragt. Durch den Betrieb sollen die einheimischen Senner 500 bis 1.000 Gramm schwere Laibe her­ stellen können. Im fast 60 Kilometer entfernten Buchloe machte sich bereits 2008 die damals 23­jährige Annemarie Kober zu einem freiwilligen sozialen Jahr nach Guatemala auf, um dort in einem Internat Eng­ lisch zu unterrichten sowie die Freizeitgestaltung der Schülerinnen und Schüler zu unterstützen. Auch den Wiederaufbau kleinerer Dörfer, welche durch den Hurrikan Stan 2005 stark beschädigt worden sind, unterstützte sie durch ihre Tätigkeit vor Ort. Realisiert werden konnte dieser Einsatz durch das Projekt Ratzum Kiche (Blume des Wal­ des) der christlichen Friedensorganisation Youth Action for Peace. Ein weiteres Beispiel des zivilgesellschaftlichen Engagements in Kempten stellt der 2002 als christliche Initiative unter dem Dach der Altka­ tholischen Gemeinde Kempten gegründete För­ derkreis Zukunft für Afrika dar. Die Aktivitäten des Förderkreises zielen darauf ab, die Verbesse­ rung der Schulbildung, besonders im Senegal und Tansania, zu unterstützen, um somit auch die Analphabetenrate des Landes zu senken. Dies alles dient dem übergeordneten Zweck der Armutsreduzierung und Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen vor Ort. Durch die Förderung der Schul­ und Berufsausbildung sollen neue Perspektiven, insbesondere für junge Menschen, geschaffen werden. Bis Ende 2019 konnten durch den Förderkreis knapp 500.000 Euro an Spenden gesammelt werden, die wiede­ rum zur Finanzierung unterschiedlicher Projekte im Senegal und Tansania genutzt werden konn­ ten. Unter anderem konnte so von 2011 bis 2018 der Bau von 13 Buschschulen im Bassari­Land, Senegal, ko­fnanziert wird. Auf Anfrage des Bür­ germeisters von Diattacounda, Senegal, wurde 37 6. LOKALE BEITRÄGE ZUR AGENDA 2030 IN DER BODENSEEREGION 38 außerdem 2020 mit dem Bau eines berufichen Ausbildungszentrums begonnen. Das Grundstück und die Einrichtung hierfür werden von der Gemeinde gestellt. Projektpartner vor Ort ist die senegalesische Organisation AVANCEE. Diese Beispiele verdeutlichen eindrucksvoll das bestehende Engagement in der Kemptener Zivil­ gesellschaft und darüber hinaus für eine gerechte, globale Gesellschaft und tragen somit in besonderem Maße zur Umsetzung der 17 Nach­ haltigkeitsziele bei. Praxisbeispiel: Fairtrade-Stadt Kempten 2015 erhielt die Stadt Kempten den Titel Fairtrade­ Stadt. Mit ihren fairen Beschaffungsrichtlinien für Kommunen und ihrem Engagement leistet die Stadt inzwischen einen wesentlichen Beitrag zum Nachhaltigkeitsziel 12 Nachhaltiger Konsum und Produktion. Maßgeblich dazu beigetragen hat der seit über 30 Jahren bestehende Weltladen. Neben fair gehandelten Produkten konzentriert sich der Verein vor allem auf Information und Kommuni­ kation. Doch wie kam es dazu? Bereits 2013 beschloss der Stadtrat Kempten, dass die Stadt nachhaltig wirtschaften und handeln und keine Produkte aus Kinderarbeit beschaffen soll. Bei der Vergabe von öffentlichen Aufträgen fordert die Stadt von Bietern Eigenerklärungen an, mit denen diese bestätigen müssen, dass ihre Produkte nicht aus Kinderarbeit stammen. Der große Anschub aber kam 2015: Inspiriert von der Fachtagung EINE­ WELT – Unsere Verantwortung in Kempten mit Bundesminister Dr. Gerd Müller (BMZ) wurde das Pilotprojekt Globales Lernen – Kempten lernt ins Leben gerufen. Fünf Schulen der Stadt beteiligten sich im Zeitraum von September 2015 bis Dezem­ ber 2016, wurden zum Thema globales Lernen fortgebildet und setzten zusammen mit ihren Schülerinnen und Schülern dazu eigene Projekte um. Diese reichten von selbstgestalteten Bilder­ büchern über Recycling­Mode bis zur Darstellung über „Die Reise der Jeans“. Sie wurden bei der Abschlussveranstaltung vor prominenter Runde vorgestellt, darunter erneut Bundesentwicklungs­ minister Dr. Gerd Müller, der Kemptener Ober­ bürgermeister, der Schulrat sowie Vertreterinnen und Vertreter aus der Bürgerschaft. Das Pilotpro­ jekt wurde außerdem bei der Zukunftskonferenz Unsere Welt 2030 – Aus der Zukunft lernen in München im Herbst 2016 präsentiert. Die Fachtagung EINEWELT – Unsere Verantwor­ tung gab also einen wichtigen Impuls dazu, dass die Stadt Kempten sich als Fairtrade­Stadt bewarb und diese Auszeichnung auch erhielt. Zudem setzt sich die Stadt Kempten über ihren unmittelbaren Einfussbereich hinaus dafür ein, dass das Bewusstsein für gerechte Produktions­ bedingungen sowie soziale und umweltscho­ nende Herstellungs­ und Handlungsstrukturen wächst. Eine Steuerungsgruppe aus Mitgliedern des Weltladens Kempten, engagierten Bürgerin­ nen und Bürgern sowie Vertreterinnen und Ver­ tretern der Stadtverwaltung hat ebenfalls maß­ geblich dazu beigetragen, dass Kempten Fairtrade­ Stadt geworden ist. Der Titel wiederum war der Anlass, sich stadtintern mit dem Thema faire kommunale Beschaffung intensiver zu beschäfti­ gen. Dazu wurden mit Unterstützung der SKEW mehrere Workshops mit Verwaltungsmitarbeiten­ den zum Thema faire Beschaffung organisiert. Ein zentrales Ergebnis war die Änderung der Ver­ gabeordnung der Stadt Kempten: Danach dürfen nur noch Produkte beschafft werden, die nicht aus Kinderarbeit stammen. Weitere Auffrischungs­ Workshops zur fairen Beschaffung sind in Vorbe­ reitung. Weitere Informationen zu Kempten  https://www kempten de/ Weltladen Schaufenster der Stadt Kempten © Kempten 6. LOKALE BEITRÄGE ZUR AGENDA 2030 IN DER BODENSEEREGION Angebot der ENGAGEMENT GLOBAL Das Projekt „Globales Lernen – Kempten / Oberallgäu lernt“ wurde von der Außenstelle Baden­Würt­ temberg / Bayern von Engagement Global durchgeführt, fnanziert aus dem Programm Entwick­ lungspolitische Bildung Deutschland (EBD) und in Kooperation mit der Stadt Kempten und dem Staatlichen Schulamt.  https://www engagement-global de/aktuelle-meldung/vermeidet-plastiktueten-in-kempten html Angebot der SKEW: Faires Beschafungswesen und Fairer Handel Fairer Handel ist wirkungsvolle Entwicklungszusammenarbeit und zugleich Förderung des Gemein­ wesens vor Ort. Unsere Angebote für Landkreise, Städte und Gemeinden:  Alle zwei Jahre zeichnet die SKEW mit dem Wettbewerb Hauptstadt des Fairen Handels Kommu­ nen für ihr lokales Engagement im fairen Handel und der fairen öffentlichen Beschaffung aus.  Das bundesweite Netzwerk zur Fairen Beschafung ist eine Initiative, die sich dafür einsetzt, soziale Standards bei der Vergabe von öffentlichen Aufträgen einzuhalten.  Der Kompass Nachhaltigkeit bündelt viele Informationen zur fairen und nachhaltigen öffentlichen Beschaffung und erleichtert die konkrete Umsetzung. Die Webplattform bietet Hilfestellungen und Praxisbeispiele für Kommunen und andere Beschaffungsstellen. Viele zusätzliche Angebote fnden Sie auf:  https://skew engagement-global de/fairer-handel-und-faire-beschafung html 39 6. LOKALE BEITRÄGE ZUR AGENDA 2030 IN DER BODENSEEREGION 40 6.5 Wildpoldsried – Der Marshallplan mit Afrika Die Gemeinde Wildpoldsried, mit 2.500 Einwoh­ nerinnen und Einwohnern eine der kleinsten selbstständigen Gemeinden im schwäbischen Landkreis Oberallgäu, verfolgt seit 1999 zusam­ men mit seinen Bürgerinnen und Bürgern ein nachhaltiges Konzept. Anlass war damals der Ausbau der erneuerbaren Energien, wofür die Gemeinde mittlerweile mehrfach ausgezeichnet worden ist. Für ihren Einsatz im Klimaschutz hat Wildpoldsried regionale, bayernweite, nationale und internationale Anerkennung erhalten: Den European Energy Award in Gold erhielt sie als europaweit punktbeste Kommune 2018 bereits zum zweiten Mal. Weit über die Gemeindegren­ zen hinaus ist Wildpoldsried als Energiedorf bekannt und trägt damit zum globalen Nachhal­ tigkeitsziel 7 Bezahlbare und Saubere Energie bei. Im Jahr 2017 wurde das Siebenfache des eigenen Strombedarfs der Gemeinde regenerativ erzeugt. Die Ziele des ersten Klimaschutzleitbildes für das Jahr 2020 wurden bereits 2013 erreicht. Das dar­ auffolgende Leitbild 100% Klimaschutz bis 2050 beschloss der Gemeinderat 2018 einstimmig. Zuletzt wurde das Engagement der Gemeinde durch die Jury des deutschen Nachhaltigkeitspreis geehrt: Wildpoldsried schafft es 2020 unter die drei nachhaltigsten Kleinstädte und Gemeinden in Deutschland. Blick auf das „Dorfboind“ mit Museum und Feuerwehrhaus im Hintergrund © Wildpoldsried 6. LOKALE BEITRÄGE ZUR AGENDA 2030 IN DER BODENSEEREGION Gemeinsam für mehr Klimaschutz Die Kommunalpolitik, Verwaltungsmitarbeitende und einzelne Schlüsselakteurinnen und ­akteure unterstützen die Gemeinde dabei, ihre Ziele zu erreichen. Besonders verankert ist die Einbindung der Bürgerinnen und Bürger, die die Ziele der Gemeinde in hohem Maße mittragen. Alle Wild­ poldsriederinnen und Wildpoldsrieder sind einge­ laden, Verantwortung zu übernehmen – sei es in Arbeitskreisen, Vereinen, sozialen Projekten oder im Energieteam. Gleichzeitig bietet die Gemeinde Kurse zur Energieeinsparung sowie Energiebera­ tungen für ihre Bürgerinnen und Bürger an. Das Miteinander wird in Wildpoldsried großgeschrie­ ben. In einer kleinen Gemeinde wären viele Pro­ jekte sonst nicht umsetzbar. Auf regionaler Ebene fndet die Zusammenarbeit mit dem Landkreis Oberallgäu sowie mit Gemeinden aus den angren­ zenden Alpenländern statt. Die Gemeinde unter­ stützt Schul­ und Kindergartenprojekte fnanziell. So fndet schon früh eine Bewusstseinsbildung statt. Wildpoldsried setzt verschiedene For­ schungsprojekte im Bereich Energie um. Lokale Unternehmen werden sowohl bei gemeinsamen Vorträgen, dem Besuch von Gruppen und dem Erstellen von Konzepten eingebunden. Zudem ist Wildpoldsried Mitglied beim Klimabündnis und bei Eurosolar. Die Wildpoldsrieder Bürgerstiftung fördert zahlreiche Projekte im Bereich Bildung, Kultur und soziale Teilhabe, unter anderem ver­ mittelt sie Spaziergänge mit Seniorinnen und Senioren. Ökologisches Bildungszentrum in Wildpoldsried © Wildpoldsried Die Gemeinde hat Beschaffungsrichtlinien erlas­ sen, die energieeffziente und nachhaltige Beschaffungen berücksichtigen. Beim Neu­ oder Umbau von Gebäuden in Gemeindebesitz wird als ökologischer Baustoff eine maximal mögliche Menge an Holz eingesetzt. 41 Mit Projekten zum Schutz der ober­ und unterirdi­ schen Wasservorkommen und der ökologischen Abwasserbeseitigung trägt die Gemeinde zum Ziel 6 Sauberes Wasser und sanitäre Einrichtungen bei. So verwirklichte die Gemeinde mit dem Leader+­Projekt Wildpoldsrieder Wasserland­ schaften im Moor „WiWaLaMoor“ im Jahr 2005 Hochwasserschutz, Regenwasserrückhaltung, Streuobstwiese, Ökologische Abwasserreinigung und einen Ökologischen Badeteich in Einem. Ein Themenweg durch die Biotoplandschaft infor­ miert Anwohnende und Besuchende über das Projekt und seine Auswirkungen. Damit unter­ stützt Wildpoldsried die Bildung für nachhaltige Entwicklung. Weitergabe von Wissen Viel Wert wird in Wildpoldsried auf die Weiter­ gabe von Wissen gelegt – sei es für die eigene Bevölkerung oder für Besucherinnen und Besu­ cher. Im Bereich der Energiebildung wird mit Pro­ jektpartnern wie der Energieagentur eza! und dem Bund Naturschutz Wissen schon an die Kin­ der vermittelt. Beispiele hierfür sind die Energie­ 6. LOKALE BEITRÄGE ZUR AGENDA 2030 IN DER BODENSEEREGION 42 woche im Kindegarten und der Energieführer­ schein, den alle Schülerinnen und Schüler von der ersten bis zur vierten Klasse absolvierten. Über 700 Gruppen besuchten Wildpoldsried bis­ her, um zu lernen, wie Klimaschutzprojekte erfolgreich umgesetzt werden können. Darunter auch viele internationale Besucherinnen und Besucher. 37 Multiplikatoren aus neun afrikani­ schen Ländern durften unter Anleitung erfahre­ ner Berufsschullehrerinnen und ­lehrer aus ganz Bayern je einen „Solarfunktionskoffer“ bauen. Unterstützt wurden die Kurse vom Bundesminis­ terium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung im Rahmen des sogenannten „Marshallplans mit Afrika“. Durch das von der Gemeinde betriebene Ökologische Schulungs­ zentrum können diese Aktivitäten hervorragend unterstützt werden. Hier fnden sich Schulungs­ räume und Übernachtungsmöglichkeiten für Besucherinnen und Besucher. Das CO2­neutrale Hotel steht aber auch Touristinnen und Touristen zur Verfügung. Mit seinem entwicklungspolitischen Engagement wird Wildpoldsried zudem seiner globalen Verantwortung gerecht. Ausblick Auch zukünftig möchte Wildpoldsried den Aus­ bau der erneuerbaren Energien und die Energie­ einsparung vorantreiben. Dafür sind interkom­ munale Windkraftanlagen in Planung, die als Bürgerwindkraftanlagen umgesetzt werden sol­ len. Zudem besteht der Wunsch, weitere private Photovoltaikanlagen und Wärmepumpen, die mit privatem Strom betrieben werden, umzusetzen. Insbesondere im Bereich Mobilität sind neue Maßnahmen und Ideen vorhanden: So sollen unter anderem zu allen Wohnbausiedlungen kurze Verbindungen für Fußgängerinnen und Fußgänger und Radfahrende geschaffen, gemein­ sam nutzbare öffentliche Orte (Shared Spaces) in allen Wohnbaugebieten eingerichtet, weiterhin das Radtraining mit Kindern und Jugendlichen unterstützt und ein Verkehrskonzept erarbeitet werden. Langfristig sollen bis 2050 aktuelle Visio­ nen umgesetzt werden. Dazu gehören die Sekto­ renkopplung von Wärme, Mobilität und Strom und die Block­Chain­Technologie. Letztere wird bereits in dem Forschungsprojekt pebbles erprobt. Praxisbeispiel: Marshallplan mit Afrika Seit 2018 fnden in Wildpoldsried Lehrgänge mit dem Titel „Ausbildung der Ausbilder für eine Welt mit Zukunft durch berufiche Bildung“ statt. Ziel ist die Ausbildung von afrikanischen Berufsschul­ lehrerinnen und ­lehrern zu Solateuren. Diese können das in Wildpoldsried Gelernte zum Thema Solarenergie vor Ort weitergeben und damit die regionale Wertschöpfung fördern und neue Berufsperspektiven vor Ort schaffen. In den vergangenen zwei Jahren wurden bei fünf Schu­ lungsterminen in Wildpoldsried knapp 100 Multi­ plikatorinnen und Multiplikatoren ausgebildet. Die Teilnehmenden kamen aus 15 verschiedenen Ländern Nord­, West­, Ost­ und Zentralafrikas. Drei Kurse wurden in englischer Sprache und zwei in französischer Sprache durchgeführt. Unter Anleitung erfahrener Berufschullehrender aus ganz Bayern bauten alle Teilnehmenden je einen „Solarfunktionskoffer“. Entwicklungsminis­ ter Gerd Müller überreichte beim Abschluss des ersten Kurses persönlich die Zertifkate an die Teilnehmenden und betonte in seiner Ansprache die große Bedeutung solcher Aktionen für die Verbesserung der Lebens­ und Entwicklungs­ grundlagen in afrikanischen Ländern. Entstanden ist die Idee bei Fortbildungen für bayerische Berufsschul­ und Fachschullehrende für Umwelttechnik, die im ökologischen Bildungs­ zentrum in Wildpoldsried bereits seit einigen Jah­ ren durchgeführt werden. In diesem Zuge hatten einige der Teilnehmenden an der Fortbildung eigene Schulungssysteme und Schulungsunter­ lagen entwickelt. Diese sind auch bei den Wild­ poldsrieder Gästen und Besucherinnen und Besu­ chern, unter anderem aus Afrika, auf großes Interesse gestoßen. Da Afrika mit seinen klimati­ schen Verhältnissen größtenteils ideale Bedingun­ gen für erneuerbare Energien aufweist, entstand 6. LOKALE BEITRÄGE ZUR AGENDA 2030 IN DER BODENSEEREGION die Idee, diese Schulungen auch für afrikanische Ausbildende anzubieten. Drei Vertreter aus Wild­ poldsried, darunter auch der zweite Bürgermeis­ ter der Gemeinde Wildpoldsried, stellten die Idee Dr. Gerd Müller und Vertreterinnen und Vertre­ tern seines Ministeriums in Berlin vor und wur­ den in das Projekt „Grüne Bürgerenergie für Afrika“ aufgenommen. Im Rahmen dieses Pro­ jekts entwickelte sich dann das Bildungsprojekt Vocational Education and Training for Africa (VET4Africa). Hier kooperieren unter anderem die Akademie für Lehrerfortbildung und Personalfüh­ rung (ALP) Dillingen, die Berufsschule I Kempten und die Gemeinde Wildpoldsried in Deutschland bei der Ausbildung. Die Schulungen fnden nor­ malerweise im ökologischen Bildungszentrum der Gemeinde statt, das in Verbindung mit den vielen Anschauungsobjekten am Ort die idealen Rah­ menbedingungen für eine effziente Fortbildung im Bereich erneuerbare Energien bietet. Neben den Schulungen in Wildpoldsried für die Lehre­ rinnen und Lehrer aus Afrika werden immer wie­ der auch Mentoreneinsätze in den afrikanischen Ländern vor Ort durchgeführt. Dabei fnden Seminare und Workshops in enger Zusammen­ arbeit mit den ansässigen Universtäten und Schulen statt. Aktuell wird das Projekt weiterent­ wickelt, um es zukünftig mit digitalen Medien und Online­Schulungen weiter zu führen und die Multiplikatorinnen und Multiplikatoren vor Ort mit Online­Unterricht zu sogenannten „Master­ trainern“ auszubilden. Die Gemeinde fördert dieses Projekt, indem sie mit dem ökologischen Bildungszentrum einen Raum für Fortbildung, Austausch und Ideenent­ wicklung bietet. Angebote der SKEW: Kommunaler Fachaustausch mit afrikanischen Partnern Die Bildung von globalen Partnerschaften für nachhaltige Entwicklung ist eine Kernbotschaft der Agenda 2030. Das Vorhaben „Agenda 2030 – kommunaler Fachaustausch mit afrikanischen Part­ nern“ bietet Kommunen Beratung für die Verortung der Agenda 2030 sowie unterschiedliche Ver­ netzungsformate, um einen Fachdialog zur Umsetzung der nachhaltigen Entwicklungsziele in deut­ schen und afrikanischen Kommunen zu etablieren sowie kollegiales Lernen und Erfahrungs­ oder Wissensaustausch durch Partnerschaftsarbeit zu fördern.  