Path:
V. Die Brüdergemeine Rixdorf

Full text: Geschichte der Brüdergemeinde Rixdorf zum 150jährigen Jubiläum der Gemeinde im Jahre 1906 (Public Domain)

310 
hatten, am Halleschen Tor die Stadt zu erstürnieen, zogen sie ab, 
und die Gemeine atmete dankbar auf — der Herr hatte sie gnädig 
behütet, und „die paar tausend Taler, die man Schaden hatte, 
trug man gern“, so schmerzlich auch der Verlust war. 
Schlimmer kam es im Jahre 1760, als am 2. Oktober ein 
russisches Corps anrückte, vor dem Weiber und Kinder schleunigst 
in die Stadt flüchteten, wo sie bei den Geschwistern in der Wilhelm— 
straße freundliche Aufnahme, freilich entsetzlich enges Quartier fanden. 
Um 8. Oktober kamen die ersten Kosaken in das Dorf, in dem 
nur die Brüder und größeren Unaben zurückgeblieben waren Sie 
plünderten ziemlich gründlich, erpreßten Geld und rissen Manchen 
selbst die Kleider vom CLeibe. Von Schöneberg und den von dort 
nach Rirdorf sich hinziehenden Höhen, u. a. also auch von dem 
damals noch weit außerhalb der Stadt liegenden UKreuzberg aus 
wurde Berlin beschossen, und man erwartete neue Drangsale; dennoch 
bersäumte man auch mitten in dem Kriegslärm und aller Unruhe 
und Gefahr nicht, sich am Abend in der gewohnten Weise zur 
Versammlung zusammen zu finden und tröstete und erquickte sich 
an der Losung des Tages: „Dein Vater, der dir so durchhilft, 
wer ist das? der Gott der Hebaoth, der sonst aller Welt Gott, 
und seiner Christen Gott!“ — und er half auch diesmal. 
Es ging aber hier in Rirdorf hart her. Das Diarium be— 
richtet unter dem 7. Oktober sehr anschaulich folgendes: „In aller 
Frühe war Rücksdorf wieder von den russischen Truppen angefüllt. 
Nahe am Dorf war ein scharfes Scharmützel, und unsere Brüder 
mußten ihre Wohnungen, in denen sie die paar Nächte gewesen, 
wieder verlassen. Sie fanden endlich ihre Zuflucht in einem Garten 
bei einigen Husaren, welche blessierte Pferde zu hüten hatten; denen 
dienten sie, und die waren ihr Schutz. Sie machten sich endlich 
eine Hütte von Reisig und Stroh, um sich etwas vor Wind und 
Regen zu bergen. Ihre Nahrung waren Lartoffeln und Rüben, 
und etwas Fleisch, was die Kosaken von dem geschlachteten Viel) 
liegen gelassen hatten, und ihr Trank Wasser aus einem Graben 
im Garten. Aus den Scheunen und Gebäuden wurde vollends 
alles Getreide und Heu herausgeschleppt, was sonst noch zu 
finden war, weggenommen, und was nicht zu ihrem Gebrauch 
war, ruiniert und zu schanden gemacht. Im Anstaltshause wurde 
heute und die folgenden Tage alle Arbeit von den Webstühlen 
heruntergerissen und das übrige zerhackt und ruiniert. Etliche
	        
Top of page
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.