Path:
Zille und seine Modelle

Full text: Das Zillebuch / Ostwald, Hans (Public Domain)

auch sie standen gut mit ihm. Er gehörte zu den wenigen 
Künstlern, bei dem das Volk gewissermaßen roch, daß er 
zu ihnen gehörte. Dennoch weilß auch Zille von manchem 
unfreundlichen Erlebnis zu berichten und äußerte nach- 
denklich: 
„Wenn ein Zeichner die Menschen aufs Papier bringen 
will, sind sie alle beleidigt, drehen den Kopf weg und schimp- 
fen oder wollen ‚einen aus dem Anzug stoßen!‘ 
Wenn aber ein Photograph sie --* die Platte haben will: 
Dann sind sie alle da une marhen ein freundliches Gesicht!‘ 
„Erst wollten viele von den Brüdern in den Destillen 
nichts von mir wissen. Sie waren höllisch mißtrauisch. Ich 
mußte sie heimlich zeichnen — hinter ’nc Zeitung oder hinter 
'm Weißbierglas. Damals gab’s ja noch die großen Bottiche, 
in die man mit’'n Daumen reinfassen mußte, um sie hoch 
zu heben. Jeder kannte seine Stelle an seinem Daumengriff. 
Oder ich mußte heimlich unter’m Tisch rasch in’t Buch 
skizzieren. 
Aber bald freuten sie sich, wenn ich kam. Ich kaufte ja 
auch meistens, was auf der Theke stand — Buletten oder 
Rollmöpse — und teilte aus. Und denn konnt’ ick ooch mal 
n Witz riskieren. Und weil mir ein Schriftsteller schon oft 
gesagt hatte, er würde gern mit mir mitkommen, fragte ich 
eines Tages in der Kneipe, ob es ihnen recht wäre, wenn ich 
den mitbringen würde. 
‚Den?‘ sagten sie vergnügt. ‚Ja, bringen Se den man mal 
mit. Denn kann er aber seine Dreckfinger amputieren lassen. 
Der schreibt ja bloß über uns, um Jeld zu schinden... 
Der soll man kommen!‘ 
Sie mußten wohl gesehen haben, daß ich ’n bißchen stutzig 
wurde über ihre drohenden Gebärden. Sie beruhigten mich 
aber wieder: 
‚Nee — Meister Zile — Sie können immer wiederkommen. 
Ihnen duhn wir nischt. Sie meinen’s ja ehrlich!‘ “ 
0
	        
Top of page
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.