https://skew engagement-global de/agenda-2030-kommunaler-fachaustausch-mit-afrika html 43 6. LOKALE BEITRÄGE ZUR AGENDA 2030 IN DER BODENSEEREGION 44 6.6 Bregenz – Wir leben 2.000 Watt Die Landeshauptstadt Bregenz liegt am Ostufer des Bodensees und ist mit knapp 30.000 Einwoh­ nerinnen und Einwohnern die drittgrößte Stadt des österreicher Bundeslandes Vorarlberg. Mit vielen breit gefächerten Aktivitäten und Angebo­ ten leisten die unterschiedlichen Abteilungen der Stadtverwaltung einen Beitrag zur Umsetzung der Agenda 2030 und stellen sich den Herausforde­ rungen des elften globalen Nachhaltigkeitsziels – eine nachhaltige Entwicklung in Städten und Gemeinden. Die 17 Nachhaltigkeitsziele sind bereits im räumlichen Entwicklungsplan, im Energie­ und Umweltleitbild, im Generalverkehrs­ plan und auch im Rad­ und Fußwegekonzept als Leitlinien festgehalten. Diese bisher sektoralen Strategien der einzelnen Fachabteilungen sollen künftig zu einer Gesamtstrategie zusammenge­ führt werden. Bekämpfung des Klimawandels und seiner Auswirkungen Da in der Landeshauptstadt Bregenz im Klima­ schutz bereits ehrgeizige Ziele gesetzt werden und auch unbedingt weiterhin zu setzen sind, ist es zusätzlich wichtig, sich den spürbaren Verän­ derungen des Klimawandels anzupassen bezie­ hungsweise diese rechtzeitig in den Planungen zu berücksichtigen. Verschiedene Projekte und Kam­ pagnen wie der Radfrühling, die Mobilitäts­ und Umweltwoche, der Gut­geh­Raum, das Repair­ Café oder die Ausstellung „Global Shift – die Welt im Wandel“ bieten ein attraktives Angebot für die Bürgerinnen und Bürger, sich umweltschonend zu verhalten. Bregenz ist allein schon aus räumlich­ geografschen Gründen eine Stadt mit begrenzten Flächenreserven. Das schafft eine „Stadt der kur­ zen Wege“ und bietet damit sehr gute Bedingun­ gen für eine umweltfreundliche Mobilität für Fuß­ gängerinnen und Fußgänger und Radfahrende. Lastenfahrräder und Fahrradanhänger für eine nachhaltige Mobilität werden gefördert. Klimawandelanpassung Aber auch im Bereich der Klimawandelanpassung geht Bregenz voran. Da die Erfordernisse der Anpassung an den Klimawandel viele Abteilun­ gen der Stadtverwaltung berühren – wie etwa die Siedlungswasserwirtschaft, das Hochwasserma­ nagement, die Stadtentwicklungs­ und Raumpla­ nung, das Bauwesen, die Gesundheit, die Land­ und Forstwirtschaft oder den Naturschutz – hat Bregenz bereits eine Klimawandelanpassungs­ strategie verabschiedet und einen entsprechen­ den Maßnahmenkatalog dazu erarbeitet. Mit fünf weiteren Vorarlberger Gemeinden hat sich die Stadt zur KLAR!­Modellregion „plan b im Klima­ wandel“ zusammengeschlossen. Seit 2020 wer­ den im Rahmen dieser Kooperation Maßnahmen umgesetzt, die gezielte Anreize zum klimaftten Bauen, Anpassungsmaßnahmen bei Hitze und bewusstseinsfördernde Informationskampagnen beinhalten. Zur Begrenzung der negativen Aus­ wirkungen des Klimawandels setzt die Stadt in Kooperation mit den Nachbargemeinden und dem Land Vorarlberg beispielsweise das Hoch­ wasserschutzprojekt „Bregenzerach Unterlauf“ um. Und im Jahr 2019 gewann Bregenz den Aust­ rian SDG­Award für die vorbildliche Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen. Die Auszeichnung, die der Senat der Wirtschaft, eine unabhängigen ökosozialen Wirtschaftsorga­ nisation, 2017 ins Leben gerufen hatte, wurde 6. LOKALE BEITRÄGE ZUR AGENDA 2030 IN DER BODENSEEREGION 2019 das erste Mal auch an Städte, Gemeinden und Regionen vergeben. Insbesondere die Bemü­ hungen der Stadt Bregenz im Bereich der Klima­ wandelanpassung und des Klimaschutzes wurden lobend hervorgehoben. Partnerschaften zur Erreichung der Ziele Seit 2008 nimmt Bregenz am österreichischen Landesprogramm für energieeffziente Gemein­ den (e5) teil. Am eea beteiligt ermöglicht e5 einen europäischen Vergleich. Mit dem Status „eeee“ erreicht Bregenz auf europäischer Ebene inzwischen den European Energy Award in Sil­ ber. Die Umsetzung der einzelnen Projekte wird durch ein eigenes e5­Team vorangetrieben. Es besteht aus Mitgliedern des Stadtrates, der Stadt­ vertretung, der Stadtverwaltung sowie Vertrete­ rinnen und Vertretern der Stadtwerke und der Bregenzer Festspiele. Die fachliche Unterstützung erfolgt durch das Energieinstitut Vorarlberg, das auch den Erfahrungsaustausch mit anderen Städ­ ten und Gemeinden im Rahmen des e5­Pro­ gramms organisiert. Die Treffen fördern die Zusammenarbeit und das voreinander Lernen. Mit einer schrittweisen Reduktion von CO2­Aus­ stoß und Energieverbrauch hat sich Bregenz vor­ genommen, bis 2050 das Ziel einer 2.000­Watt­ Gesellschaft in der Region zu erreichen. Dazu führt die Initiative aus neun Städten rund um den Bodensee gemeinsam Kampagnen und Aktionen durch, die die Idee einer breiten Öffentlichkeit nahebringen sollen, ganz nach dem Motto: Ein gutes Leben gelingt auch mit weniger Energie. Seiner globalen Verantwortung kommt Bregenz auch durch seine Mitgliedschaft im Klimabündnis nach. Die Teilhabe an regionalen Partnerschaften und Netzwerken ist eine treibende Kraft für den Klima­ und Umweltschutz. Gerade um die Boden­ seeregion insgesamt zu stärken, ist die Bildung von Kooperationen zum Erreichen der Agenda 2030 wichtig. Bezahlbare und saubere Energie Für das Nachhaltigkeitsziel 7 Bezahlbare und sau­ bere Energien wird der Anteil erneuerbarer Ener­ gien in der Stadt Bregenz ständig erhöht. Die Stadt bezieht schon seit vielen Jahren Ökostrom für ihre Gebäude, die Kläranlage sowie die Stra­ ßenbeleuchtung und nutzt den selbsterzeugten Strom aus eigenen Photovoltaikanlagen. Des Wei­ teren fördert sie die Nutzung erneuerbarer Ener­ gien wie Photovoltaik, thermische Solaranlagen oder Biomasse und bietet kostenlose Energiebera­ tungen für ihre Bürgerinnen und Bürger an. Durch die laufende Umstellung auf eine energie­ effziente Straßenbeleuchtung wird wertvolle Energie eingespart. Bregenz für alle: Geschlechtergleichstellung und weniger Ungerechtigkeiten Auf die Frage, was Bregenz heute und in Zukunft lebenswert macht, startete die Stadt vor zwei Jah­ ren eine Bürgerbefragung. Die daraufhin erstellte Sozialraumanalyse dient nun als Grundlage für die Stadtentwicklung auf gesellschaftlicher Ebene – von der Gesundheitsplanung über die Bildungs­ planung bis hin zu gesellschaftlichen und wirt­ schaftlichen Entwicklungschancen. Der Bienen- und Naturgarten in Bregenz unterstützt durch die Stadtgärtnerei © Landeshauptstadt Bregenz 45 6. LOKALE BEITRÄGE ZUR AGENDA 2030 IN DER BODENSEEREGION 46 Es gibt zahlreiche Angebote für Familien, Senio­ rinnen und Senioren, Jugendliche, Frauen sowie im Bereich Integration, Migration und Bildung. Es wurde ein eigenes Ressort für Menschen mit unterschiedlichen Identitäten und sexuellen Ori­ entierungen (LGBTQI+) geschaffen, um die Teil­ habe aller gesellschaftlichen Gruppen zu ermögli­ chen. Außerdem nimmt die Stadt am landeswei­ ten Programm „familieplus“ teil, um Bregenz zum idealen Lebensraum für Familien zu machen. Neben einer engagierten Jugendarbeit leistet die Stadt auch eine fnanzielle Unterstützung für internationale Jugendreisen. Die Stadt bietet Ver­ einen oder Gruppen das interkulturelle Lokal als offenen Lern­ und Begegnungsraum an. Viele wei­ tere Angebote, wie die Integrationsberatung oder Gemeinschaftsgärten, werden durch die Stadtteil­ büros organisiert und stärken das Gemeinwohl. In der Verwaltung ist die Stelle einer Gleichbe­ handlungsbeauftragten geschaffen worden. Dies trägt zur Umsetzung des Ziels 5 der Geschlechter­ gerechtigkeit bei. Die Kampagne „Kein Platz für Fouls – Respekt geht uns alle an“ setzt ganz kon­ kret Schritte gegen die Benachteiligung von Frauen in der Verwaltung. Verantwortungsvolle Konsum- und Produktionsmuster Durch Beschlüsse zur nachhaltigen Beschaffung trägt die Stadt zum Nachhaltigkeitsziel 12 Nach­ haltiger Konsum und Produktion bei. Dafür hat die Gemeinde eine Richtlinie zur Errichtung und Sanierung öffentlicher Gebäude und ein Pfichten­ heft für effziente Stromnutzung erstellt. Außer­ dem nutzt sie den ökologischen Beschaffungsser­ vice des Vorarlberger Gemeindeverbandes und hat sich verpfichtet, alle Veranstaltungen gemäß der Initiative „ghörig feschta“ nachhaltig durchzu­ führen. Naturschutz über die Gemeindegrenzen hinaus Bregenz setzt innerhalb seiner Stadtgrenzen ver­ schiedene Programme im Bereich Klima­ und Naturschutz um, die ebenfalls in regionale und überregionale Kooperationen eingebunden sind. In der Stadt gibt es neben mehreren örtlichen Schutzgebieten und Naturdenkmalen zwei Natura­ 2000­Gebiete, die nach den Maßgaben der Fauna­ Flora­Habitat­Richtlinie geschützt sind. Das Natura­2000­Gebietsmanagement der Stadt trägt zum Umwelt­ und Naturschutz und zur Erreichung des Nachhaltigkeitsziels 15 Leben an Land bei. Agenda 2030 Die Stadt beschäftigt sich nicht per se mit den 17 Nachhaltigkeitszielen der Agenda 2030. Aber das engagierte, lokale Handeln in den Themenfeldern Umwelt, Soziales und Wirtschaft macht Bregenz nicht nur zu einer äußerst lebenswerten Stadt, sondern bietet gleichzeitig die Möglichkeit, die globale Verantwortung für eine nachhaltige Zukunft wahrzunehmen. Finanzielle und bürokra­ tische Hürden sind immer wieder eine Herausfor­ derung für die Umsetzung. Klare Bekenntnisse und fnanzielle Angebote seitens des Landes oder des Bundes könnten hier mehr Unterstützung geben. Praxisbeispiel: Wir leben 2.000 Watt Die Stadt Bregenz setzt ihre Ziele für eine nach­ haltige Stadt nicht nur allein, sondern auch in Kooperationen mit anderen Städten in der Region um. Wie kann so eine Kooperation aussehen? Dies zeigt Bregenz anhand des Beispiels „Wir leben 2.000 Watt“. Laut Forschenden der ETH Zürich sind 2.000 Watt die Energie, die jeder Mensch durchschnittlich verbrauchen darf, damit die Klimaerwärmung begrenzt wird. Um dieses Ziel zu erreichen, ist eine Verbesserung der Ener­ gieeffzienz, ein umfassender Ausbau von erneu­ erbaren Energien und damit die Substitution von Photovoltaik und Dachbegrünung auf dem Dach der Schule Schendlingen in Bregenz © Landeshauptstadt Bregenz 6. LOKALE BEITRÄGE ZUR AGENDA 2030 IN DER BODENSEEREGION klimaschädlichen Energien und ein energiebe­ wusstes Verhalten im Alltag und beim Konsum, die Suffzienz, notwendig. Bregenz ist seit 2016 Teil der Initiative „Wir leben 2.000 Watt“. Zurzeit sind sieben weitere Städte in der Bodenseeregion, darunter Feldkirch, Gossau, Konstanz, Lindau, Singen, St. Gallen und Winterthur, in der Initiative aktiv. Als Grundlage der Zusammenarbeit dient die Charta der 2.000­Watt­Städte in der Bodense­ eregion von 2016. Die Charta fußt auf vier Leit­ zielen: 2.000­Watt­Stadt werden – bis 2050 sollen alle Städte den Status von 2.000­ Watt­Städten erreichen. Bürger aktivieren – Bürgerinnen und Bürger sollen aktiviert werden, sich in den Pro­ zess einzubringen. Politische Verantwortung übernehmen – Verantwortung auf höchster politi­ scher Ebene und Integration der Ziele in die dazu­ gehörenden Aufgaben. Partner sein – uneinge­ schränkte Kooperation untereinander, enge Zusammenarbeit mit Behörden auf höherer Ebene und Institutionen mit selben oder ähnlichen Zielen. Der Wissensaustausch und die gemeinsame Nutzung von Ressourcen und Kommunikations­ mitteln stehen im Fokus. Zudem fnden regelmä­ ßige Netzwerktreffen statt. Grundsätzlich können alle Städte der erweiterten Bodenseeregion, aber auch kleinere Gemeinden Mitglied werden. Die Idee hinter der Initiative besteht jedoch schon deutlich länger als seit 2016. Hervorgegangen ist die Initiative, die heute als lose Kooperation besteht, aus einem europäischen Förderprojekt. In dem Interreg­Projekt 2.000­Watt­Gesellschaft in der Bodenseeregion haben die Städte Feld­ kirch, Radolfzell, Singen, Überlingen und Schaff­ hausen von 2012 bis 2014 im Interreg­Raum Alpenrhein­Bodensee­Hochrhein ihre Idee einer grundlegenden gesellschaftlichen Neuorientie­ rung umgesetzt. Ziel war es, diese Idee in ver­ schiedenen Teilen der Gesellschaft zu verankern – insbesondere in Politik und Verwaltung, bei den Energieversorgern und bei den Bürgerinnen und Bürgern. Kommunikation und Kampagnen spiel­ ten dabei eine wichtige Rolle. Aufbauen konnte das Interreg­Projekt auf den Ergebnissen und dem Netzwerk des vorangegangenen Interreg­ Projektes Städte gestalten Zukunft – gesellschaft­ lichen Wandel gemeinsam gestalten. Darin arbei­ teten die Städte Radolfzell, Überlingen, Singen, Friedrichshafen, Schaffhausen, Dornbirn und die Stadt Feldkirch von 2009 bis 2011 zusammen an den Themen Energie und Klimaschutz sowie demographischer Wandel. Im Rahmen dieses Projekts wurde eine großangelegte Regionalstudie erstellt. Das Ergebnis: Ein nachhaltiges gesell­ schaftliches Energieverbrauchsmodell ist möglich: die 2.000­Watt­Gesellschaft. Die theoretischen Grundlagen für die 2.000­Watt­ Gesellschaft sind also vorhanden. Mit dem nächs­ ten Schritt soll die Idee möglichst fächendeckend umgesetzt werden. Mit gemeinsamen Kampagnen möchte die Initiative zunächst möglichst vielen Menschen den Ansatz der 2.000­Watt­Gesellschaft näher bringen. Mit Informationen, Veranstaltun­ gen und gemeinsamen Ausstellungen werden die Bürgerinnen und Bürger in der Region angespro­ chen. Bei einer der jüngsten Kampagnen mit dem Titel Stadt Klima Wandel dreht sich alles um Klimaschutz, Klimawandel und mögliche Anpas­ sungsmaßnahmen. Dies ist insbesondere für Bregenz wichtig. Als erste Gemeinde Vorarlbergs begann die Stadt schon 2017, eine Klimawandel­ anpassungsstrategie zu entwickeln. Ein wichtiger Bestandteil sind Stadtbäume, die zu einer Verbes­ serung des Stadtklimas beitragen. Dazu hat Bre­ genz ein Baumkataster eingeführt. Zudem bringt die Stadt Nisthilfen für Vögel an und verlost regel­ mäßig Bäume an private Personen. Im Kulturzen­ trum Magazin 4 der Stadt Bregenz fndet bis Mitte 2021 zudem die Themenausstellung „Global Shift – Die Welt im Wandel“ statt. Die Ausstellung setzt sich kritisch mit den gegenwärtigen globalen und lokalen Veränderungen wie Ressourcenknappheit, Klimawandel, Globalisierung oder Zusammenleben auseinander und bringt sie den Besuchenden näher. Im Jahr 2011 wurde die erste Charta der 2.000­ Watt­Städte veröffentlicht. Seitdem ist viel passiert. Die Idee der 2.000­Watt­Gesellschaft kann auf eine fast zehnjährige Geschichte in der Bodensee­ region zurückblicken. Über die Zeit haben sich die Partner geändert, neue sind hinzugekommen, alte haben sich verabschiedet. Das Netzwerk aber bleibt bestehen und zeigt, dass sich eine gute Idee auch aus einem zeitlich begrenzten Förderprojekt weiterentwickeln und bestehen bleiben kann. 47 6. LOKALE BEITRÄGE ZUR AGENDA 2030 IN DER BODENSEEREGION 6.7 Dornbirn – Stadt für alle 48 Die 50.000­Einwohner­Stadt Dornbirn im öster­ reichischen Vorarlberg beschäftigt sich seit lan­ gem mit nachhaltigen Themen. Als eine der ers­ ten Städte in Österreich hat sie bereits 1996 ein Umweltleitbild entwickelt, das bis heute mit einem jährlich neu aufgelegten Maßnahmenkata­ log weitergeführt wird. Das breit aufgestellte Pro­ gramm hat sich über die Jahre immer weiter ent­ wickelt und deckt heute auch die Themenfelder Energie, Klimaschutz und Klimawandel ab. Auch mit ihrem Integrationsleitbild, das Anfang der 2000er Jahre verabschiedet wurde, war Dornbirn Vorreiter in Österreich und nimmt auch hier eine Vorbildrolle ein. Umwelt- und Klimaschutz Aufbauend auf dem Umweltleitbild wurde das Dornbirner Umweltprogramm etabliert. Das Umweltprogramm besteht aus einem Maßnah­ menkatalog, der seit 1999 jährlich neu mit einem festgelegten Budget vom Stadtrat beschlossen wird. Das Programm wird mit verschiedenen Abteilungen abgesprochen und von der Umwelt­ abteilung koordiniert. Die Projektsteuerungs­ gruppe Dornbirner Umwelt­ und Energiepro­ gramm wurde bis 2020 vom Vizebürgermeister und Stadtrat für Stadtentwicklung und Stadtpla­ nung Martin Ruepp geleitet. Im Jahr 2019 wurde das Programm überarbeitet und durch Projekte mit Bezug zur Klimawandelanpassung ergänzt. Gruppenbild bei der Verleihung des 5. e für die Stadt Dornbirn © Energieinstitut Weitere inhaltliche Schwerpunkte des Umwelt­ programms sind die Stadtentwicklung, die Bodennutzung, der Verkehr, Energie, Emissionen und Abfall, Wasser und Naturschutz. Das Umwelt­ und Energieprogramm des Jahres 2020 mit sei­ nen 69 Einzelmaßnahmen, die als verwaltungs­ anweisendes Arbeitsprogramm dienen, wurde Anfang 2020 einstimmig von der Stadtvertretung beschlossen. Damit trägt die Stadt unter anderem zum Ziel 13 Klimaschutz und Anpassung bei. Zusätzlich zu den Projekten aus dem Dornbirner Umweltprogramm wird ein Budget von 170.000 Euro für Maßnahmen zum Klimaschutz bereitge­ stellt. Insbesondere kleinere Maßnahmen, wie Trinkbrunnen, Baumpfanzungen oder Blumen­ wiesen, können damit unbürokratisch umgesetzt werden. Zudem beteiligt sich Dornbirn am lan­ desweiten Programm Naturvielfalt in der Gemeinde, bei dem durch eine naturnahe Gestal­ tung der Stadt die Naturvielfalt gestärkt werden soll. Dornbirn nimmt – wie auch Bregenz – am öster­ reichischen e5­Programm teil. Die Stadt wurde als erste Vorarlberger Stadt mit 5 „e“ ausgezeich­ net. Damit erreicht Dornbirn den European Energy Award Gold und gehört zu den 100 besten Gemeinden und Städten Europas. Das Land Vor­ arlberg hat sich das Ziel gesteckt, bis 2050 den regionalen Energiebedarf vollständig mit erneuer­ baren Energien abzudecken. Das Dornbirner Energieprogramm baut auf der Energiestrategie des Landes auf. Seit 2019 wird für alle städti­ schen Gebäude 100 Prozent österreichischer Öko­ strom verwendet. Auch zum Heizen nutzt Dorn­ birn für städtische Gebäude möglichst erneuer­ bare Energien. Insgesamt 60 städtische Gebäude sind bereits an das Dornbirner Nahwärmenetz angeschlossen. Damit trägt die Stadt zum Nach­ haltigkeitsziel 7 Bezahlbare und saubere Energie bei. 6. LOKALE BEITRÄGE ZUR AGENDA 2030 IN DER BODENSEEREGION Globale Verantwortung Bereits seit 1992 ist Dornbirn Mitglied beim Klimabündnis und dadurch Teil einer globalen Klimaschutzpartnerschaft. Die Stadt ist damit eine von 37 Vorarlberger Gemeinden, die sich für eine Verringerung der Treibhausgasemissionen und den Erhalt des Amazonas­Regenwaldes ein­ setzen. Dornbirn kommt seiner globalen Verant­ wortung zusätzlich durch fnanzielle Unterstüt­ zung im Bereich der Entwicklungszusammenar­ beit nach. Dies geschieht durch Kapitaltransfers an private Institutionen und Investitionszu­ schüsse im Rahmen der Entwicklungshilfe. Der Weltladen Dornbirn feierte im Jahr 2020 sein vierzigjähriges Bestehen. Im Oktober 1980 von Ehrenamtlichen gegründet trägt er seitdem zum fairen Handel in Dornbirn bei. Seit der Gründung ist viel passiert: mehr Mitarbeitende, längere Öff­ nungszeiten und größere Räumlichkeiten. Der Grundgedanke, eine faire Alternative zum kon­ ventionellen Handel zu bieten, ist jedoch geblie­ ben. Das Bundesgymnasium in Dornbirn ist offzielle UNSESCO­Schule und setzt sich damit für Men­ schenrechte, Kultur und nachhaltige Entwicklung ein. Die Schülerinnen und Schülern setzten diese Kernthemen zusammen mit dem Lehrpersonal in die Praxis um. So gibt es unter anderem seit mehreren Jahren einen Austausch mit einer armenischen Schule, aber auch grenzüberschrei­ tende Nachhaltigkeitsprojekte im Alpenraum, wie das Comeniusprojekt, in dem die Themenberei­ che Verkehr und Mobilität, Ernährung und Umweltschutz bearbeitet wurden. Faire und nachhaltige Beschafung Die Stadt Dornbirn hat festgelegt, keine Produkte aus Tropenholz zu beschaffen. Der „Ökoleitfaden Bau und Büro“ wurde in die Richtliniensammlung aufgenommen und die Stadt beteiligt sich am „Ökologischen Beschaffungsservice“ des Umwelt­ verbandes. Zudem gibt es Richtlinien zu Beschaf­ fung von Fahrzeugen, Verpfegung und Bewirtung. Getränke und Lebensmittel sollen möglichst regi­ onal oder aus fairem Handel beschafft werden. Die Stadt Dornbirn setzt auch beim kommunalen Bauen auf Nachhaltigkeit. Unterstützt wird sie dabei unter anderem vom Vorarlberger Gemein­ deverband. Dieser begleitet seit 2006 mit seinem Team des Servicepakets Nachhaltig:Bauen in der Gemeinde Vorarlberger Städte und Gemeinden bei der Ausschreibung, Planung und Umsetzung nachhaltiger kommunaler Gebäude. Hier ist die Hebelwirkung besonders groß, da viele Materia­ lien beschafft werden müssen. Der Stadtrat hat beschlossen, den Kommunalgebäudeausweis und nachhaltige bauökologische als auch energietech­ nische Standards, die überdurchschnittlich umwelt­ und energiefreundlich sind, anzuwen­ den. Besonders zwei Projekte sind in Dornbirn beim nachhaltigen Bauen hervorzuheben: der Kindergarten und die Volksschule im Dornbirner Wallenmahd. Der Neubau des Kindergartens in Wallenmahd ist eine Massivholzkonstruktion mit Passivhauskomponenten. Beim Bau wurde auf die Nutzung von ökologischen Materialien, insbeson­ dere Holz geachtet. Die Heizwärme wird über Nahwärme zur Verfügung gestellt. Bei der Sanie­ rung und der Erweiterung der Volksschule wurde der Passivhausstandard berücksichtigt. Viel Wert wurde auf eine Verwendung von ökologischen und regionalen Materialien gelegt. Die Stadt als Vorbild Im Bereich Umwelt­ und Klimaschutz geht Dorn­ birn als Vorbild voran und trägt so zum Nachhal­ tigkeitsziel 11 Nachhaltige Städte und Gemeinden bei. Die Stadt Dornbirn setzt sich für umweltbe­ wusstes Wirtschaften ein – sowohl bei ihren eige­ nen Betrieben, als auch bei lokalen Unterneh­ men. Zurzeit sind über 30 Betriebe in Dornbirn bei Ökoproft aktiv. Dazu gehören lokale Unter­ nehmen, aber auch die Stadt mit mehreren eige­ nen Betrieben. Ökoproft ist ein in Graz entwi­ ckeltes Kooperationsprojekt zwischen Kommunen und lokalen Unternehmen. Ziel ist die gleichzei­ tige Schonung natürlicher Ressourcen und der Betriebskostensenkung. Dornbirn war die erste Gemeinde, die das Programm in Vorarlberg ein­ geführt hat. 49 6. LOKALE BEITRÄGE ZUR AGENDA 2030 IN DER BODENSEEREGION 50 Die Stadt fördert zudem nachhaltige Mobilitätsal­ ternativen für ihre Mitarbeitenden. Bereits im Jahr 2011 führte die Stadt ein eigenes betriebli­ ches Mobilitätsmanagement ein, begleitet von einer groß angelegten Kampagne. Angefangen hatte alles mit einer Befragung der Mitarbeiten­ den. Aufbauend auf diesen Erkenntnissen hat sich in den drauffolgenden Jahren viel getan. Mit der eingeführten Parkplatzbewirtschaftung wird eine nachhaltige Mobilität gefördert und fnan­ ziert. Dazu gehört neben einem Zuschuss zur Karte für dem öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) auch ein Mobilitätsbonus für Mitarbei­ tende, die Arbeitswege umweltfreundlich zurück­ legen. Seit 2016 geschieht das mit sogenannten Eco­Points, einem Bonus­ und Anreizsystem. Mit­ arbeitende können für die Nutzung nachhaltiger Verkehrsmittel Bonuspunkte sammeln und diese gegen Prämien tauschen. Die Stadt fördert aber auch die nachhaltige Mobilität ihrer Bürgerinnen und Bürger. So wird die Anschaffung von Lasten­ fahrrädern, Fahrradanhängern und Trolleys fnan­ ziell gefördert. Chancengleichheit und Bildung Mit dem Modellvorhaben Dornbirn lässt kein Kind zurück trägt die Stadt zum Ziel 4 Chancen­ gleichheit und hochwertige Bildung bei. Ziel des 2016 gestarteten Projektes ist ein gesundes, ent­ wicklungsförderliches Aufwachsen aller Kinder. Dies wird vor allem durch den systematischen Aufbau einer Präventionskette erreicht. Hierzu werden bestehende Angebote vernetzt und eine gemeinsame Kooperationsstruktur entwickelt. Die Stadt übernimmt dabei die Rolle der Vermitt­ lerin. Der Familienservice der Stadt Dornbirn als erste Anlaufstelle informiert und vermittelt bei Bedarf an Fachinstitutionen weiter. Familien­ lotsinnen und ­lotsen begleiten Familien nach Wunsch kostenlos. Seit 2002 hat Dornbirn zudem ein Integrationsleitbild. Wie es dazu kam und was das Besondere daran ist, zeigt das folgende Bei­ spiel. Praxisbeispiel: Stadt für alle: ZusammenLeben in Dornbirn Eine Stadt für alle sein, das ist das Ziel Dorn­ birns. Zurzeit leben in der Stadt Menschen aus über 115 Nationen. Bereits 2002 hat Dornbirn als erste österreichische Kommune mit einem eige­ nen Leitbild einen wertvollen Beitrag zur Integra­ tion geleistet. Damit war und ist die Stadt Vorrei­ terin im Bereich Integrationspolitik. Nach 15 Jah­ ren Umsetzung dieses Leitbildes wurde 2017 das neue Leitbild ZusammenLeben in Dornbirn – Leitbild und Strategien für ein gutes Zusammen­ leben in Vielfalt veröffentlicht. Es soll die Chan­ cengerechtigkeit fördern und den Zusammenhalt stärken. Das aktuelle Integrationsleitbild möchte Integrati­ onsarbeit als Querschnittsaufgabe neu ausrich­ ten. Für verschiedene inhaltliche Handlungsfelder wurden Maßnahmen ausgearbeitet. Insbesondere im Bereich der Bildung setzt sich die Stadt mit verschiedenen Angeboten ein. Dazu gehören Deutsch­ und Orientierungskurse, ein Deutsch­ Lern­Café, frühe Sprachförderung von Kindern im Kindergartenalter und eine Seminarreihe für Fachkräfte. Das Handlungsfeld Arbeit ist nicht allein von der Stadt umsetzbar, aber mit den Angeboten zur Chancengerechtigkeit, die mit der Maßnahme Bildung verknüpft sind, schafft sie eine gute Grundlage für eine Teilhabe aller am Arbeitsmarkt. Die Stadt geht zudem als Vorbild voran. Es gibt heute mehr Mitarbeitende mit Mig­ rationshintergrund als zu Beginn des Prozesses und eine länderübergreifende Seminarreihe für Auszubildende zur interkulturellen Kompetenz. Zukünftig soll die Diversitätskompetenz in den Einrichtungen der Stadt verstärkt gefördert wer­ den. Im Bereich der Stadtentwicklung und des Wohnens und insbesondere im alltäglichen Leben liegt großes Potenzial. Aber auch das Wohnen liegt nicht im direkten Einfussbereich der Stadt. Das Ziel ist jedoch, mehr Begegnungsmöglichen im Wohnumfeld zu ermöglichen. Im Bereich Gesundheit­ und Sozialwesen setzen die externen Kooperationspartner der Stadt vor allem auf Wei­ terbildung und mehrsprachige Informationen. Die Öffentlichkeitsarbeit hebt positive Beispiele her­ vor. Geplant ist zudem ein Begrüßungsprojekt für neue Dornbirnerinnen und Dornbirner. 6. LOKALE BEITRÄGE ZUR AGENDA 2030 IN DER BODENSEEREGION Doch wie kam es dazu, dass Dornbirn bereits so früh ein Integrationsleitbild mit integriertem Maß­ nahmenplan entwickelte? Voneinander lernen und die Nutzung guter regionaler Beispiele für die Umsetzung in der eigenen Gemeinde waren auch 2002 schon im Alpenraum gegenwärtig. Im Jahr 2001 unternahmen verschiedene Vertretende der Stadt Dornbirn eine Exkursion nach Basel in der Schweiz. Ziel war es, sich über das dort seit kur­ zem bestehende Integrationsleitbild und dessen Erstellungsprozess sowie Umsetzung in Politik und Verwaltung zu informieren. Die Delegation bestand aus Politikerinnen und Politikern, städti­ schen Mitarbeitenden und Fachleuten. Angetan von den Erfahrungen beschloss der Stadtrat, auch für Dornbirn ein Integrationsleitbild zu entwickeln. In einem einjährigen Prozess wurden ein Leitbild und ein Handlungskonzept mit konkret umzuset­ zenden Maßnahmen erstellt. Das Leitbild baute auf bestehenden Integrationsprojekten und ­akti­ vitäten auf und band verschiedene Interessens­ gruppen der Stadt Dornbirn in den Prozess ein. Darunter waren Fachleute, in­ und ausländische Bürgerinnen und Bürger, Vereine und Gruppen, Vertretende aller politischen Fraktionen, verschie­ dene Ausschüsse, Kindergärten und Schulen, Vertretende aus der Wirtschaft und der Kirche. Eigene Arbeitsgruppen widmeten sich den Hand­ lungsfeldern Arbeit, Bildung, Stadtentwicklung und Wohnen, Gesundheit und Sozialwesen und Luftbild des Marktplatzes in Dornbirn © Stadt Dornbirn Öffentlichkeitsarbeit. Ein Expertenrat, der sich aus Vertreterinnen und Vertretern der einzelnen Handlungsfelder zusammensetzte, entwickelte Ideen und beriet die städtische sowie die extern beauftragte Projektleitung. In monatlich stattfnden Arbeitskreisen und zweimonatlich stattfndenden Beiratssitzungen wurden Wirkungsziele aufgestellt und Maßnahmen und Projekte entwickelt. Die Ergebnisse fossen, zusammen mit einer Grundla­ genbefragung anhand von Telefoninterviews von in­ und ausländischen Bürgerinnen und Bürgern, in das Leitbild ein. Ziel war eine breite Meinungs­ bildung zu gewährleisten und gleichzeitig die poli­ tische Akzeptanz und ökonomische Realisierbar­ keit in einem zukunftsgerichteten Leitbild zu ver­ einen. Dies gelang und so wurde Ende 2002 das Leitbild durch die Dornbirner Stadtvertretung ein­ stimmig beschlossen. Ein wichtiges Ergebnis war die Institutionalisierung der Aktivitäten: Eine Fachstelle für Integration in der Abteilung für Bil­ dung und Integration sowie ein politisches Refe­ rat sind geschaffen worden. Dadurch wurde eine Vernetzung der Maßnahmen möglich. Integration ist eine Querschnittsaufgabe, die im gesamten städtischen Handeln mit einbezogen werden soll. Die Fachstelle dient vor allem als Integrationsser­ vice, sie initiiert und setzt Integrationsprojekte um und fördert interkulturelle Maßnahmen und Projekte. 51 6. LOKALE BEITRÄGE ZUR AGENDA 2030 IN DER BODENSEEREGION 52 Neben dem Verständnis, dass Integration eine gesamtgesellschaftliche Querschnittsaufgabe ist, sind auch das Fördern und Fordern, Anreize für Integration und Partizipation, der positive Umgang mit Vielfalt und Differenz und ein konstruktives Miteinander Teil des Dornbirner Integrationsver­ ständnisses. Nach der Erstellung des Integrations­ leitbilds im Jahr 2002 und der Schaffung der Fachstelle Integration ging es in die Umsetzung. Jährlich wird ein aktualisierter Maßnahmenkata­ log mit Aufgaben für das kommende Jahr vom Stadtrat beschlossen. Darin werden Ziele sowie fnanzielle und personelle Ressourcen defniert. Zusätzlich fndet eine Kontrolle der Umsetzung des vorangegangenen Maßnahmenkatalogs statt. Eine Projektgruppe, die die Koordinationsarbeit übernimmt, sorgt für eine Vernetzung von ver­ schiedenen Abteilungen in der Verwaltung. Im Jahr 2016 beschloss der Stadtrat, den Umset­ zungstand zu evaluieren und ein neues Leitbild ZusammenLeben in Dornbirn – Leitbild und Stra­ tegien für ein gutes Zusammenleben in Vielfalt zu erstellen. Die 2017 durchgeführte Evaluierung hatte zwei übergeordnete Ziele: den Ist­Zustand der gesetzten Ziele zu analysieren und die Grund­ lage für ein neues Integrationsleitbild zu schaffen. Die bisher gesetzten Maßnahmen wurden entlang der Leitziele in den Handlungsfeldern einer zusammenfassenden Wirkungsanalyse unterzo­ gen. Darauf aufbauend wurden Ziele, Handlungs­ felder und Maßnahmen für die zukünftige Integ­ rationsarbeit der Stadt Dornbirn abgeleitet. Das Ergebnis der Evaluation war, dass Maßnahmen zur Förderung der strukturellen Integration allein nicht ausreichend sind, sondern gutes Zusam­ menleben Beziehungen braucht. Bei der Evaluie­ rung und auch bei der Erstellung des neuen Inte­ grationskonzeptes wurden Interessensgruppen, Akteurinnen und Akteure und Bürgerinnen und Bürger aus verschiedenen Bereichen und ver­ schiedener Herkunft eingebunden. Dies fand anhand von Online­Befragungen, Fokusgruppen­ interviews und einer Veranstaltung mit Bürgerbe­ teiligung statt. Die Beteiligten wünschten sich ins­ besondere mehr Begegnungsmöglichkeiten, um längerfristige Beziehungen aufbauen zu können. Auch die Förderung von Vernetzung und Partizi­ pation war ein wichtiges Ergebnis des Prozesses, um Vielfalt positiv erfahrbar machen. Dornbirn wird diese Herausforderungen in den nächsten Jahren angehen. 6. LOKALE BEITRÄGE ZUR AGENDA 2030 IN DER BODENSEEREGION 53 6.8 Vorarlberger Gemeindeverband – Nachhaltige Beschafung und Umweltwoche Der Vorarlberger Gemeindeverband vertritt die Interessen der 96 Gemeinden gegenüber dem Bund, dem Land sowie innerhalb von Interes­ sensgemeinschaften. Dass dort alle Kommunen des Bundeslandes vertreten sind, ist in Österreich einzigartig. Die Kommunen legen die Themen fest, mit denen sich der Verband beschäftigt. Zur­ zeit berät und unterstützt er die Mitglieder in den Bereichen Finanzen und Recht, Gemeindeent­ wicklung, Abfall und Umwelt, nachhaltige Be­ schaffung und Vergabe, IT­Lösungen, Gesellschaft und Soziales sowie Aus­ und Weiterbildung. Nach außen vertreten wird der Verband durch das von den Mitgliedern gewählte Präsidium. Nachhaltigkeitsaktivitäten fnden in unterschied­ lichen Bereichen des Verbandes statt. Die Aktivi­ Zuständige für Umweltprojekte Kerstin Formanek © Kerstin Formanek täten im Themenfeld Abfall und Umwelt sowie Maßnahmen der nachhaltigen Beschaffung und Vergabe tragen zum globalen Nachhaltigkeitsziel 12 Nachhaltiger Konsum und Produktion sowie Ziel 11 Nachhaltige Städte und Gemeinden bei. Das Themenfeld Gesellschaft und Soziales trägt unter anderem zu den Zielen 3 Gesundheit und Wohlergehen sowie 4 Hochwertige Bildung bei. Wie geht der Vorarlberger Gemeindeverband die Herausforderungen rund um eine nachhaltige Entwicklung der Kommunen an? Und welche Rolle spielt dabei die Agenda 2030? Das erklären Kerstin Formanek, zuständig für Umweltprojekte, und Dietmar Lenz, Leiter nachhaltige Beschaffung und Vergabe des Vorarlberger Gemeindeverbandes. Leiter für Nachhaltige Beschafung und Vergabe Dietmar Lenz © Dietmar Lenz 6. LOKALE BEITRÄGE ZUR AGENDA 2030 IN DER BODENSEEREGION Frau Formanek, Herr Lenz, welche konkreten Projekte und Aktivitäten führen Sie im Nachhaltigkeitsbereich durch? 54 Im Umweltbereich haben wir zusammen mit Gemeinden und Institutionen verschiedene Pro­ jekte entwickelt und umgesetzt. Das Projekt ghö­ rig feschta unterstützt beispielsweise Gemeinden dabei, ihre Veranstaltungen nachhaltig auszurich­ ten. Die Initiative Lebensmittel sind kostbar! stärkt das Bewusstsein für den nachhaltigen Umgang mit Lebensmitteln. Mit der Littering­ Kampagne und den Landschaftsreinigungen set­ zen wir uns für eine saubere Umwelt und weniger Abfall im öffentlichen Raum ein. Während der jährlich stattfndenden Umweltwoche stehen Umwelt und Nachhaltigkeit in ganz Vorarlberg im Fokus. In dieser Woche führen die Gemeinden Aktionen und Veranstaltungen durch. Wir koordi­ nieren dieses Projekt über die umweltv­Website, auf der sich mehrerer Gemeinden und Institutio­ nen zusammengeschlossen haben. Im Themenfeld Gesellschaft und Soziales initiie­ ren, organisieren und koordinieren wir die über­ regionale Sozialplanung. Konkret unterstützen wir Gemeinden dabei, die ambulante und statio­ näre Pfege von älteren Menschen, die Integration von Gefüchteten sowie Kinder und Schülerbe­ treuungsangebote zu planen und durchzuführen. Im Bereich nachhaltige Beschaffung und Vergabe stellen wir Gemeinden den ÖkoBeschaffungsSer­ vice (ÖBS) zur Verfügung und unterstützen sie dabei, kommunale Bauvorhaben nachhaltig zu realisieren. Was ist für Sie ein vorbildliches Beispiel, wie globale Verantwortung auf kommunaler Ebene umgesetzt werden kann? Für uns ist der ÖkoBeschaffungsService ein besonders gutes Beispiel. Der ÖBS wird durch die Vorarlberger Gemeinden getragen und unterstützt diese sowie andere öffentliche Auftraggeber in Vorarlberg bei der Beschaffung nachhaltiger Pro­ dukte. Wir bieten mittlerweile Artikel aus über 50 Produktgruppen an, die wir im Vorfeld rechtssi­ cher ausgeschrieben haben. Gerade beim Einkauf kann einiges bewegt werden. Durch die zentrale Koordination können insbesondere ökologische, aber auch soziale Kriterien umfassender berück­ sichtigt werden. Welche Vorteile hat eine zentrale Beschafung für die Gemeinden? Der Zeit­ und Arbeitsaufwand ist geringer, da sich nicht jede Gemeinde mit einzelnen Kriterien aus­ einandersetzen muss. Durch das höhere Abnah­ mevolumen können wir den Gemeinden ein sehr gutes Preis­Leistungsverhältnis bieten – so gut, dass die vermeintliche teurere ökologische Beschaffung oft günstiger ist als die konventio­ nelle. Das ist unser Ziel. Durch unser Vergabema­ nagement schaffen wir zudem Rechtssicherheit. Wie binden Sie die Gemeinden ein? Wir stehen im ständigen Austausch mit den Gemeinden. Damit stellen wir sicher, dass wir den tatsächlichen Bedarf der Gemeinden bei den Produkten abdecken. Vor jeder Ausschreibung setzen wir ein Team ein, das aus Fachexpertin­ nen und ­experten und Hauptbedarfstragenden der jeweiligen Gemeinden besteht. Letztere kön­ nen die Anforderungen an das Produkt aus ihrer täglichen Arbeit am besten einschätzen. Wie ist der ÖBS entstanden? 1997 führten wir Umfragen in den Gemeinden darüber durch, ob ökologische Kriterien bei der Beschaffung von Produkten interessant für sie seien. Heraus kam, dass sich die Gemeinden einen Kriterienkatalog, eine Art Werkzeug zur ökologischen Beschaffung, wünschten. Dem sind wir mit dem Ökoleitfaden: Büro und Bau nachge­ kommen. In der Folge wünschten sich die Gemeinden, dass wir die Beschaffung als regio­ nale Beschaffungsstelle operativ übernehmen. Ökologische Beschaffung war Anfang der 2000er Jahre ein Fremdwort. Wir haben uns an Vorbil­ dern aus Skandinavien orientiert und waren in Österreich zu der Zeit Vorreiter. Anfangs gab es Unverständnis insbesondere von den Herstellen­ den. Doch der Anspruch, nachhaltig zu beschaf­ fen, ist in den letzten Jahren gestiegen und damit ist es auch für uns einfacher. Wie wird der ÖkoBeschafungsService angenommen und was macht ihn erfolgreich? Der ÖBS wird sehr gut angenommen. Er ist expli­ zit auf Wunsch der Gemeinden eingerichtet wor­ den. Die Nutzung ist freiwillig, aber alle Gemein­ den nutzen das Angebot in mindestens einer Pro­ duktgruppe. Dazu kommen Nutzende wie Ener­ 6. LOKALE BEITRÄGE ZUR AGENDA 2030 IN DER BODENSEEREGION gieversorger, Krankenhäuser, Landeseinrichtun­ gen. Die Nähe zur Kundschaft ist ein Erfolgsfaktor. Die Gemeinden werden miteinbezogen, der Bedarf ist abgestimmt. Wir haben es geschafft, dass die ökologische Beschaffung einfacher ist als die konventionelle. Was waren Herausforderungen bei der Einführung? Zu Beginn war der Service teilweise umstritten. Es bestand vor allem die Sorge, dass lokale Unternehmen nicht berücksichtigt werden und die lokale Wertschöpfung leidet. Die kritischen Stimmen sind aber weitestgehend verschwunden. Das liegt auch daran, dass wir bei den Ausschrei­ bungen regionale Firmen berücksichtigen. Mittler­ weile wird rund 80 Prozent des Umsatzes durch Unternehmen aus Vorarlberg erbracht. Welche Anregungen und Hinweise würden Sie ähnlichen Projekten mitgeben? Am besten sollte das Projekt gemeinsam mit den Gemeinden und deren Hauptbedarfstragenden entwickelt werden. Partizipation ist wichtig, außerdem eine regional angepasste Umsetzung. Wir hatten den Vorteil, dass der Verband schon existierte und keine neuen Strukturen geschaffen werden mussten. Aber das Modell kann auch in anderen Regionen Anwendung fnden kann. Auf der Bodensee­Konferenz 2018 Nachhaltig be­ schaffen der IBK haben wir uns bereits mit ande­ ren Regionen ausgetauscht. Was planen Sie für die Zukunft? Wir arbeiten ständig an der Weiterentwicklung der ökologischen Produkte. Jede Produktgruppe wird circa einmal pro Jahr ausgeschrieben und, wo möglich und nötig, angepasst. 55 Frau Formanek, für Sie ist die Umweltwoche in Vorarlberg ein gutes Beispiel! Warum? Sie ist bereits seit elf Jahren erfolgreich. Dadurch, dass sie in allen 96 Vorarlberger Gemeinden statt­ fndet, werden sehr viele Personen erreicht. So können wir fächendeckend Bewusstsein bilden. Außerdem beteiligt sich eine große Bandbreite an Akteurinnen und Akteuren und Umweltinitiativen. Die Woche fndet um den Weltumwelttag am 5. Juni statt. Zu der Zeit gibt es besonders viele Akti­ onen, der umweltv­Kalender auf unserer Website zeigt aber auch ganzjährig Veranstaltungen mit Umweltbezug an. Wie kam es dazu, dass der Vorarlberger Gemeindeverband die Koordination übernahm? Eine engagierte Bürgerin hat 2009 die Idee einer Umweltwoche erfolgreich in der Stadt Dornbirn umgesetzt. 2010 wurde das Konzept von dem Gemeindeverband dann auf ganz Vorarlberg aus­ geweitet. Wir wurden schon immer als neutraler Partner der Gemeinden wahrgenommen. Daher übernehmen wir die Koordination. Auf der Platt­ form fnden sich aber die verschiedensten Orga­ nisationen, Gemeinden und Partner zusammen. Ohne sie wäre eine Durchführung der Umweltwo­ che nicht möglich. Wie arbeiten Sie mit den Akteurinnen und Akteuren der Umweltwoche zusammen? Ein halbes Jahr vor der Umweltwoche fndet nor­ malerweise ein physisches Treffen in Form einer Plattformsitzung statt. Zudem versenden wir regelmäßig Newsletter und stehen mit den Gemeinden im persönlichen Austausch. Vor und während der Umweltwoche werden mit interes­ sierten Partnern zwei Pressekonferenzen abge­ halten. In den Gemeinden ist die Umweltwoche zudem regelmäßig Thema in den Gremien. Dadurch, dass die Umweltwoche etabliert ist, sind die Abstimmungen deutlich leichter geworden. Besucherinnen und Besucher der ÖBS-Messe, die elektrisch betriebene Nutzfahrzeuge begutachten © Phototree Patrick Kunkel 6. LOKALE BEITRÄGE ZUR AGENDA 2030 IN DER BODENSEEREGION Wie machen Sie Bürgerinnen und Bürger auf die Umweltwoche aufmerksam? 56 Wir nutzen verschiedene Kommunikationsmittel, um möglichst viele Personen zu erreichen. Unsere Webseite hat einen übersichtlichen Kalen­ der mit anstehenden Veranstaltungen. Das Hauptkommunikationsmittel ist jedoch ein Flyer, der jährlich auf die Umweltwoche hinweist. Die­ sen sowie Banner, Lesezeichen und Plakate stel­ len wir unseren Partnern und Gemeinden kosten­ los zur Verfügung. Zudem nutzen wir Facebook und Instagram. Das war dieses Jahr besonders wichtig, da wir erstmalig seit zehn Jahren wegen Corona keine physischen Veranstaltungen durch­ führen konnten. Was hat die Umweltwoche so erfolgreich gemacht und was würden Sie anderen mitgeben? Es spielt uns in die Hände, dass Umweltschutz ein aktuelles Thema ist. Es gab Zeiten, da wurde die Umweltwoche hinterfragt. Zum Erfolg trägt bei, dass viele engagierte Leute von Anfang an dabei sind und mittragen. Anderen würde ich raten, gut und vorausschauend zu planen und sich im Vorfeld mit bestimmten Fragen auseinan­ derzusetzen. Was ist das Ziel? Wen möchte man erreichen? Welche Kommunikationsmittel kann man dafür nutzen? Wer ist engagiert und lässt sich einbinden? Gruppenfoto mit Kindern während der Vorarlberger Umweltwoche © Vorarlberger Gemeindeverband Wo sehen Sie Herausforderungen? Jedes Jahr birgt neue Herausforderungen. Aber gleichbleibend herausfordernd ist, wie wir von einer Zentrale alle Partner sowie Bürgerinnen und Bürger erreichen. Und dann stellt sich bei uns die Frage, wie wir unsere Zielgruppe erweitern. Also wie bekommen wir Leute auf Veranstaltun­ gen, die nicht bereits Interesse an Umweltthemen haben? Was planen Sie für die Zukunft? Wir haben eine Kooperationsanfrage der Caritas zur Agenda 2030. Die globalen Nachhaltigkeits­ ziele sind defnitiv ein Zukunftsthema. Gleichzeitig wollen wir Bestehendes erhalten und ausbauen und noch mehr Leute mit der Umweltwoche ansprechen. Frau Formanek, Herr Lenz: Inwieweit spielen die Agenda 2030 und die globalen Nachhaltigkeitsziele eine Rolle für den ÖBS und die Umweltwoche? Sie spielen beim ÖBS, der Umweltwoche und wei­ teren Aktivitäten des Verbandes mindestens mit­ telbar eine Rolle. Die Nachhaltigkeitsziele dienen uns als Basis und Orientierungshilfe. Es ist aber eine Herausforderung, die bestehenden Dienst­ leistungen mit der Agenda 2030 in Verbindung zu bringen. Hier sind noch Kommunikation und Auf­ klärung notwendig. Weitere Informationen zu Voralberg Kinder tauschen ihr Eigentum © Vorarlberger Gemeindeverband  https://www gemeindeverband at/ 6. LOKALE BEITRÄGE ZUR AGENDA 2030 IN DER BODENSEEREGION Angebot SKEW: Schulungen und Rechtsberatung zu fairer Beschafung Auch die SKEW begleitet Kommunen auf ihrem Weg zu einer nachhaltigen Beschaffung. Neben Einfüh­ rungs­ und Grundlagenschulungen zu fairer Beschaffung und individueller Beratung bietet sie Kommunen an, durch von der SKEW beauftragte Vergabejuristen Leistungen in Anspruch zu nehmen. Das Angebot reicht von der Klärung kleinerer Anfragen oder Unterstützung bei der Formulierung von Handreichungen über die Prüfung von Vergabeunterlagen auf die rechtskonforme Einbindung sozialer Vergabekriterien bis hin zur Begleitung von Vergabeprozessen und Erarbeitung von Musterausschreibungen. Zusätzlich können individuelle Schulungs­ und Vortragsangebote zur erfolgreichen Einführung und Umsetzung fairer Beschaffung in Anspruch genommen werden.  https://skew engagement-global de/rechtsberatung-bei-vergaben html SKEW-Modellprojekt Faire Beschafung Die SKEW unterstützt Kommunen und Organisationen, die sich in Kooperationsprojekten gemeinsam im Handlungsfeld Fairer Handel und Faire Beschaffung engagieren. Sie möchten ein Modellprojekt im Handlungsfeld Fairer Handel und Faire Beschaffung umsetzen? Sie haben eine Idee, um das Volumen für faire Beschaffungsmaßnahmen in Ihrer Kommune zu steigern? Sie wollen das Engagement in Ihrer Kommune zu bestimmten Fairtrade­Produkten gezielt unterstützen? Setzen Sie mit Ihrem Kooperations­ projekt ein Zeichen für einen gerechten Welthandel und reichen Sie Ihren Projektvorschlag ein!  https://skew engagement-global de/fairer-handel-und-faire-beschafung html 57 6. LOKALE BEITRÄGE ZUR AGENDA 2030 IN DER BODENSEEREGION 58 6.9 Liechtenstein – Waterfootprint Das Fürstentum Liechtenstein ist ein erfolgreicher Wirtschaftsstandort. In dem kleinsten Staat im deutschen Sprachraum leben 38.749 Menschen auf einer Fläche von 160,5 Quadratkilometern. Liechtenstein hat eine der höchsten Industriequo­ ten der Welt und ist zudem ein wichtiger Finanz­ platz. Liechtenstein gilt als sehr nachhaltiges und innovatives Land. Der kleine Binnenstaat hat nicht nur eine anspruchsvolle Nachhaltigkeitsstra­ tegie, sondern erfreut sich inzwischen auch an Auszeichnungen und Würdigungen wie „Solar­ weltmeister“ und „erstes Energieland“. Die Regierung hat die globalen Nachhaltigkeits­ ziele zusammen mit dem Regierungsprogramm 2017–2021 als eine der strategischen Leitlinien für die Regierungstätigkeit defniert. Liechten­ stein berücksichtigt in der konkreten Umsetzung alle 17 Nachhaltigkeitsziele, konzentriert sich aber besonders auf diejenigen mit dem größten Handlungsbedarf und Herausforderungen in und für Liechtenstein. Eine wichtige Rolle für den Pro­ zess spielte eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe unter dem Vorsitz des Amtes für Auswärtige Angelegenheiten. Die von der Regierung einge­ setzten Expertinnen und Experten setzten von Beginn an auf einen systematischen Ansatz, um den Umsetzungsstand der Nachhaltigkeitsziele in Liechtenstein zu analysieren und den Handlungs­ bedarf zu defnieren. Der 2019 veröffentlichte Nachhaltigkeitsbericht der Regierung „Nachhaltig­ keit in Liechtenstein“ macht die Ergebnisse dieser Arbeit erstmals vollständig sichtbar: Er beschreibt für alle 17 globalen Nachhaltigkeitsziele die aktu­ elle Situation im Land, die Herausforderungen, aktuelle sowie zukünftige Maßnahmen und gibt eine Gesamtbeurteilung ab. Über die Arbeitsgruppe hinaus wird die Umsetzung der Nachhaltigkeitsstrategie aktiv durch Verwal­ tungsmitarbeitende, einzelne Schlüsselakteurin­ nen und ­akteure, lokalpolitische Initiativen oder Vertretende, gemeinnützige Organisationen, Bil­ dungsinstitutionen und Netzwerke unterstützt. Neben dem Regierungsprogramm 2017–2021 tra­ gen vor allem thematische Strategien auf kommu­ naler Ebene zu den Nachhaltigkeitszielen bei. Die Energiestrategie 2020 mit Zielen zu Energiever­ brauch, Energieeffzienz und erneuerbaren ein­ heimischen Energieträgern adressiert unter ande­ rem das Ziel 7 Bezahlbare und saubere Energie. Eine neue Energiestrategie 2030 ist in Arbeit. Mit der Klimastrategie und der Anpassungsstrategie an den Klimawandel fndet zum Beispiel das Ziel 13 Maßnahmen zum Klimaschutz Eingang. Ebenso fnden sich Bezüge im Mobilitätskonzept 2030 und in der sich noch in Erarbeitung befnd­ lichen Bildungsstrategie 2025, die unter anderem das Ziel 4 Hochwertige Bildung aufgreift. Konkrete Initiativen, Projekte und Maßnahmen, die zu einer Umsetzung der Agenda 2030 vorlie­ gen und zu den Zielen beitragen, sind die Liech­ tenstein­Initiative Finance against Slavery and Traffcking, um den Finanzsektor gegen moderne Sklaverei und Menschenhandel zu mobilisieren, der Waterfootprint Liechtenstein, eine so genannte Public­Private­Partnership, eine Koope­ ration der öffentlichen Hand mit diversen Unter­ nehmen zum Thema Wasser, und die Projekte Energie­ und Klimapioniere sowie Energie­ und Klimawerkstatt für Schülerinnen und Schüler. In weiteren Initiativen nimmt Liechtenstein eine 6. LOKALE BEITRÄGE ZUR AGENDA 2030 IN DER BODENSEEREGION Vorreiterrolle ein: Liechtenstein ist das erste so genannte Energieland – alle 11 Gemeinden sind Energiestädte. Außerdem ist Liechtenstein durch ausgiebige Förderung der erneuerbaren Energien Solarweltmeister mit der höchsten installierten Kapazität an Photovoltaik pro Kopf weltweit und Bioweltmeister in der Landwirtschaft. Pumpstation für ein gesamtes Dorf in Mosambik © Helvetas/ Simon B. Opladen Die Strategie wird der globalen Verantwortung des Landes durch entwicklungspolitisches Enga­ gement in Migration und nachhaltiger Entwick­ lung gerecht: Jährlich wendet Liechtenstein 22,6 Millionen Schweizer Franken für die Internatio­ nale Humanitäre Zusammenarbeit und Entwick­ lung (IHZE) auf. Schwerpunkte der IHZE sind die Armutsbekämpfung, die Bildung, ländliche Ent­ wicklung, Wirtschaftswachstum und Arbeits­ plätze sowie das Migrationsmanagement. Die Umsetzung der Nachhaltigkeitsstrategie wird umfassend verfolgt und systematisch bewertet. Das Amt für Statistik veröffentlicht mit der Publi­ kation Indikatoren für eine nachhaltige Entwick­ lung jährlich einen Indikatorenbericht. Die Liechtensteiner sehen in ihren Nachhaltig­ keitsstrategien beziehungsweise dem Agenda 2030­Prozess mehrere Vorteile: Teilhabe an und Austausch mit einem globalen Netzwerk, interna­ tionale Zusammenarbeit mit anderen Gebietskör­ perschaften, Städten, Gemeinden und Kommunen, eine höhere Identifkation der Bevölkerung mit der liechtensteinischen Nachhaltigkeitsstrategie sowie eine Stärkung der Region und der grenz­ übergreifenden Zusammenarbeit. Liechtensteins strategisch verankerte Teilnahme am European Energy Award, den Energiestadt­ und Fairtrade­Stadt­Programmen sowie der UNICEF­Initiative Kinderfreundliche Gemeinde eignen sich alle zur Umsetzung der Agenda 2030. Akteurinnen und Akteure wie gemeinnützige Organisationen, Schulen, Universitäten, Interes­ sensverbände (zum Beispiel Industrie­ und Han­ delskammer) sind alle bei Aktivitäten eingebun­ den. Veranstaltungen, Tagespresse und Social Media kommen bei der Information und Kommu­ nikation rund um die Nachhaltigkeitsaktivitäten zum Einsatz. Die Regierung und deren Amtsstel­ len sind in Liechtenstein essenzielle Akteurinnen, um die Agenda 2030 und andere Nachhaltigkeits­ ziele zu erreichen. Dabei gilt es, manche Hürden wie die Koordination zwischen Ministerien und Amtsstellen sowie die Einbindung von privaten und zivilgesellschaftlichen Akteurinnen und Akteuren zu überwinden. Viele liechtensteinische Gemeinden beginnen jetzt, die Agenda 2030 konkret in ihre Aktivitäten aufzunehmen. Praxisbeispiel: Waterfootprint Liechtenstein Wasser ist eine immer knapper werdende Res­ source in vielen Regionen der Welt. In der Boden­ seeregion ist das Thema bekannt. Bereits 1972 wurde die Internationale Bodensee­Konferenz ins Leben gerufen, um das Wassereinzugsgebiet und den See selbst vor den negativen Auswirkungen durch Abwässer, Düngemittel und Pestizide zu schützen. Sauberes Trinkwasser ist auch weltweit nicht selbstverständlich: Global gesehen ist Was­ ser in vielen Gebieten eine knappe und äußerst kostbare Ressource. Als lebensspendendes Ele­ ment trägt Wasser aber wesentlich zur Erhöhung der Lebensqualität bei. Deshalb ist es entschei­ dend, so vielen Menschen wie möglich Zugang zu sauberem Trinkwasser zu verschaffen. Als erstes Land der Welt führte das Fürstentum Liechtenstein 2017 den Waterfootprint Liechten­ stein für die rund 38.500 Einwohnerinnen und Einwohner Liechtensteins ein. Liechtenstein nimmt damit eine Vorreiterrolle ein und engagiert sich konkret und tatkräftig für ökologische und soziale Ziele. Umgesetzt wird der Waterfootprint Liechtenstein durch den gemeinnützigen Verein Drink & Donate, der 2010 in Zürich von drei Liechtensteinern gegründet wurde und seit 2017 zusätzlich in Liechtenstein tätig ist, mit der Unter­ 59 6. LOKALE BEITRÄGE ZUR AGENDA 2030 IN DER BODENSEEREGION stützung von der LIFE Klimastiftung und der Liechtensteinischen Landesverwaltung. 60 Drink & Donate hat sich anspruchsvolle Ziele gesetzt: Mit dem Waterfootprint Liechtenstein soll für jede Einwohnerin und jeden Einwohner des Fürstentum Liechtensteins einem Menschen der Zugang zu qualitativ gutem Wasser verschafft werden: also die Lebensbedingungen von rund 38.500 Menschen in Not verbessert und damit auch einen wichtiger Beitrag geleistet werden, das Menschenrecht auf sauberes Trinkwasser zu erfüllen. Die Resolution der Vereinten Nationen Sauberes Wasser als Menschenrecht für alle haben das Fürstentum Liechtenstein und die Schweiz zusammen mit 122 anderen Ländern angenommen. Sauberes Trinkwasser steht für eine bessere Lebensqualität © Helvetas/Flurina Rothenberger Leitungswasser trinken, weniger Mineralwasser verbrauchen und einen Teil des eingesparten Gel­ des spenden ist das Prinzip von Drink & Donate. Der Verein setzt sich für den Konsum von quali­ tativ herausragendem Leitungswasser anstelle von auf dem Straßenweg transportierten Marken­ wassers ein. Mit Konzepten für die Bereiche Unternehmen, Gastronomie, Hotellerie, Events und Privatpersonen generiert der Verein Spenden und fnanziert damit Trinkwasserprojekte, die bedürftigen Menschen den Zugang zu sauberem Trinkwasser ermöglichen. Sauberes Wasser als Basis für Leben: Der Water­ footprint Liechtenstein setzt sich zusammen aus einer ökologischen und einer sozialen Kompo­ nente. Der „ökologische Fußabdruck“ steht für einen verantwortungsvollen Umgang mit natürli­ chen Ressourcen. Dazu gehört ein bewussteres Konsumverhalten. Im Rahmen des Waterfoot­ print Liechtenstein verzichten die Konsumentin­ nen und Konsumenten auf Mineralwasser, das auf dem Straßenweg transportiert wird und damit unnötig die Umwelt belastet. Stattdessen konsumieren sie vermehrt Leitungswasser, des­ sen Qualität in Liechtenstein sehr hoch ist. Wie bekannt ist die Tatsache, dass Leitungswasser tausendmal umweltfreundlicher als Mineralwas­ ser ist? Aus Sicht der Ökobilanz ist der Fall klar: Leitungswasser schneidet bei weitem am besten ab. Wer Wasser aus dem Hahn trinkt, tut also auch der Umwelt Gutes. Doch auch der humanitäre Aspekt des Waterfoot­ print Liechtenstein – der soziale Fußabdruck – ist wichtig. Durch die Spenden für Trinkwasserpro­ jekte erhalten zahlreiche Menschen in Gebieten mit unzureichender Wasserversorgung einen langfristigen Zugang zu sauberem Wasser. Das ist die Basis für Gesundheit und Wohlstand – und damit lebenswichtig. Das Projekt hat großen Erfolg: Dank der von Drink & Donate eingenommenen Trinkwasser­ spenden konnte seit 2010 bereits für über 86.713 Menschen in Entwicklungsländern wie Tansania, Mosambik, Nepal oder Bangladesch ein langfristi­ ger Zugang zu sauberem Trinkwasser geschaffen werden. Der Waterfootprint Liechtenstein hat das von 2017 bis 2020 für 31.145 Menschen erreicht, für die weiteren 55.568 hat das Drink & Donate in Zürich geschafft. Zapfstelle für ein Bergdorf in Nepal © Helvetas/Flurina Rothenberger 6. LOKALE BEITRÄGE ZUR AGENDA 2030 IN DER BODENSEEREGION 61 6.10 St. Gallen – Sharing is Caring Die Stadt St. Gallen gilt als kulturelles und wirt­ schaftliches Zentrum der Ostschweiz. Sie liegt im Kanton St. Gallen und umfasst eine Fläche von 39,38 Quadratkilometern. 75.341 Menschen leben in St. Gallen. Ende der neunziger Jahre startete die Stadt den Prozess einer Lokalen Agenda 21. Die Verwaltung führte eine Situationsanalyse durch und die Dienststelle Umwelt und Energie wurde als Koordinations­ und Anlaufstelle bestimmt. Begleitend wurden verschiedene Kom­ munikationsaktivitäten wie Informationsveran­ staltungen, Messeauftritte oder Weiterbildungs­ anlässe organisiert. Weiter engagiert sich St. Gallen seit 20 Jahren im Cercle Indicateurs, einem nationalen Netzwerk, das sich mit der Messung der nachhaltigen Ent­ wicklung in den Kantonen und Städten befasst und ein Indikatorenset nachhaltige Entwicklung erarbeitet hat. Das Set wurde kürzlich auf die Ziele der Agenda 2030 hin überarbeitet. Zudem verfügt die Stadt St. Gallen mit der Projekteana­ lyse nachhaltige Entwicklung über ein Instrument zur Beurteilung von Projekten. Die nachhaltige Entwicklung der Stadt ist mit ver­ schiedenen Themen auch in der Vision 2030 und in den Legislaturzielen verankert. Der Klimaschutz steht im Fokus des Energiekonzepts 2050 und das Umweltkonzept konzentriert sich unter ande­ rem auf die Erhaltung und Förderung der Biodi­ versität und die Anpassung an den Klimawandel. Die Konzepte knüpfen damit zum Beispiel an die globalen Nachhaltigkeitsziele 7 Bezahlbare und saubere Energie, 11 Nachhaltige Städte und Gemeinden sowie 13 Maßnahmen zum Klima­ schutz an. Mit dem Label Energiestadt trägt St. Gallen den European Energy Awards in Gold als höchste Auszeichnung für Städte und Gemeinden, die sich kontinuierlich für eine effziente Nutzung von Energie, erneuerbare Energien und Klima­ schutz engagieren und besonders hohe Anforde­ rungen erfüllen. Am 27. September 2020 beschloss das Stimm­ volk, den Artikel Klimaschutz und Klimawandel in der Gemeindeordnung zu verankern: Art. 3ter (neu) Klimaschutz und Klimawandel 1. Die Stadt verfolgt das Ziel, bis zum Jahr 2050 klimaneutral zu werden und strebt bis dahin die vollständige Dekarbonisierung an. 2. Die Stadt trift geeignete Maßnahmen, um den negativen Folgen des Klimawandels entgegenzuwirken. Zur Reduktion der Klimagasemissionen bis 2050 auf Netto­Null (Netto­Null­2050) liegt auf lokaler Ebene eine Roadmap vor. Netto­Null bedeutet, dass gemäß den aktuellsten wissenschaftlichen Erkenntnissen (IPPC­Report) sämtliche Treibhaus­ gasemissionen bis 2050 unter dem Strich bei null liegen müssen, um die Erderwärmung bei 1,5 Grad Celsius zu stoppen. Eine Erweiterung des Energiekonzepts 2050, das auch die Bereiche Konsum und Ressourcen umfasst, ist in Arbeit. St. Gallen ist sich seiner globalen Verantwortung bewusst und engagiert sich im Klimabündnis Schweiz sowie im europäi­ schen Klimabündnis. Gemeinsam mit Winterthur und Schaffhausen werden regelmäßig fnanzielle Beiträge Entwicklungshilfeprojekten zugesprochen. Weiter ist die Stadt mit der Universität, der Fach­ hochschule St. Gallen und der Pädagogischen Hochschule Mitglied der Blue Community Initia­ tive, die sich dafür einsetzt, dass Wasser als öffentliches Gut geschützt und als Menschenrecht anerkannt wird. 6. LOKALE BEITRÄGE ZUR AGENDA 2030 IN DER BODENSEEREGION 62 An vielen der Aktivitäten sind Netzwerke wie der Verein OstSinn – R aum für mehr, gemeinnützige Organisationen, diverse Interessengemeinschaf­ ten wie Wirtschafts­ und Umweltverbände sowie Schulen und Universitäten und lokale Unterneh­ men beteiligt oder in die Zusammenarbeit einge­ bunden. Über die nachhaltige Entwicklung beziehungs­ weise über laufende Projekte und den Verlauf der Indikatoren wird alle vier Jahre im städtischen Umweltbericht kommuniziert. Zudem informiert die Dienststelle auf verschiedenen Veranstaltun­ gen, im Internet oder mit Kampagnen wie cle­ vermobil, clevergeniessen oder watt bin ich zu den Themenbereichen Umwelt, Energie und Nachhaltigkeit. Die Ausrichtung von Projekten und Konzepten im Sinne der Agenda 2030 ermöglicht eine breite und ausgewogene Sicht. Dies ist keine Zusatzauf­ gabe, sondern ein anderer, ganzheitlicher Fokus auf die bestehenden Aufgaben, Prozesse und Vor­ haben. Zur Umsetzung der nachhaltigen Entwick­ lung sind innovative Projekte wie Share Gallen sehr wichtig und geben dem Thema ein Gesicht. Praxisbeispiel: Share Gallen Der intelligente Einsatz und die Erhaltung unserer natürlichen und gemeinsamen Ressourcen ist ein wichtiges Ziel des städtischen Energiekonzepts 2050. Dazu gehört auch das gemeinsame Nutzen, Teilen („Sharing“) von Räumen, Gegenständen und Dienstleistungen. Die Dienststelle Umwelt und Energie der Stadt St. Gallen hat deshalb das Projekt „Share Gallen“ lanciert und unterstützt regionale und in der Region tätige nationale Sha­ ring­Initiativen. Die Stadt sieht sich hier als Vor­ bild, Katalysatorin, Vernetzerin und Förderin. Wie hat St. Gallen die Initiative zum Erfolg gebracht? Und welche Rahmenbedingungen und Akteurinnen und Akteure haben geholfen? Ausgangspunkt und Auslöser für „Share Gallen“ war das Forschungsprojekt „ShareCity“ der Hoch­ schule Luzern, in dem sich St. Gallen als Modell­ stadt engagierte. Die Arbeiten zeigten, dass es sich um einen interessanten neuen Ansatz han­ delte und dass bereits eine Vielfalt an Sharing­ Initiativen existierte. Die Angebote reichen vom gemeinsamen Nutzen von Gegenständen im All­ tag bis hin zu Dienstleistungen und ganzen Büro­ räumen. Die Idee war, in einem Netzwerk einen Erfahrungsaustausch zu ermöglichen, Synergien zu nutzen und eine Kommunikationsplattform zu schaffen. Der Aufbau des Netzwerks fand in einem partizipativen Prozess in enger Zusam­ menarbeit mit dem Verein OstSinn – Raum für mehr und den verschiedenen Sharing­Organisati­ onen statt. Die Stadt erhielt vom Bundesamt für Raumentwicklung ARE einen fnanziellen Beitrag im Rahmen des Förderprogramms Nachhaltiger Konsum und nutzt diesen zur Weiterentwicklung des Netzwerkes. Im April 2018 fand unter dem Motto „Teilen und erleben statt besitzen“ der erste Share­Gallen­ Markt statt. Er war zugleich Netzwerkveranstal­ tung mit einem Workshop zu den Bedürfnissen der beteiligten Sharing­Organisationen und erster öffentlicher Markt mit rund 20 Sharing­Angebo­ ten. Mit dem Verein OstSinn und verschiedenen Sharing­Anbietenden wurden Share Gallen wei­ terentwickelt sowie eine Vision und Ziele erarbei­ tet. Im September 2019 fand der zweite öffentli­ che Share­Gallen­Markt in der Innenstadt statt – und war ein großer Erfolg. Passend zum Thema fand der Markt in der #smarthalle statt – eine durch die Stadt organisierte temporäre Nutzung eines Ladenlokals. 17 Organisationen präsentier­ ten ihr Angebot an Ständen und stellten ihre Akti­ vitäten in kurzen Pitches vor. Diese wurden begleitend von einem Illustrator live visualisiert. Das Publikumsinteresse war groß und es gab viele positive Rückmeldungen der Teilnehmen­ den. Share Gallen wird laufend weiterentwickelt und es sind auch weitere öffentliche Anlässe geplant. Zudem wird ein Internetauftritt erarbeitet. Sharing Angebote in St. Gallen © St. Gallen 6. LOKALE BEITRÄGE ZUR AGENDA 2030 IN DER BODENSEEREGION 63 6.11 Zürich – Der Textilrechner für Klimaschutz in der Beschafung Die Reduktion von direkten und indirekten Treib­ hausgasemissionen verfolgt die Stadt Zürich im Rahmen aller klimarelevanten Politiken und Stra­ tegien. Dazu gehören verschiedene Strategien und Programme wie die Masterpläne Energie und Umwelt, die Energieplankarte, die 7­Meilenschritte zum umwelt­ und energiegerechten Bauen stadt­ eigener Liegenschaften, der Stadtverkehr 2025, die nachhaltige Beschaffung, die Strategie nach­ haltige Ernährung Stadt Zürich und die Fahrzeug­ politik. Die Umsetzung dieser Strategien äußert sich in verschiedenster Weise. Konkret bezieht die Stadt­ verwaltung zu 100 Prozent erneuerbaren Strom, die Busse der städtischen Verkehrsbetriebe wer­ den zunehmend elektrisch betrieben und städti­ sche Neubauten genügen den höchsten energeti­ schen Anforderungen. Bei der Lebensmittelbe­ schaffung für Schulen und Alterszentren werden ökologische Aspekte berücksichtigt und Lebens­ mittelabfälle reduziert. Für Hauseigentümerschaf­ ten bietet die Stadt ein umfassendes Beratungs­ und Begleitangebot zur energetischen Erneuerung und zum klimafreundlichen Heizungsersatz. Das öffentliche Fernwärmenetz sowie der öffentliche ERZ Elektrofahrzeug für Entsorgung und Recycling Zürich © ERZ Entsorgung und Recycling Zürich 6. LOKALE BEITRÄGE ZUR AGENDA 2030 IN DER BODENSEEREGION 64 Verkehr werden attraktiv ausgebaut. Kleine und mittlere Unternehmen können sich über das Angebot Öko­Kompass in Hinblick auf mehr Nachhaltigkeit in ihren Betrieben beraten lassen. Die Bevölkerung wird über verschiedene Informa­ tionskanäle auf zahlreiche Möglichkeiten hinge­ wiesen, sich ökologisch und klimafreundlich zu verhalten. Aktuell prüft die Stadt Zürich eine Anpassung des Klimaschutzziels in Richtung Netto­Null und hat dazu eine umfangreiche Studie anfertigen lassen. In Kürze wird der Stadtrat entscheiden, wie schnell und auf welchem Weg Zürich zur Netto­Null­Stadt werden soll. Neben dem Klimaschutz ist die Stadt Zürich seit 2010 auch im Bereich der Klimaanpassung aktiv. Ein wichtiger Meilenstein ist die Fachplanung Hitzeminderung, mit deren Hilfe einer weiteren Überwärmung der Stadt entgegengewirkt werden soll. Sie basiert auf Klimaanalysen und beinhaltet für verschiedene Stadtstrukturtypen Empfehlungen zu wirksamen Kombinationen von Maßnahmen. Im Hochwasserschutz, dem Gesundheitsschutz bei Extremereignissen oder beim Monitoring und der Bekämpfung von Schädlingen wie der Tiger­ mücke ist die Stadt zudem schon länger aktiv. Als weitere wichtige Umweltthemen sind die För­ derung der Biodiversität auf Stadtgebiet sowie der Lärmschutz zu nennen. Die Aktivitäten im Bereich Umweltschutz und Ressourcenschonung erfolgen gestützt auf die Gemeindeordnung. In ihr sind zum Beispiel Ziele zu Ressourcenscho­ nung, zum Klimaschutz, zum Schutz des Men­ schen vor gesundheitsbelastenden Auswirkungen des Verkehrs, zur nachhaltigen Ernährung, zum Erhalt von Freiräumen, Förderung von kleinen und mittleren Unternehmen, preisgünstigem Wohn­ und Gewerberaum und andere Themen verankert und weisen einen engen Bezug zu den Nachhaltigkeitszielen 11 Städte und Siedlungen inklusiv, sicher, widerstandsfähig und nachhaltig gestalten, 12 Nachhaltige/r Konsum und Produk­ tion und 13 Maßnahmen zum Klimaschutz auf. Aktuell wird auch die Umweltpolitik weiterent­ wickelt und im Stadtrat diskutiert. Diese sieht eine Weiterentwicklung in verschiedenen Umweltzielen vor und weist den Bezug zu den Nachhaltigkeitszielen explizit aus. Einen guten und für die Öffentlichkeit zugängli­ chen Überblick über die Aktivitäten der Stadt fn­ det sich im Umweltbericht der Stadt Zürich in den Kapiteln Massnahmen Stadt oder spezifscher zu den umweltrelevanten Energiethemen im Bericht Energiepolitik der Stadt Zürich. Mit Blick auf die Reduktion der Auswirkungen unseres Konsums sind künftig verstärkt Anstren­ gungen geplant. Ein besonders relevantes Kon­ sumhandlungsfeld sind die Textilien, wo die Stadt nun vorangeht und künftig auch die Zusammen­ arbeit mit der Textilbranche und dem Detailhandel suchen möchte. Praxisbeispiel: Der Textilrechner für Klimaschutz in der Beschafung Ein wichtiges Beispiel war im Jahr 2019 die Beschaffung von Uniformen für die städtischen Verkehrsbetriebe. Nachhaltig einkaufen bedeutet für die Stadt Zürich umwelt­ und klimafreundlich sowie sozial verantwortungsvoll produzierte und qualitativ hochwertige Produkte zu beschaffen. Textilproduktion hat weitreichende Auswirkungen auf die Umwelt. Laut einer Studie der Schweizer Agentur Quantis gemeinsam mit der US­amerika­ nischen Stiftung ClimateWorks Foundation von 2018 verursacht die Bekleidungsindustrie weltweit vier Milliarden Tonnen Treibhausgasemissionen, mehr als alle internationalen Flüge und Fracht­ schiffe zusammen. Die Modeindustrie belastet Gewässer und Umwelt und ist verantwortlich für verheerende Arbeitsbedingungen. Auch die Stadt Blick auf die Zürcher Bahnhofstrasse mit ihrer Einkaufsmeile © UGZ, Stadt Zürich 6. LOKALE BEITRÄGE ZUR AGENDA 2030 IN DER BODENSEEREGION Zürich sieht sich daher in der Pficht, genauer hinzuschauen. Nachhaltig einkaufen bedeutet für die Stadt umwelt­ und klimafreundlich sowie sozial verantwortungsvoll produzierte und quali­ tativ hochwertige Produkte zu beschaffen. Denn die öffentliche Beschaffung ist ein wichtiger Hebel für mehr Umwelt­ und Klimaschutz und faire Arbeitsbedingungen in den Produktionsländern. Der Umwelt­ und Gesundheitsschutz Zürich hat deshalb ein eigenes Tool entwickeln lassen. Der Nachhaltigkeitsrechner Textilien oder kurz Textil­ rechner erfasst ökologische und soziale Nachhal­ tigkeitsaspekte bei der Beschaffung von Textilien. Der Textilrechner kommt bei der Angebotsabgabe von Unternehmen für die zu beschaffenden Texti­ lien zum Einsatz. Dabei erfasst der Textilrechner folgende Angaben der Anbietenden: Eigenschaf­ ten des Produkts und die Lieferkette, Standards/ Zertifkate/Labels/Initiativen sowie soziale und ökologische Aspekte entlang der Lieferkette. Als Resultat bewertet der Textilrechner, inwieweit die Sozial­ und Umweltkriterien erfüllt sind. Mit der hinterlegten Ökobilanz­Datenbasis werden die vermiedenen Treibhausgasemissionen der Texti­ lien berechnet. Die berechnete Klimawirkung basiert auf Angaben zu den verwendeten Fasern (zum Beispiel Baumwolle, Wolle, Polyester), zu Technologien und Prozessen (zum Beispiel Anbaumethode, Spinntechnik), zu den Produkti­ onsstandorten (zum Beispiel Energiemix), zum Transport und zur Entsorgung der Textilien. Die Nutzungsphase der Kleidung wird bei den Berechnungen nicht berücksichtigt. Der Textilrechner verknüpft die Angaben der Anbietenden mit Ökobilanzdaten (WALDB­Daten­ bank von Quantis) und berechnet so die Treib­ hausgasemissionen in CO2­Äquivalenten der Tex­ tilien. Indem er die angebotenen Textilien mit einem Referenzprodukt vergleicht, können die theoretisch vermiedenen Treibhausgasemissionen berechnet und visualisiert werden. Mit dem Textil­ rechner werden also alle anbietenden Unterneh­ men aufgefordert, die Lieferketten offenzulegen. Und die automatisierte Auswertung der Antwor­ ten zu Umwelt­ und Sozialfragen macht die Bewertung der eingehenden Angebote enorm effzient. Der Textilrechner bietet gleich in mehrfacher Hin­ sicht einen Nutzen. In den vergangenen Jahren hat sich ein größeres Bewusstsein für den Klima­ schutz entwickelt. Auch auf politischer Ebene wird die Quantifzierung von Treibhausgasemissi­ onen immer mehr gefordert. Der Textilrechner bildet somit eine gute Basis für klimaoptimiertes Einkaufen. Außerdem bietet das Tool für die öffentliche Hand den großen Vorteil, dass durch anspruchsvolle Nachhaltigkeitskriterien ökologi­ sche und soziale Verantwortung eingefordert wer­ den kann. Zentral ist dabei, dass die gesamte Lie­ ferkette einbezogen wird. Nur wer seine eigene Lieferkette kennt, kann entsprechend Einfuss auf seine Lieferantinnen und Lieferanten ausüben und Verantwortung übernehmen. Auch für die anbietenden Unternehmen ergibt sich daher einen Mehrwert. Sie haben die Chance, Lücken und Schwachstellen in ihrer eigenen Lieferkette zu erkennen und zu verbessern. Mitarbeitende der Züricher Verkehrsbetriebe in Uniform, die unter Berücksichtigung ökologischer und sozialer Kriterien beschaft wurde © VBZ Der Textilrechner wurde im Januar 2020 erstmals für eine noch laufende Vergabe verschiedener Oberbekleidungen eingesetzt. Das Open­Source­ Tool wird nun bei weiteren Textilausschreibungen der Stadt Zürich verfeinert, bevor er zur breiten Anwendung auch anderen Kantonen und Gemein­ den zur Verfügung steht. 65 7. REGIONALE INSTITUTIONEN UND INITIATIVEN 66 Die lokalen Beiträge zur Umsetzung der Agenda 2030 haben bereits gezeigt, dass es in der Bodenseeregion neben den kommunalen Gebietskörperschaften auch andere Institutionen vor Ort gibt, die eine Umsetzung der globalen Nachhaltigkeitsziele auf lokaler Ebene unterstützen. Einige blicken auch über den nationalen Tellerrand und suchen, sich international zu vernetzen. Einige dieser Initiativen und Programme sind spezifsch nur in der Bodenseeregion zu fnden, könnten aber so oder ähnlich auch in anderen Regionen und mit anderen Stakeholdern etabliert werden. Die hier vorgestellte Auswahl an Initiativen soll einen Überblick für interessierte Kommunen geben. 7.1 Internationale Bodensee-Konferenz (IBK) Die Internationale Bodensee­ Konferenz (IBK) defniert sich als kooperativer Zusam­ menschluss der an den Bodensee angrenzenden und mit ihm verbundenen Länder Baden­Württemberg, Bayern, Vorarlberg, der Kantone Schaffhausen, Zürich, Thurgau, St. Gallen, Appenzell Ausserrho­ den und Appenzell Innerrhoden sowie des Für­ stentums Liechtenstein. Die IBK wurde 1972 ins Leben gerufen, um den Bodensee und sein Was­ sereinzugsgebiet von dramatischen Umweltprob­ lemen zu befreien. Die Notwendigkeit, sich in Umwelt­, Raumordnungs­ und Gewässerschutzfra­ gen grenzübergreifend abzustimmen, bildete bereits seit den 1960er und 1970er Jahren den Ausgangspunkt für die aktuelle Kooperation der Bodensee­Anrainerländer und ­kantone auf politi­ scher Ebene. Die IBK hat sich zum Ziel gesetzt, die Bodensee­ region als attraktiven Lebens­, Natur­, Kultur­ und Wirtschaftsraum zu erhalten und zu fördern und die regionale Zusammengehörigkeit zu stärken. Durch die politische Abstimmung und gemein­ same Projekte leistet die IBK einen nachhaltigen Beitrag zur Überwindung der Grenzen in der Region. Das Leitbild der IBK für den Bodensee­ raum bildet die Grundlage der Zusammenarbeit. Die Internationale Bodensee­Konferenz versteht nachhaltige Entwicklung als eine fach­ und sekto­ renübergreifende Aufgabe für alle ihre Gremien. Eine von der Regierungschefkonferenz einge­ setzte Projektgruppe aus Nachhaltigkeitsfachleu­ ten und Vertreterinnen und Vertretern der IBK­ Kommissionen hat zwischen 2010 und 2012 Emp­ fehlungen zur Integration der nachhaltigen Ent­ wicklung in die Strukturen und Arbeit der IBK und zur Etablierung des Bodenseeraumes als Modellregion für nachhaltige Entwicklung erar­ beitet. Diese werden aktuell umgesetzt. Neben der Verstärkung von kommissionsübergreifender Zusammenarbeit, Beteiligung und inhaltlicher Diskussion steht vor allem auch die stärkere Ori­ entierung auf die Wirkungen des eigenen Tuns im Vordergrund. Ein Projektchecksystem wurde erstellt, das als Instrument online frei zur Verfü­ gung steht. Linktipp Internationale Bodenseekonferenz  https://www bodenseekonferenz org/de/home 7. R E G I O N A L E I N S T I T U T I O N E N U N D I N I T I AT I V E N 7.2 Bodensee-Stiftung Seit ihrer Gründung vor einem Vierteljahrhundert zeichnet sich die Bodensee­Stiftung durch effektive Kommunika­ tion und partnerschaftliche Aktionen aus, mit Landwirtin­ nen und Landwirten, Unternehmen, Gemeinden, regionalen und nationalen Behörden und lokalen und nationalen Umweltorganisationen. Gegründet wurde die Bodensee­Stiftung von sechs Umweltverbänden aus den drei unmittelbaren Bodensee­Anrainerstaaten Deutschland, Öster­ reich und der Schweiz. Sie ist engagiert in den Bereichen Unternehmen und Biologische Vielfalt, Landwirtschaft und Klima, Energiewende, Natur­ und Gewässerschutz sowie Umweltbildung. Dabei hat die Organisation sowohl das Ganze im Blick als auch die konkrete Umsetzung. In über 40 Modellprojekten mit einem Volumen von 35 Milli­ onen Euro hat die Bodensee­Stiftung gezeigt, dass „nachhaltige Entwicklung keine Worthülse bleiben muss, sondern konkret umgesetzt werden kann“, sagt Geschäftsführerin Marion Hammerl. Die Kompetenz der Stiftung in europäischen Pro­ jekten ist anerkannt und gefragt. Die Projekte sind innovativ und weit über den Bodenseeraum bekannt. In der Region helfen sie häufg insbe­ sondere Gemeinden und Landkreisen. Biodiversität Agrarlandschaften und biologische Vielfalt müssen sich nicht ausschließen. Das zeigt die Bodensee­ Stiftung in einem Projekt zur Förderung der Wild­ bienen­Vielfalt. Partnerinnen sind die REWE Group, die Obst vom Bodensee Vertriebsgesellschaft mbH und Imkergruppen. Mit Nisthilfen, Blühfä­ chen und Gehölzpfanzungen in und um Obstan­ lagen konnte die Wildbienen­Vielfalt im Großraum dem bundesweiten Trend trotzen und erhöht werden. 117 Wildbienen­Arten wurden ermittelt, darunter 25 bedrohte. Das Projekt ist mittlerweile für 13 Obstanbau­Regionen in ganz Deutschland und Österreich Vorbild. Ein kommunales Biodiver­ sitätsprojekt wurde kürzlich mit dem Landkreis Ravensburg umgesetzt. Klimaschutz Die Stiftung vermittelt, unterstützt und informiert zur lokalen und regionalen Energiewende durch erneuerbare Ressourcen, insbesondere Solarsys­ teme. Dies verfolgt die Stiftung in Harmonie mit einem breiten Spektrum anderer lokaler und regionaler Nachhaltigkeitsprojekte. Ein wichtiger Bereich im Klimaschutz ist im Agrarbereich zu fnden. Die Landwirtschaft ist durch fossilen Energieverbrauch, Bodenerosion, Humusabbau, Methan­ und Lachgasemissionen Mitverursacher des Klimawandels. Das EU­Projekt LIFE AgriCli­ mateChange mit Partnern aus Frankreich, Spa­ nien und Italien zeigt, wie landwirtschaftliche Betriebe ihre Klimawirkung verringern können. Mit Hilfe eines praktischen Instruments können Landwirtinnen und Landwirte mit konkreten Klimaschutz­Maßnahmenplänen Einspareffekte bezüglich Energie und Treibhausgasen von 10 bis 40 Prozent erzielen. Das Projekt erhielt 2015 den „Best of the Best” LIFE Environment Projects Award und wurde 2016 mit dem Green Award von der EU­Kommission als eines der besten LIFE­Projekte der letzten 25 Jahre ausgezeichnet. Ressourcenmanagement Entsorgung, Energiegewinnung, belastete Abwäs­ ser und Landschaftspfege sind Themenkomplexe mit vielen Herausforderungen, die alle im Projekt CoAct zusammenkommen: Laub oder Land­ schaftspfegematerial, das sonst keine hochwertige Verwertung fndet, wird mittels des innovativen IFBB­Verfahrens (Integrierte Festbrennstoff­ und Biogasproduktion aus Biomasse) zum Energieträ­ ger und Aktivkohle zur Reinigung von Abwasser aufgewertet. Gemeinsamen mit der Uni Kassel, der Stadt Friedrichshafen, dem Bodenseekreis sowie fünf weiteren Partnern wird neben der Kohleaktivierung auch die Co­Action also Zusam­ menarbeit von Stadt und Landkreis untersucht. Das Ziel ist, Synergieeffekte in den Gebietskörper­ schaften zu erzielen. Linktipps Bodensee­Stiftung  https://www bodensee-stiftung org/  Biodiversitätsstrategie des Landkreises Ravensburg (PDF) 67 7. R E G I O N A L E I N S T I T U T I O N E N U N D I N I T I AT I V E N 7.3 Blue Communities 68 Blue Community ist eine internati­ onale Initiative, die sich für eine nachhaltige Wasserversorgung einsetzt und damit direkt zum Erreichen des Nachhaltigkeitsziels 6 Sauberes Wasser und Sanitär­ einrichtungen beiträgt. Weltweit besteht die Initi­ ative aus 49 Kommunen, Städten, Universitäten und Institutionen, die den Blue­Community­Prin­ zipien folgen. Sie erkennen Wasser als öffentli­ ches Gut an und setzen sich dafür ein, dass Was­ serversorgung und Abwasserentsorgung auch zukünftig in öffentlicher Hand bleiben. Die Blue Communities unterstützen das Menschenrecht auf Zugang zu sauberem Trinkwasser und Sani­ tärversorgung, fördern den schonenden Umgang mit Wasserressourcen und die Nutzung von Lei­ tungswasser statt Wasser aus Flaschen. Ihre glo­ bale Verantwortung nimmt die Initiative wahr, indem sie andere Länder durch Partnerschaften dabei unterstützt, eine öffentliche, funktionie­ rende Trinkwasserversorgung bereitzustellen. Hiermit werden zudem die globalen Nachhaltig­ keitsziele 1 Keine Armut, 2 Keine Hungersnot, 3 Gute Gesundheitsversorgung sowie 14 Leben unter dem Wasser unterstützt. In der Bodenseeregion sind Kempten und St. Gallen Blue Communities. Kempten trat der Initiative im Herbst 2019 bei. Das Kemptener Kommunalunter­ nehmen (KKU) startete daraufhin die Kampagne TRINK Allgäuer Leitungs­WASSER, um Bürgerin­ nen und Bürger die Vorteile von Leitungswasser nahe zu bringen. Der Zweckverband Fernwasser­ versorgung Oberes Allgäu (FWOA) unterstützt seit 15 Jahren Projekte des Vereins Wasser für Senegal. Er berät Kommunen vor Ort bei der Finanzierung und dem Bau von Brunnenanlagen und kleinen Fernwasserversorgunganlagen. Im Zuge dessen werden auch umliegende Einrichtungen und Sani­ täranlagen erneuert. Dem FWOA ist es wichtig, mit der Bevölkerung vor Ort zusammenzuarbei­ ten. So wird zusammen mit Frauenkooperationen Gartenland zum Brunnen hergestellt, das einen Beitrag zur Lebensmittelversorgung der Dorfge­ meinschaft leistet. In St. Gallen führte das Stadtparlament 2019 im Rahmen der Aktivitäten von Blue Communities einen Wasserrappen ein: Pro Kubikmeter Wasser, der bezogen wird, fießen zwei Rappen (Schweizer Franken) in ausländische Wasserprojekte. Die Erwartung ist, dass ungefähr 120.000 Franken pro Jahr zusammenkommen. Darüber hinaus ist St. Gallen über ein jährlich stattfndendes Treffen mit den anderen Schweizer Blue Communities vernetzt. Linktipp Blue Community Deutschland  https://www blue-community-deutschland com/ 7. R E G I O N A L E I N S T I T U T I O N E N U N D I N I T I AT I V E N 7.4 Klima-Bündnis 7.5 2.000-Watt-Gesellschaft Das Klima­Bündnis ist das welt­ weit größte Netzwerk für Städte und Gemeinden, das sich dem Klimaschutz widmet. Die rund 1.800 Mitglieder verteilen sich auf 27 europäische Länder. Sie erkennen den Einfuss lokaler europäischer Lebensstile auf bedrohte Völker und Orte weltweit an. Daher verpfichten sie sich im Klima­Bündnis dazu, ihre Treibhausgasemissionen alle fünf Jahre um zehn Prozent zu senken. Ziel des Bündnisses ist es, dass Kommunen ihre Emissionen auf 2,5 Tonnen CO2­Äquivalente pro Einwohnerin und Einwohner und Jahr durch Ein­ sparungen, Effzienz und das Nutzen erneuerbarer Energien senken. Außerdem streben Gemeinden und Kommunen gemeinsam mit indigenen Völ­ kern eine Klimagerechtigkeit an. Das tun sie, indem sie Klimaschutzmaßnahmen unterstützen, daran arbeiten Bewusstsein zu bilden und auf Tropenholz aus Raubbau verzichten. In der Bodenseeregion sind diverse Städte und Kommu­ nen Teil des Bündnisses. Zu ihnen zählen auch unsere hier angeführten Städte und Gemeinden Konstanz, Kempten, Wildpoldsried, Friedrichs­ hafen, Bregenz, Dornbirn, St. Gallen, Zürich und das Bundesland Vorarlberg. Die 2.000­Watt­Gesellschaft ist eine energiepolitische Vision. Sie strebt eine glo­ bal gerechtere Verteilung des Energieverbrauchs und einen geringeren Ausstoß von Treibhausgasen an. Die Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETHZ) hat 1998 errechnet, dass dies möglich ist, wenn der Energiebedarf jeder Person auf der Welt bei 2.000 Watt liegt. Viele europäische Län­ der liegen weit über diesem Wert. Die Initiative betrachtet den Energiebedarf in den Bereichen Wohnen, Essen, Mobilität und Konsum. Durch nachhaltiges Bauen, mehr Energieeffzienz, das Umstellen auf erneuerbare Energien und auf andere Lebens­ und Unternehmensformen sei eine Senkung unseres Energiebedarfs möglich. Damit spricht die Initiative sowohl Individuen, Unternehmen und die Immobilienwirtschaft als auch Gemeinden und Städte an. Sie ist aus dem Interreg­Projekt Wir leben 2.000 Watt in der Alpenrhein­, Bodensee­ sowie Hochrein­Region entstanden. Das Projekt ging 2014 zu Ende, die regionale Zusammenarbeit im Bodenseekreis besteht jedoch bis heute. So sind zur Zeit Bregenz, Konstanz, St. Gallen und Friedrichshafen Mitglieder. Linktipp Linktipp Klimabündnis  https://www klimabuendnis org/home html „Wir leben 2000 Watt“  https://www wirleben2000watt com/wir-leben2000-watt 69 7. R E G I O N A L E I N S T I T U T I O N E N U N D I N I T I AT I V E N 7.6 European Energy Award und e5 Landesprogramm für energieefziente Gemeinden 70 Der European Energy Award (eea) bietet als Qua­ litätsmanagementsystem und Zertifzierungsver­ fahren Gemeinden und Städten die Möglichkeit, kommunale Energieeffzienz und Aktivitäten im Klimaschutz zu messen. Mit Hilfe eines mehrstu­ fgen Systems werden Erfolge sichtbar gemacht. Das e5 Landesprogramm für energieeffziente Gemeinden (e5) ist eine nationale österreichische Initiative, die ebenfalls am eea beteiligt ist und einen europäischen Vergleich ermöglicht. Das Programm unterstützt Gemeinden bei der Klima­ schutzarbeit mit dem Ziel, Maßnahmen lokal umzusetzen sowie auszuwerten, ob diese lang­ fristig wirken. So sollen Verbesserungspotenziale aufgedeckt sowie Strukturen für Energieprojekte aufgebaut und gestärkt werden. Linktipp European Energy Awards  https://www european-energy-award de/ Eine Vernetzung aller Städte am Bodensee, die am eea, dem e5­Programm oder dem Schweizer Energiestadt­Programm teilnehmen, fndet über die Plattform des Projektes Energieeffzienzge­ meinde statt. Gemeinsam suchen die Städte nach Impulsen für die Umsetzung energiepolitischer Maßnahmen. Die Landeshauptstadt Bregenz ist seit über zehn Jahren beim e5­Programm dabei und hat mittlerweile vier von fünf möglichen „e“ erreicht. Dornbirn hat mit fünf von fünf die höchste Auszeichnungsstufe erreicht und ist damit genauso wie Friedrichshafen und Wildpoldsried eea Gold zertifziert. Linktipp e5­Programm  https://www e5-gemeinden at/ 7. R E G I O N A L E I N S T I T U T I O N E N U N D I N I T I AT I V E N 7.7 Konvent der Bürgermeister 7.8 Fairtrade-Towns 71 2008 gründete die Europäische Kommission den Konvent der Bürgermeister. Ziel der Initiative ist es, Kommunen dabei zu unterstützen, eine nach­ haltige Energiepolitik umzusetzen. Sie motiviert lokale und regionale Akteurinnen und Akteure dazu, die EU­Vorgaben zur Reduzierung der CO2­ Emissionen um 20 Prozent bis 2020 noch zu übertreffen. Mittlerweile ist die Initiative weltweit mit über 9.000 Städten, Kommunen und Regio­ nen in 56 Ländern vertreten. Die Städte verpfich­ ten sich mit ihrer Beteiligung dazu, energieeffzi­ enter zu werden und nachhaltige Energiequellen zu nutzen. Zürich, Bregenz und Friedrichshafen sind Teil der Initiative. Linktipp Konvent der Bürgermeister  https://www konventderbuergermeister eu/de/ Fairtrade­Towns fördern den fairen Handel auf kommunaler Ebene und unterstützen gleichzeitig die Vernetzung von Politik, Wirtschaft und der Bevölkerung. Im Rahmen der Initiative vergeben anerkannte Zertifzierungsstellen den Fairtrade­ Status an Städte, die sich für den fairen Handel stark machen. Linktipp Fairtrade­Towns  https://www fairtrade-towns de/aktuelles 8. ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK 72 Der Grundstein der Nachhaltigkeits- und Entwicklungspolitik Die hier vorgestellten kommunalen Beispiele und deren Aktivitäten zeigen, dass Nachhaltigkeit bereits auf der lokalen Ebene in den Städten, Gemeinden und Landkreisen der Bodenseeregion gelebt wird. Wer sich mit den SDGs genauer beschäftigt, wird schnell feststellen, welche Potenziale und Chancen die globalen Nachhaltig­ keitsziele auch auf lokaler Ebene bieten. Nachhal­ tigkeit liegt wieder voll im Trend. Das mag sicher­ lich an dem frischen Wind der Agenda 2030 lie­ gen, aber unter anderem auch an der Corona Krise, die ein Umdenken in der Bevölkerung bewirkt hat und ein nachhaltiges Handeln zuneh­ mend verstärkt einfordert. Der Grundstein für Engagement in der Entwicklungs­ wie Nachhaltig­ keitspolitik wird in den Kommunen gelegt. Die Lokalisierung der SDGs fällt dennoch den Kom­ munen nicht ganz leicht. Für viele lokale Verant­ wortliche wirken die für die Staaten der Verein­ ten Nationen formulierten Nachhaltigkeitsziele erst einmal weit entfernt und nicht für die lokale Ebene relevant genug. Vielleicht würden hier von den globalen Nachhaltigkeitszielen abgeleitete defnierte kommunale SDGs weiterhelfen, um die Nachhaltigkeitsprozesse auf lokaler Ebene zu beschleunigen. Zum Teil ist es für die Kommunen herausfordernd, den globalen wie nationalen und regionalen Nachhaltigkeitsstrategien gerecht zu werden. Aus diesem Grund wünschen sich Kommunen von höherer Stelle eine klare Rollenklärung und Benennung von Verantwortlichkeiten. Manche von ihnen gehen sogar soweit, dass sie zudem genaue Vorgaben in Bezug auf Nachhaltigkeit erwarten, die mit den hierfür benötigten Finanz­ mitteln unterfüttert sind. Über die wichtige Rolle der Kommunen ist man sich einig und sie wird auch in allen Papieren immer wieder betont. Aber die Rolle ist bisher nicht exakt defniert und genau das fehlt den Kommunen zur Orientierung. Papier ist geduldig und daher ist es dringend not­ wendig, die Kommunen als Partnerinnen des Bundes und der Länder stärker als zuvor zu akzeptieren und mit ihnen direkt in ein Gespräch zu kommen, um ein funktionierendes, harmoni­ siertes Mehrebenenmodell einer nachhaltigen Entwicklung in Deutschland zu etablieren. Kom­ munen als kleinste Einheit in der Hackordnung der staatlichen Gliederungen müssen ihre Rolle und Rechte in Bezug auf ihre Nachhaltigkeitsleis­ tungen schon manchmal fast erkämpfen. Hier wäre eine Erneuerung eines gemeinsamen Vorge­ hens der Bundes­ und Landesregierungen mit den Kommunen als gleichberechtigte Partnerin­ nen wünschenswert. Dabei ist darauf zu achten, dass es seitens der Kommunen nicht als Anord­ nung von oben missverstanden wird. Jede Kom­ mune ist einzigartig und hat unterschiedliche Rahmenbedingungen, die dabei berücksichtigt werden müssen. Die Umsetzung der Agenda 2030 ist bisher eine freiwillige kommunale Auf­ gabe. Dies schränkt insbesondere Kommunen mit unausgeglichenen Haushalten bei der Umset­ zung ein, wenn es um den Einsatz von Geld und Personal geht. Gesamtheitliche Betrachtung der Agenda 2030 Wie die Praxisbeispiele zeigen, wird beim Thema Nachhaltigkeit in erster Linie an Umwelt­ oder Kli­ maschutzthemen gedacht. Dass Nachhaltigkeit mit globaler Verantwortung einhergeht, muss noch stärker ins Bewusstsein rücken. Aus diesem Grund wird bei den Angeboten der SKEW darauf geachtet, dass globale Verantwortung als kommu­ nales Handlungsfeld ebenso wie andere Themen­ felder der Nachhaltigkeit in den kommunalen Verwaltungsalltag verankert wird. Zudem ist immer wieder zu beobachten, dass die Agenda 2030 noch nicht als Gesamtansatz wahrgenom­ men wird. Zur Agenda 2030 gehören nicht nur die SDGs. Die Präambel der Agenda ist mindes­ tens genauso bedeutsam. Deshalb ist es wichtig, dass kommunales Handeln sich nicht nur auf einzelne SDGs bezieht, sondern immer auch die Zusammenhänge und Zielkonfikte mit den ande­ ren SDGs betrachtet. 8. ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK Kommunale Vernetzung als Motor der Nachhaltigkeit Die vorliegende Publikation hat auch gezeigt, dass eine kommunale Vernetzung von unglaub­ licher Bedeutung ist. Das aktuelle Beispiel des Aktionsbündnisses „Für die Würde unserer Städte“ zeigt, wie Städte und Kreise aus dem ganzen Bundesgebiet, die vor einem fnanziellen Absturz stehen, für Hilfe zur Selbsthilfe von Land und Bund werben, um die Lebensqualität für die Bürger und Bürgerinnen zu sichern. Dem Aktions­ bündnis gehören mittlerweile über 70 Kommunen aus acht Bundesländern an. Die transnationale Bodenseeregion kann auf bestehende Strukturen der Vernetzung aufbauen. Zu diesen Strukturen gehört auch die Konstanzer Nachhaltigkeitskonferenz, die im Jahr 2020 bereits zum dritten Mal stattgefunden hat. Diese Veranstaltung der SKEW im Rahmen des Projekts Global Nachhaltige Kommune hat klar gezeigt, dass der Wunsch nach grenzübergreifendem, kommunalem Austausch zur Nachhaltigkeitspra­ xis besteht. Ab 2021 sind daher regelmäßige unterschiedlich fachbezogene, interkommunale Arbeitsgruppentreffen in der Bodenseeregion geplant, die zum Teil von den Kommunen selbst organisiert werden und durch Fachbeiträge exter­ ner Expertinnen und Experten begleitet werden. Sie sollen den regionalen Nachhaltigkeitsaus­ tausch und die grenzübergreifende kommunale Zusammenarbeit fördern, die Kapazitäten der Verwaltungsmitarbeitenden stärken und als Hilfe­ stellungen und Informationsbrücken zwischen Gemeinden mit unterschiedlichem Wissens­ und Umsetzungsstand dienen. Aus diesen Verwaltungs­ netzwerken können gemeinsame SDG­Aktivitäten im Tandem entstehen, bei denen Kommunen aus unterschiedlichen Ländern zusammenarbeiten. Das Handlungsfeld Global Nachhaltige Kommune bietet einen weiteren guten Ansatzpunkt für Kommunen für einen Verwaltungsaustausch. Mit der Unterzeichnung der Musterresolution zur Agenda 2030 können sich deutsche und auch österreichische Kommunen zu einer nachhaltigen Entwicklung vor Ort und weltweit bekennen und signalisieren, dass sie im Rahmen ihrer Möglich­ keiten entsprechende Maßnahmen zur Umsetzung der SDGs ergreifen. Daraus ist ein bundesweites Netzwerk mit dem Namen „Club der Agenda 2030 Kommunen“ entstanden, dem aktuell 180 Kommunen angehören. Einige der Kommunen der Bodensee Region haben mitgezeichnet, andere holen dies im Laufe des Jahres noch nach. Die Musterresolution dient in erster Linie der Sensibi­ lisierung und Bekanntmachung der Agenda 2030 in der Verwaltung und in der Kommunalpolitik. Das österreichische Modell lehnt sich an das deutsche an und auch die Schweiz hat Interesse, das Instrument einzuführen. Entwicklung einer regionalen „BodenseeAgenda 2030“ Die Region hat als wichtige Handlungsebene von Politik und Verwaltung in den letzten Jahrzehnten zunehmend an Bedeutung gewonnen. Regionale Herausforderungen sind insbesondere die Auswir­ kungen des demografschen Wandels, die Folgen des Klimawandels, der zunehmende Flächenver­ brauch und die Sicherung der Daseinsvorsorge oder der wirtschaftliche Strukturwandel. Hier gilt es verstärkt, Lösungen im überörtlichen und zugleich überfachlichen Kontext zu fnden. Im Vierländerbereich der Bodenseeregion besteht ein Zusammenleben von Nationen, die EU­ und Mit­ gliedsstaaten der europäischen Freihandelszone sind, beides bietet gute Voraussetzungen dafür, zum Klimapaket Green Deal der EU beizutragen. Die Bodenseeregion bietet sich daher an, ein Modellraum im Rahmen des EU Green Deals und kommunaler Rahmenrichtlinien zu werden. Das könnte beispielsweise eine transnationale Boden­ see­Agenda 2030 sein, in der Kommunen vonein­ ander lernen und gemeinsam die globalen Nach­ haltigkeitsziele in der Region voranbringen. 73 8. ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK 74 Zur Erfüllung dieser Aufgabe ist eine regionale Nachhaltigkeitsstrategie empfehlenswert, die die Ansprüche einer sozialen, ökologischen und öko­ nomischen sowie der globalen Verantwortung an die Region in Einklang bringt. Nachhaltige Regio­ nalentwicklung ist ein Prozess, an dem möglichst viele Kommunen aus der Region beteiligt sind. Darüber hinaus sind aber auch Unternehmen, Zivilgesellschaft, Wissenschaft, Verkehrsbetriebe und die Bürgerinnen und Bürger als Beteiligte an der nachhaltigen Gestaltung der Region mit dabei. Als Teil der regionalen Nachhaltigkeitsstrategie werden eigene kurz­, mittel­ und langfristig zu realisierende Projekte in den verschiedenen Handlungsfeldern der Agenda 2030 entwickelt und dabei werden Fachbereiche und sogar Lan­ desgrenzen überschritten. Das Ziel aller Aktivitäten sollte sein, ein möglichst wirkungs­ und beteiligungsorientiertes Nachhal­ tigkeitsmanagement für die Region zu praktizie­ ren, um die Agenda 2030 mit den globalen Nach­ haltigkeitszielen erfolgreich regional umzusetzen und dabei die Identifkation mit der Region zu stärken. Des Weiteren werden die Bürgerinnen und Bürger sowie die verantwortlichen Akteurin­ nen und Akteure in der Zivilgesellschaft und in der Wirtschaft befähigt, sich aktiv für die Umset­ zung der Ziele und somit für eine nachhaltige Entwicklung vor Ort zu engagieren. Als Kooperationspartnerin käme die Bodensee­ Stiftung in Betracht. Das Thema wird bei der nächsten Konstanzer Nachhaltigkeitskonferenz weiter behandelt und die Einschätzungen der Kommunen zu diesem potenziellen Projekt einer regionalen Nachhaltigkeitsstrategie erörtert. Veränderung braucht Zeit und Mut – aber es lohnt sich. Damit sich Einstellungen und kommunales Handeln nachhaltig ändern, sollten die Kommu­ nen die Chancen ergreifen, die die Agenda 2030 bietet, und kontinuierlich weiter mit­ und vonein­ ander lernen. Die SKEW steht den Kommunen dabei mit ihren vielfältigen Beratungsangeboten zur Seite. 9. DIE SERVICESTELLE KOMMUNEN IN DER EINEN WELT 75 Engagement Global versteht sich als Partnerin für Entwicklungsinitiativen und zentrale Anlaufstelle für entwicklungspolitisches Engagement. Sie informiert, berät und fördert Einzelpersonen, Zivilgesellschaft, Kommunen, Schulen, Wirtschaft und Stiftungen zu entwicklungspolitischen Vorha­ ben. Die zahlreichen Angebote der entwicklungs­ politischen Informations­ und Bildungsarbeit und der fnanziellen Förderung stärken das Engage­ ment der Zivilgesellschaft – sowohl in den Part­ nerländern der deutschen Entwicklungszusam­ menarbeit als auch in Deutschland. Ihre Servicestelle Kommunen in der Einen Welt steht speziell deutschen Kommunen als Kompe­ tenzzentrum in allen Fragen kommunaler Ent­ wicklungspolitik und einer nachhaltigen Entwick­ lung zur Seite. Sie unterstützt Akteurinnen und Akteure aus Kommunalverwaltungen und Politik in ihrem entwicklungsbezogenen Engagement durch Qualifzierungs­, Informations­ und Bera­ tungsangebote, setzt Modellprojekte um und gibt Hilfestellung zur fnanziellen und personellen Förderung. Mit dem Ziel, kommunale Partner­ schaften zu stärken, bietet die SKEW Kommunen aus Deutschland und aus Ländern des Globalen Südens eine Dialogplattform, um Erfahrungen auszutauschen und gemeinsam lokale Lösungs­ ansätze zu globalen Fragen zu entwickeln. Immer mehr deutsche Kommunen pfegen Part­ nerschaften mit Städten und Gemeinden in Afrika, Asien, Lateinamerika und Ost­ und Süd­ osteuropa, engagieren sich in Klimaprojekten, beteiligen sich beim Aufbau demokratischer Strukturen und vermitteln kommunales Know­ how. Dieses kommunale Engagement im Ausland fndet seine Entsprechung im Inland: Deutsche Kommunen fassen Beschlüsse zur Agenda 2030 oder fairen Beschaffung, entwickeln Nachhaltig­ keitsstrategien im Hinblick auf die 17 globalen Nachhaltigkeitsziele und kooperieren mit migran­ tischen Organisationen oder unterstützen weitere lokale Akteurinnen und Akteure der Zivilgesell­ schaft und die entwicklungspolitische Informa­ tions­ und Bildungsarbeit. Mit diesem Bündel an Maßnahmen im In­ und Ausland tragen deutsche Städte, Gemeinden und Landkreise auf wirksame Weise dazu bei, internationale Ziele der Weltge­ meinschaft auf lokaler Ebene zu erreichen. 9. D IE S E R V I C E S T E L L E KO MMU NE N IN D E R E INE N W E LT Lokalisierung der SDGs – Unterstützungsangebote des SKEW-Programms Global Nachhaltige Kommune (GNK) 76 Nachhaltigkeit und globale Verantwortung muss in den Kommunen zum Standard werden. Aber wie können Kommunen ökonomische, soziale, ökologische und globale Verantwortung überneh­ men? Wie können die SDGs Teil des Alltags werden? Im Rahmen von Global Nachhaltige Kommune (GNK) berät und fördert die SKEW Kommunen bei der Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele. Lokalisierung der SDGs – Kommunale Zukunftspolitik vorausschauend planen und umsetzen GNK bietet Beratungsleistung zur strategischen Verankerung der SDGs: Bestandsaufnahmen und SDG­Analysen sowie die Erarbeitung von Nachhal­ tigkeitsstrategien und ­berichten, Leitbildern oder SDG­Aktionsplänen. rung eines kommunalen Nachhaltigkeitsmanage­ ments und schaffen ein Bewusstsein für globale Verantwortung als strategisches Handlungsfeld. Vernetzung und Peer Learning zwischen Kommunen stärken GNK fördert durch regionale, bundesweite und internationale kommunale Netzwerke die Rolle der Kommunen in der Transformation der Agenda 2030. Angebote des Peer­to­Peer Learnings stär­ ken die Motivation und tragen zur gemeinsamen Lösung von Problemfeldern bei der Lokalisierung der SDGs bei. Mehr Infos zu den Angeboten von GNK  https://skew engagement-global de/globalnachhaltige-kommune html SDG-Werkzeugkasten – Lernen wie Veränderungen und Ergebnisse zu deuten sind GNK unterstützt mittels Monitoring­ und Erhebungs­ instrumenten Kommunen dabei, den Erfolg der SDG­Umsetzung zu messen und auszuwerten. Wir bieten Trainings und Fachseminare zur Verbesse­ Machen Sie sich auch auf den Weg zu einer Globalen Nachhaltigen Kommune! Gemeinsam meistern wir jedes Projekt und fnden Ihre optimale Lösung! Treten Sie mit uns in Kontakt! Auftaktkonferenz zu GNK in NRW am 27. Juni 2019 mit 118 Teilnehmenden aus Kommunen und der interessierten Fachöfentlichkeit © LAG 21 NRW Musterresolution für Kommunen zur Agenda 2030 77 ANHANG ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS 78 ALP Akademie für Lehrerfortbildung und Personalführung ARE Bundesamt für Raumentwicklung, Schweiz BAFU Bundesamt für Umwelt, Schweiz Beirat N! Beirat der Landesregierung Baden-Württemberg zur nachhaltigen Entwicklung BFS Bundesamt für Statistik, Schweiz BMU Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit, Deutschland BMZ Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Deutschland BPUK Bau-, Planungs- und Umweltdirektoren-Konferenz EBD Entwicklungspolitische Bildung Deutschland eea European Energy Award EFRE Europäischer Fonds für Regionale Entwicklung ENP Energienutzungsplan ESDN European Sustainable Development Network ETHZ Technische Hochschule Zürich EU Europäische Union Eza! Energie- und Umweltzentrum Allgäu FHS Fachhochschule St Gallen FNU Freiwilliger Nationaler Bericht zur Umsetzung der nachhaltigen Entwicklungsziele/SDGs FWOA Zweckverband Fernwasserversorgung Oberes Allgäu GNK Global Nachhaltige Kommune HLPF High Level Political Forum on Sustainable Development IBK Internationale Bodensee-Konferenz IFBB Integrierte Festbrennstof- und Biogasproduktion aus Biomasse IHZE Internationale Humanitäre Zusammenarbeit und Entwicklung IKSK Integriertes Klimaschutzkonzept IMAG 30 Interministerielle Arbeitsgruppe Umsetzung der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung, Österreich ANHANG 79 KKU Kemptener Kommunalunternehmen LGBTQI+ Lesbian, Gay, Bisexual and Transgender (Menschen mit unterschiedlichen Identitäten und sexuellen Orientierungen) LUBW Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg MDGs Millennium Development Goals NENA Netzwerk nachhaltige Bürgerkommune ÖBS ÖkoBeschafungsService ÖPNV Öfentlicher Personennahverkehr RENN Regionale Netzstelle Nachhaltigkeit RNE Rat für Nachhaltige Entwicklung SDGs Sustainable Development Goals SGV Schweizerischer Gemeindeverband SKEW Servicestelle Kommunen in der Einen Welt SNE Strategie nachhaltige Entwicklung, Schweiz SSV Schweizerischer Städteverband STEP Stadtentwicklungsprogramm Zukunft Konstanz 2020 UN United Nations (Vereinte Nationen) UNESCO United Nations Educational, Scientifc and Cultural Organization (Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur) UNICEF United Nations Children’s Fund (Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen) VET4Africa Vocational Education and Training for Africa PUBLIKATIONEN DER SERVICESTELLE KOMMUNEN IN DER EINEN WELT 80 Die Servicestelle Kommunen in der Einen Welt stellt alle ihre Publikationen und Informations­ materialien zum kostenfreien Bestellen (sofern noch nicht vergriffen) oder als Download auf ihrer Homepage bereit:  https://skew engagement-global de/publikationen html „Dialog Global”-Schriftenreihe  Nr. 61: Klimapartnerschaften – Dokumentation der sechsten Projektphase. Bonn, Februar 2021  Nr. 60: Ökosoziale Beschafung – Gemeinsam auf kommunaler Ebene vorangehen. Eine Einführung mit Tipps für Verwaltung, Politik und Zivilgesellschaft. Bonn, Januar 2021  Nr. 59: ASA-Kommunal, Dokumentation der Jahrgänge 1 bis 7 (2013 bis 2019).          Bonn, Dezember 2020 Nr. 58: Hauptstadt des Fairen Handels 2019. Bonn, September 2020 Nr. 57: Finanzielle Unterstützung für kommunale Partnerschaften - Über die Schulter geschaut: Aus den Erfahrungen anderer lernen. Bonn, September 2020 Nr. 56: Einbindung sozialer Kriterien nach der Vergaberechtsreform im Unterschwellenbereich. Bonn, März 2020 Nr. 55: Gute Beispiele „Migration und Entwicklung“. Bonn, Februar 2020 Nr. 54: Kommune bewegt Welt 2018 - Der Preis für herausragende kommunale Beispiele zu Migration und Entwicklung. Bonn, Mai 2019 Nr. 53: Kommunale Klimapartnerschaften. Dokumentation der fünften Projektphase. Bonn, April 2019 Nr. 52: Rechtliche Aspekte des entwicklungspolitischen Engagements kommunaler Unternehmen. Bonn, März 2019 Nr. 51: Hauptstadt des Fairen Handels 2017. Bonn, April 2018 Nr. 50: Agenda 2030 vor Ort. Kommunen in Niedersachsen zeigen, wie es geht. Bonn, April 2018 „Material“-Schriftenreihe:  Nr. 109: Gesamtdokumentation - Global Nachhaltige Kommune Schleswig-Holstein, Bonn, April 2021  Nr. 108: 5. Baruther Schlossgespräche für eine Nachhaltige Entwicklung in Brandenburg,     16. September 2020 in Baruth/Mark. Bonn, Januar 2021 Nr. 107: Vierte Konferenz „Kommunale Partnerschaften mit Afrika“, 9. bis 11. September 2019 in Hannover. Bonn, März 2020 Nr. 105: Internationaler Auftaktworkshop der siebten Phase im Projekt „Kommunale Klimapartnerschaften“, 14. bis 16. Mai 2019 in Münster. Bonn, Dezember 2019 Nr. 104: Internationaler Auftaktworkshop der sechsten Phase im Projekt „Kommunale Klimapartnerschaften“, 9. bis 11. Oktober 2017 in Bremen. Bonn, August 2019 Nr. 103: Dritte deutsch-ukrainische kommunale Partnerschaftskonferenz, 10. bis 11. Oktober 2018 in Freiburg im Breisgau. Bonn, Juli 2019 P UB L IK AT IONEN Sonstige Publikationen:  Unsere Angebote. Bonn 2020  Über uns. Kurzprofl der Servicestelle. Bonn 2018  Kommunale Entwicklungspolitik öfnet Türen. Gute Beispiele aus engagierten Kommunen. Bonn, Mai 2019  Starke kommunale Partner. Wie Städte, Gemeinden und Landkreise sich für globale Nachhaltigkeit engagieren. Ein Dossier in Zusammenarbeit mit der Redaktion welt-sichten (Beilage zur Ausgabe 7-2019 von welt-sichten) Alle Informationen, Termine, Aktivitäten, Tipps und Hintergrundberichte aktuell in den monatlichen ***Eine-Welt-Nachrichten*** der Servicestelle. Kostenfrei! Bestellformular auf unserer Homepage unter www service-eine-welt de 81 ENGAGEMENT GLOBAL gGmbH Service für Entwicklungsinitiativen Friedrich-Ebert-Allee 40 • 53113 Bonn Postfach 12 05 25 • 53047 Bonn Telefon +49 228 20 717-0 Telefax +49 228 20 717-150 info@engagement-global.de www.engagement-global.de Im Auftrag des
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